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Von – 1. September 2000

Ohne Respekt geht es nicht

Johann Wolfgang Goethe hielt nicht allzu viel von der Toleranz. „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“ schrieb er. Heute, wo die Forderung nach mehr Toleranz in der politischen Diskussion zunehmend wie eine Zauberformel gehandhabt wird, die für alle Probleme eine Lösung bieten soll, ist es hilfreich, sich an Goethes Einsicht zu erinnern. Toleranz ist eben gerade nicht Anerkennung. Aber: Wie weit kann Anerkennung gehen, wenn– wie etwa im Dialog der Religionen – auch die Frage nach der Wahrheit zu stellen ist?

Christian Schwindt ist Pfarrer bei der Evangelischen Erwachsenenbildung Frankfurt

Dass Religion, zumal das Christentum, intolerant sei, ist ein geradezu klassischer Vorwurf. Was läßt sich hierzu sagen? Der Blick in die Geschichte fällt in dieser Sache ja auch denkbar zwiespältig aus. Zwar sind durchaus Plädoyers für religiöse Toleranz zu finden, aber das Christentum hat das Toleranzgebot auch vielfach verleugnet und missachtet. Zwangsmission, Zwangstaufe, gewaltsame Unterdrückung Andersgläubiger und Andersdenkender waren die Folge. Ist das Christentum also intolerant?

Angesichts von wachsendem Antisemitismus und Fremdenhass, bestehender Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, Andersdenkenden und Anderslebenden ist diese Frage durchaus auch von aktueller Bedeutung, wenn man bedenkt, dass Religion und Politik ernstzunehmende Schnittstellen haben.

Um auf die gestellte Frage eine Antwort zu finden, ist es notwenig anzugeben, was eigentlich mit Toleranz gemeint sein soll. Bei genauerer Betrachtung stößt man dabei allerdings gegenwärtig auf die unterscheidlichsten Verständnisse und Bewertungen des Toleranzgedankens. Für die einen besteht Toleranz in einer Haltung wechselseitigen Respektes, für die anderen in der pragmatisch oder eher strategisch motivierten Duldung von falschen Überzeugungen oder Praktiken. Manche sehen in der Toleranz eine Form von Solidarität mit dem Anderen oder Fremden, andere wiederum halten sie für Gleichgültigkeit oder Skeptizismus. In Anbetracht dieser verschiedenen Auffassungen, ist es hilfreich, an die Herkunft des Begriffs zu erinnern. Er wurde ursprünglich im Sinne religiöser Duldsamkeit (lat. tolerantia) gebraucht. Eine tolerante Haltung einzunehmen hieße in Anlehnung an diese ursprüngliche Bedeutung, die Identität der jeweiligen Position zu achten, aber nicht notwendigerweise für richtig, gut oder angemessen zu halten. Und obwohl man anderer Meinung ist, verzichtet man auf Zwang, Gewalt oder psychischen Druck, um die eigene Meinung durchzusetzen oder auf Verhältnisse zu hoffen, die dies ermöglichen.

Mit dieser Bestimmung ist festgehalten, dass zu einer toleranten Haltung sowohl eine Ablehnungs-Komponente, wie auch eine Zustimmungs-Komponente gehören, wobei die Ablehnungs-Komponente überwiegt. Bei einer toleranten Haltung geht es im Grundsatz darum, der Andersartigkeit des Anderen mit Respekt zu begegnen. Dabei ist das Prinzip der Gegenseitigkeit von wesentlicher Bedeutung. Kritik ist dabei nicht ausgeschlossen. Wäre Kritik nämlich ausgeschlossen, so wäre vernünftigerweise nicht mehr einsichtig zu machen, worüber man eigentlich noch sprechen sollte. Die Folge wäre Gleichgültigkeit. Toleranz ist damit eine Tugend, die andere Glaubens-, Wirklichkeits- oder Lebensentwürfe unter Ausschluss von Gewalt mit Respekt und durchaus selbstbewusst „erträgt“.

Das Christentum hat diese Tugend erst wieder lernen müssen, wenngleich wichtige biblische Texte zur Toleranz auffordern und vom Prinzip der Gegenseitigkeit geprägt sind. Man denke etwa an das Gleichnis, das vor der Gefahr warnt, den Weizen zusammen mit dem Unkraut auszureißen, oder an Jesu Liebesgebot und die Bergpredigt. Jesus hat zur Nachfolge eingeladen und sie nicht erzwungen, gegen Sünder und Sünderinnen nahm er eine von Liebe, nicht von Strafe geprägte Haltung ein. Paulus schließlich betont, dass die Freiheit des Glaubens nicht erzwungen werden kann und mahnt zum gegenseitigen Ertragen.

Doch geht es im Zeitalter weltweiter christlicher Ökumene und wachsender interreligiöser Beziehungen nicht doch um mehr? Geht es nicht darum, anderen einen eigenen inneren Wert ihrer Glaubensüberzeugung oder Weltanschauung zuzugestehen? Diese Diskussion ist wichtig, aber mit Toleranz hat sie nicht mehr viel zu tun. Denn der Gegenstand der Toleranz ist, wie gesagt, für den, der Toleranz übt, etwas, das er letztlich nicht billigen, für wahr oder gut halten kann.

Die Frage, ob es möglich ist, die jeweilige andere Religion oder Weltanschauung in ihrem Geltungsanspruch wirklich anzuerkennen und Wert zu schätzen, muss noch weiter theologisch und philosophisch erörtert werden. Der Respekt vor einander ist dabei auf jeden Fall die notwendige Grundlage.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2000 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Christian Schwindt ist Pfarrer bei der Evangelischen Erwachsenenbildung Frankfurt.

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