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Von – 1. Mai 2001

Über Stil und Lebenskunst

Was ist Stil? Eine Frage des Geschmacks, des Zeitgeistes, eine Frage von Regeln oder des unverwechselbaren Individuellen? Stil hat etwas mit Urteilsvermögen zu tun, mit dem Wissen darum, dass Kulturen und Menschen verschieden sind, und der Fähigkeit, diese Verschiedenheit zu respektieren. Wer Stil hat, kann dem Zeitgeist und der Hektik von Berufsleben und „Up-to-date-sein“ widerstehen.

Ingeborg Nordmann ist Studienleiterin an der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt.

„Das ist stillos“, „Das hat keinen Stil“ – damit meinen wir zum Beispiel, dass jemand sich mit Möbelstücken umgibt, die nicht zusammenpassen, oder dass er sich in einer bestimmten Situation falsch verhält, weil er weder auf die besonderen Umstände noch auf die Eigenart der Menschen Acht gibt. Bei manchen politischen Statements haben wir das Gefühl, das hätte man so nicht sagen dürfen, sprechen von schlechtem politischen Stil.

An der modernen Gesellschaft kritisierte der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno einmal: „Das ganze Leben soll wie der Beruf aussehen.“ Damit meinte er, dass Traditionen und Werte nur noch danach beurteilt werden, ob sie modisch und verkaufbar sind. Dagegen zielt Stil auf das Einmalige und Individuelle. Ob jemandem eine Tradition oder ein modernes Bild zusagt, wie sich jemand bewegt, spricht oder kleidet, all das verrät etwas von seiner spezifischen Persönlichkeit, seinem Stil. Das Geheimnisvolle des persönlichen Stils ist jedoch, dass man ihn nie eindeutig definieren kann – genau wie bei einem Kunstwerk: Neben den Stilmerkmalen, die es mit anderen teilt, ist da immer auch etwas Besonderes, das niemand nachahmen kann. Den persönlichen Stil kann man nicht klonen.

Wenn wir also von Stil sprechen, dann ist nicht nur das oberflächliche Auf und Ab der Mode gemeint, sondern etwas Tiefergehendes. Heutzutage scheinen wir eine große Auswahlmöglichkeit zu haben, wie wir unser Leben gestalten wollen. Wir können kreativ sein oder relaxen, uns politisch oder sozial engagieren oder meditieren. Aber gleichzeitig erscheint nichts heute schwieriger zu sein als eine individuelle Lebensperspektive zu finden. Schließlich leben wir in einer Welt, in der uns die Entscheidungen immer mehr entzogen werden durch wirtschaftliche Globalisierung und politische Bürokratien, durch Expertentum in den Naturwissenschaften und der Medizin. Ist es also nur ein Schein, wenn wir glauben, wir könnten selbst über unseren Lebensstil entscheiden?

In der Antike entstand eine philosophische Richtung, die der Meinung war, die Aufgabe der Philosophie sei es nicht, abstrakte Theorien zu finden, sondern eine konkrete Haltung, einen Stil, der das persönliche Verhalten prägt. Dahinter steht die Frage, wie der einzelne Mensch ein gelungenes Leben führen kann, auch wenn es in der Welt Katastrophen, Krankheit, Verfolgung und Tod gibt. Oder, wie es der Religionsphilosoph Hans Jonas formulierte, wie „das Leben ‚Ja‘ zu sich selber“ sagen kann.

Lifestyle drückt sich auch in der Gastronomie aus. Jedes Jahr vergehen und entstehen in der Frankfurter Innenstadt neue Clubs, Kneipen und Bistros. Dem Publikum gefällt´s offenbar, denn voll sind sie immer. Foto: Oeser

Aus diesen Überlegungen entstanden zum Beispiel die Lebensregeln der sieben Weisen in der Antike, bei denen es um Selbsterkenntnis und das richtige Maß gegenüber den eigenen Leidenschaften ging. Andere versuchten, auch in der Geschichte des Christentums, durch Askese und mystische Versenkung zu einer inneren Gelassenheit und Ruhe zu kommen und so von den Gewohnheiten und Sorgen des Alltags unabhängiger zu werden. Die Aufklärung schließlich wollte die Selbstbestimmung der Menschen durch die Suche nach der Wahrheit erweitern.

Das alles sind keine in sich abgeschlossenen Konzepte, sondern Gedankenexperimente und geistige Übungen. Die Grundfragen des Lebens kann man nicht mit direkten Handlungsanleitungen und Rezepten beantworten. Vielmehr müssen wir den Mut haben, uns aus dem gesellschaftlichen Getriebe auch einmal zurückzuziehen, in einen Raum des Nachdenkens, um einen ganz eigenen Weg zu finden. Gesellschaftliche Veränderungen können wir natürlich nur gemeinsam mit anderen bewirken. Wie und wo wir uns daran beteiligen, das müssen wir aber für uns allein herausfinden.

Dabei zeigt die Erfahrung, dass der Spielraum, den der einzelne Mensch hat, die eigene Existenz selbst zu gestalten, größer ist, als man oft annimmt. Die Philosophen und Theologen, die im Lauf der Geschichte ihre verschiedenen Überlegungen dazu angestellt haben, lehren das: Egal, wie verregelt unser Leben zu sein scheint – jeder Tag bietet die Möglichkeit und die Chance zu einem neuen Anfang. Wir haben dazu die Freiheit, und kein biologisches, soziales oder wirtschaftliches Gesetz kann uns daran hindern.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Mai 2001 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Ingeborg Nordmann ist Studienleiterin an der Evangelischen Stadtakademie Frankfurt.

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