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Von – 1. Dezember 2000

Maria hinter sieben Schleiern

Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, doch keins von allen kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt, dichtete Novalis. Doch Hand aufs Herz: Mit den tausend Bildern der Maria haben unsere protestantischen Seelen nicht so viel zu tun. Wie erblickt unsere Seele sie denn? Blickt sie überhaupt auf diese Frau? Was wissen wir von ihr?

Christiane Hoffmann ist Pfarrerin in der Festeburggemeinde in Preungesheim

In der Advents- und Weihnachtszeit finden wir vielleicht noch am ehesten einen Zugang: Wir singen von Gottes und Marien Sohn, ein Krippenspiel ohne sie ist undenkbar. Sonst ist unser Umgang mit Maria wohl eher sparsam, höchstens das Ave Maria wird ab und zu auch bei evangelischen Beerdigungen gewünscht, die bekannte Melodie von Gounod-Bach scheint eine Saite in uns zum Klingen zu bringen, die wir sonst vermissen.

Schalom Ben Chorin sagt in seinem Buch über Maria Mutter Mirjam dass wir es mit einem siebenfachen Schleier zu tun haben, wenn wir auf Maria (auf Hebräisch Mirjam) schauen: ein Schleier aus Tradition, Dogma, Liturgie, Legende, Kunst, Dichtung und Musik.

Beim Versuch der Entschleierung geraten wir unweigerlich an Grenzen, denn die gesicherten Auskünfte über Maria sind mager: eine Frau aus einem Provinzort, wahrscheinlich eher aus dem unteren sozialen Milieu. Sie war Mutter mehrerer Kinder, der Mann wird relativ früh verstorben sein. Der Lebensweg des ältesten Sohnes, Jesus, bestimmt nachhaltig auch den ihren. Nach seinem Tod gehört sie in Jerusalem zur ersten judenchristlichen Gemeinde. Das Konzil von Ephesus, eine Kirchenversammlung im Jahr 431, erklärt Maria zur Gottesgebärerin. Beim Konzil in Konstantinopel, im Jahr 553, beschließt man nach längerem Streit ihre immerwährende Jungfräulichkeit. Die katholische Kirche erklärt 1854 die unbefleckte Empfängnis Mariens, also ihre Freiheit von der Erbsünde, und 1950 ihre leibliche Aufnahme in den Himmel zum Dogma.

Wir ahnten es schon: Mit einem bloßen Wegräumen der Schleier kommen wir nicht sehr weit. Wer der wortwörtlichen Gültigkeit der Bibel anhängt, gerät zwar nicht in Schwierigkeiten: Maria, schwanger vom Heiligen Geist, gebiert Jesus Christus, den Gottessohn. Aber auch der Schleier fragloser Richtigkeit ist nur begrenzt hilfreich. Aber was bleibt andererseits, wenn man die Jungfrauengeburt anzweifelt? Lügen wir dann jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen?

Beim Nachdenken erhalten wir überraschende Hilfe von einem antiken Kirchenvater. Origines (der ungefähr von 185 bis 254 lebte) schreibt: Dass Gott Mensch wurde, das ist kein Rätsel, sondern ein Geheimnis. Ein Rätsel kannst du lösen, oder du wirst daran scheitern. Ein Geheimnis dagegen sollst du hüten, und du wirst es verstehen. Oder ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass die wunderbare Geburt des Gottessohnes von einer Menschenfrau jedem, auch dem traurigsten und elendsten Menschenleben unerwartet göttlichen Glanz verleiht? Das Geheimnis ist sein Mensch-Werden, die verwunderliche Geburt aus der Jungfrau ist ein feines Loblied dazu. Ich aber möchte in meinem Leben wenigstens ein Geheimnis hüten und heilig halten: das uns bestimmte offene Geheimnis von der unerklärlichen Liebe Gottes zu allen Menschen und in allen Menschen.

Also spreche auch ich mit den alten Worten geboren von der Jungfrau Maria und singe oder summe einfach in jenem leisen Loblied mit. Das offene Geheimnis von der unerklärlichen Liebe Gottes zu allen Menschen und in allen Menschen macht mir genug Mühe, mein Leben lang.

Eine andere Art der Entschleierung hat auch der Maler Max Ernst in seinem Bild Die Jungfrau haut das Jesuskind versucht. Im Zorn verrutscht der Heiligenschein. Das Kind war wohl nicht brav. Dieses Bild von Max Ernst erregt oft Entrüstung: Darf denn Maria, geschweige denn Jesus, so dargestellt werden? Und angesichts heutiger Diskussionen um elterliche Gewalt wünschte ich mir, die zuschauenden Zeugen (André Breton, Paul Eluard und der Maler selbst) träten ins Bild und würden Mutter und Kind beruhigen. Auch Trotzphasen gehen vorüber, Maria. Es liegt nicht alles an dir. Er meint es doch nicht böse. Er ist doch noch ein Kind. Atmet mal tief durch, sprecht über das, was war, lenkt euch mit einer anderen Beschäftigung ab.Und dann blickt sie auf, die zornige Mutter, und rückt den Heiligenschein zurecht. Wir verstehen uns.

Vielleicht ist das eins der Geheimnisse um Maria, das wir Protestantischen, Wort-Gebundenen, neu hüten lernen können: Dass uns da in dieser einfachen Frau ein Mensch begegnet, eine Frau, die liebevoll glaubend das offene Geheimnis der unerklärlichen Liebe Gottes in ihrer Zeit gehütet hat und durch die Zeiten trägt.

Mit den sieben Schleiern kann ich leben. Und ich brauche sie auch: das gesungene Ave Maria, um die Töne zu hören, die mir sonst verloren gingen; ein Gedicht von Novalis, das mir auf die Sprünge hilft, ein Bild von Max Ernst, das mich neu hinschauen läßt. Ich brauche die Legenden, Aufgelesenes aus alten Tagen, das Feiern, Singen, Beten: Ich brauche die Dogmen, um mich daran zu reiben, die Traditionen, die mich ermutigen, es manchmal einfach geschehen zu lassen und wie ein müdes Kind unter dem Mantel der Mutter Schutz zu suchen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Dezember 2000 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Christiane Hoffmann ist Pfarrerin in der Festeburggemeinde in Preungesheim.

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