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Von – 1. Dezember 2003

Raum in der Herberge

Beim Stichwort Gastfreundschaft denken viele spontan an fremde Menschen. An Reisende, die ein Obdach suchen, zum Beispiel. Oder an Ausländer, die nach Deutschland kommen. Aber Gastfreundschaft hat zunächst einmal mit der eigenen Haltung zu tun: Wie offen bin ich, die anderen so wahrzunehmen, wie sie sind? Mich auf ihre Ängste, Wünsche und Hoffnungen einzulassen?

Jan Schäfer ist Pfarrer in der Christuskirchen- gemeinde in Nied. Foto: Oeser

Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel sind die Zeit für besondere Wünsche. Das hat eine lange Tradition. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht der Wunsch nach mehr Gastfreundschaft. Bei einem Besuch in der Gemeinde habe ich kürzlich von meinem Wunsch erzählt. Die Reaktion meines Gesprächspartners hat mich verblüfft. „Sind denn nicht schon genug Ausländer hier bei uns?“ Eigentlich war das keine Frage. Es war eine Aussage. Dabei hatte ich doch von Ausländern gar nichts gesagt. An das Thema Migration hatte ich überhaupt nicht gedacht.

Doch für viele Menschen scheint das eins zu sein. Den Begriff Gastfreundschaft verbinden sie sofort mit fremden Menschen. Und Fremde, das sind dann in der Regel Ausländer. Dabei hat Gastfreundschaft zunächst einmal nichts mit Fremden zu tun. Gastfreundschaft hat mit mir selbst zu tun. Damit, ob ich mich als einen gastfreundlichen Menschen verstehe. Gastfreundschaft beschreibt meine Einstellung und mein Verhalten anderen gegenüber. Dabei kann die Gastfreundschaft ganz verschieden gefüllt werden. Gastfreundschaft kann die Bereitschaft sein, anderen Menschen Herberge zu gewähren, ihnen Obdach zu gewähren. Bis hin zur Tischgemeinschaft. Das ist die ganz konkrete, klassische Form der Gastfreundschaft.

Oft sind sie die erste Anlaufstelle, wenn man irgendwo fremd ist: Hotels wie der Frankfurter Hof haben die Gastfreundschaft professionalisiert. Ein freundlicher Portier begrüßt den Gast, hält ihm vielleicht die Tür auf. Natürlich ist das auch eine Frage des Preises, der Gast gibt etwas zurück, vielleicht Geld, vielleicht auch Dankbarkeit. Gastfreundschaft ist nicht nur ein Geschäft, sondern auch eine innere Haltung. Sie bedeutet: offen sein für das Fremde. Foto: Oeser

Als gastfreundlich verstehe ich mich aber auch, wenn ich die Bereitschaft besitze, mich überhaupt auf einen anderen Menschen einzulassen. Indem ich nicht nur auf mich und meine Welt blicke. Indem ich einen anderen Menschen überhaupt wahrnehme. Indem ich darauf blicke, was ihn beschäftigt. Indem ich mich dafür interessiere, was ihn erfreut, welche Sorgen ihn plagen.

Nur wenn ich für mich selbst geklärt habe, wie ich es mit der Gastfreundschaft halte, kann ich mich anderen öffnen und herausfinden, wer dieser andere für mich ist. Bei meinem Gemeindebesuch habe ich nachgefragt. Nach dem persönlichen Wunsch meines Gesprächspartners. Besondere Wünsche habe er nicht, so seine Antwort, am Besten wäre, „dass alles so bleibt, wie es ist.“ – Ein Mensch ohne besondere Wünsche? Gibt es das?

Ich glaube, hinter dem Wunsch, dass alles bleiben möge, wie es ist, steckt vor allem Angst. Menschen ängstigen sich vor dem, was auf sie zukommt. Zur Zeit wird Veränderung oft als Veränderung zum Schlechten erlebt. Vor allem ist da die Angst, dass sich die eigenen Lebensverhältnisse verschlechtern. Für viele Menschen gehört die Sorge um den Arbeitsplatz fast schon zum Alltag. Für viele ist es Alltag, keinen Arbeitsplatz zu haben. Leider. Dazu kommt nun noch etwas Neues: Die Kassen des Sozialstaates sind leer. Die sozialen Leistungen sind im bisherigen Umfang nicht mehr zu bezahlten. Alle wissen, dass gespart werden muss. Nur: Wenn es konkret wird, heben viele abwehrend die Hände. Gespart werden soll bei den anderen! Ich habe noch niemanden getroffen, der „bei mir!“ ruft, wenn es um das Sparen geht. Ich treffe nur wenige Menschen, die es in Ordnung finden, dass sie für soziale Leistungen mehr bezahlen müssen. Wer verzichtet schon gern auf etwas, das ihm bisher gewährt wurde?

Meinem Gesprächspartner habe ich lange zugehört. Und habe versucht, ihm dadurch deutlich zu machen, dass ich mich auf ihn und seine Welt einlasse. Seine Verunsicherung verstehe ich. Seine Sorgen tue ich nicht einfach als unbegründet ab. Ich habe gespürt, dass ihn das überrascht hat. Vielleicht, weil er oft eine andere Erfahrung macht. Dass sich niemand auf ihn und seine Sorgen einlässt. Dass er das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden.

Ich habe mich nicht getraut, am Ende des Gespräches zu fragen, ob es nicht doch noch einen Wunsch für ihn gibt. Vielleicht auch den Wunsch nach mehr Gastfreundschaft im Umgang miteinander. Einander wahrnehmen. Ausreden lassen und Zuhören. Dabei offen und ehrlich miteinander umgehen und auch gegensätzliche Standpunkte aushalten. Bei unserem Gespräch war es jedenfalls am Ende so, dass wir beide Gastfreundschaft erlebt haben.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Dezember 2003 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Jan Schäfer ist Pfarrer in der Christuskirchen- gemeinde in Nied.

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