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Von – 1. Juni 2001

Zeitgeist oder Evangelium?

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“: Das ist eine Kirchentagslosung, die den Zeitgeist aufnimmt und zugleich die Weite des christlichen Glaubens beschreibt, jenseits aller Enge und Ängste – von Helga Trösken

Helga Trösken ist Pröpstin für Rhein-Main. Foto: Oeser

Die Kirchentagslosung hat widersprüchliche Reaktionen hervorgerufen. „Dem Zeitgeist angepasst“, sagen die einen, „typisch für Frankfurt am Main. Die Menschen dort leben in postmoderner Beliebigkeit, Hauptsache Spaß für sich selber haben. Es interessiert nicht, wie es anderen geht, was sie für wichtig und unwichtig halten. Leben und leben lassen ist die Devise.“ Andere sehen in dem Psalmvers eine Kurzfassung des Evangeliums: „So ist unser Gott. Er schenkt uns Freiheit, weiten Raum als Sinn im Leben und Sterben. Und weil Gott jedem Menschen solch weiten Raum schenkt, versteht es sich von selbst, dass wir ihn miteinander teilen. Zur Freiheit gehört Gemeinschaft.“

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, dieser Vers aus dem 31. Psalm drückt für mich die Sehnsucht nach Befreiung und zugleich die Hoffnung auf verlässliche Orientierung aus. Der Beter des Psalms hat in seinem Leben eben diese Befreiung erfahren. Daran erinnert er sich. Befreit aus Enge und Ängsten blickt er in die Zukunft. Seine Gegenwart allerdings sieht er beinahe schonungslos realistisch. Die Menschen sind wie sie sind. Es wird geflüstert, getuschelt, gelogen und hinter dem Rücken geredet. „Mobbing“ würde man es heute nennen. Und einer, in solcher Weise verleumdet und in die Enge getrieben, wagt sich kaum mehr auf die Straße. Bekannte würden sich bei seinem Auftauchen abwenden, die Flucht ergreifen, ihm sogar nach dem Leben trachten. Einzig Gott könnte dem so Bedrohten Schutz geben, Asyl gewähren im Tempel.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – in Frankfurt im Jahr 2001? Auf den ersten Blick gibt es in unserer Stadt keinen weiten Raum, wörtlich genommen. In vielen Stadtteilen stehen die Häuser dicht an dicht. Wer im täglichen Verkehrsstau in die Stadt kommt, findet ebenso wenig weiten Raum wie diejenigen, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Das stimmt vielleicht für die, die in den Urlaub fliegen, nicht aber für Tausende von Menschen, die schon jetzt Opfer des Fluglärms unter den verschiedenen An- und Abflugschneisen sind. Und wer keine Arbeit findet und von Sozialhilfe leben muss, ist meist auch weit entfernt von weitem Raum – genauso wie die Asylsuchenden auf dem Flughafen oder Flüchtlinge, Aussiedler und Menschen, die sich illegal in unserer Stadt aufhalten. „Weiter Raum“ also ein Privileg nur für diejenigen, die mehr verdienen als andere und entsprechend auch mehr sagen dürfen in der Stadt des globalen Geldes? Enge und Angst dann für die vielen anderen? Alte Menschen vor allem und behinderte, Kranke, Frauen, Kinder, Jugendliche, Ausländerinnen und Ausländer. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sagt unser Grundgesetz in Artikel 1. Damit ist für alle, die in unserem Land leben, der weite Raum beschrieben: Option für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Ein weiter Raum zum Beispiel als weite Sicht: dass wir über den eigenen Tellerrand blicken – auf den Teller, in die Töpfe der Nachbarn und Nachbarinnen. In kulinarischer Hinsicht jedenfalls ist das in der Regel einfacher, bei Straßenfesten, Feiern im Kindergarten, Tagen der offenen Tür. Über die Küche wird der Blick sehr leicht erweitert. Wo es aber um gemeinsame Schritte in den weiten Raum geht, melden sich ganz schnell die Fußkranken zu Wort. Da tun die Füße weh, da humpeln sie zum Orthopäden und lassen sich Einlagen verpassen. Ober sie trainieren die gewohnten Wege, statt gemeinsame Spielräume zu erkunden.

Für den Kirchentag wünsche ich mir, dass wir es schaffen: dass wir die Spielräume erkunden mit allen, mit gesunden und kranken oder müden Füßen. Dass wir den weiten Raum entdecken in der Enge unserer kleinen großen Stadt. Und dass wir keine Angst haben vor der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat. Denn das ist das Entscheidende: Wir müssen keine Angst haben vor dem weiten Raum. Wir sind gehalten, getragen von Jesus, dem Christus. Er selbst hat uns befreit. Und wir brauchen uns nicht wieder unter das Joch irgendeiner Knechtschaft fangen zu lassen, wie es Paulus an die Galater schreibt. Gottes weiter Raum macht es möglich, dass wir gemeinsam in Vielfalt leben dürfen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juni 2001 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Helga Trösken war bis April 2006 Pröpstin von Rhein-Main.

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