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Von – 1. Februar 2004

„Du darfst dich ändern!“

Veränderungen begleiten das Leben. Manchmal entwickeln sie sich langsam und unmerklich im Verborgenen. Manchmal brechen sie schicksalhaft über uns herein. Manchmal bereiten sie Schmerzen. Manchmal setzen sie neue Kräfte frei.

Ulrich Schaffert ist Pfarrer in der Dietrich- Bonhoeffer-Gemeinde in der Nordweststadt. Foto: Surrey

Von Bertolt Brecht stammt die folgende kleine Geschichte: Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh“, sagte Herr K. und erbleichte.

Was als Kompliment gedacht war, bringt Herrn K. offenbar zum Erschrecken. Die Tatsache, dass sein Gegenüber keine Veränderung an ihm wahrnimmt, irritiert ihn zutiefst. Er kann das nur so deuten, dass er in der zurückliegenden Zeit nicht wirklich gelebt hat. Keine Veränderung: das bedeutet Stillstand – so lautet die Aussage von Brechts Lehrbeispiel.

Im Umkehrschluss gilt: Veränderung ist Leben. Besonders spürbar wird das überall da, wo Menschen mit Lust etwas Neues anpacken: Die junge Frau aus der Theatergruppe, die ihren gut bezahlten Job als Chefsekretärin aufgibt, um an die Schauspielschule zu gehen. Ein älterer Mensch, der noch einmal eine neue Aufgabe entdeckt, die ihn ganz ausfüllt und aufblühen lässt. Ein Raum in der Gemeinde, der schon seit längerer Zeit ziemlich heruntergekommen ist, wird umgestaltet und renoviert, viele fassen mit an und freuen sich am neuen Aussehen.

Doch nicht immer sind Veränderungen mit Lust und Freude verbunden. Es gibt auch die Angst vor Veränderungen. Wenn wir nicht wissen, was auf uns zu kommt, empfinden wir das als bedrohlich, fühlen uns gelähmt. Veränderungen, die uns plötzlich und unvorbereitet treffen, etwa der Verlust eines Menschen oder die Nachricht von einer schweren Krankheit, können uns aus der Bahn werfen.

Manche Veränderungen will man auch nicht wahr haben, weil sie weh tun: eine Beziehung, die nicht mehr intakt ist, Freundschaften, die nicht mehr tragen, Wege, die auseinander gehen. Gerade solch existenziellen Veränderungen gehen oft schmerzliche innere Prozesse voraus. Manchmal braucht es lange, bis man begreift, dass Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren.

Um grundlegende Erfahrungen von Veränderung geht es auch in der Bibel. Abraham und Sara brechen auf Gottes Ruf hin in hohem Alter noch einmal in eine neue Zukunft auf. Mose wird von Gott beauftragt, das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten heraus zu führen. In der gleichen Geschichte stellt Gott sich selber als ein zukunftsoffener Gott vor, der seine Treue gerade in der Veränderung erweist. Durch alle Wandlungen hindurch begleitet Gott sein Volk auf dem Weg ins verheißene Land.

Das Leben von Christinnen und Christen ist nach dem christlichen Glaubensverständnis ein ständiges Unterwegssein. Im Neuen Testament geht die Ankündigung einer neuen Welt Gottes mit dem Aufruf an jeden einzelnen Menschen einher, sein Leben zu ändern. In der Begegnung mit Jesus erfahren Menschen leibhaftig die verändernde, heilsame Kraft des Glaubens. Aus der Aufforderung: „Du musst dich ändern!“ wird bei ihm die Einladung: „Du darfst dich ändern!“ Was im traditionellen kirchlichen Sprachgebrauch „Buße“ heißt, meint daher weniger einen von außen auferlegten Zwang als vielmehr „das Recht, ein anderer/eine andere zu werden“, wie Dorothee Sölle es einmal formuliert hat, oder auch: der eigenen Bestimmung näher zu kommen.

Darin liegt auch der Unterschied zu den Reformappellen, die derzeit aus allen Ecken unseres Landes erschallen: Statt Opfer zu fordern versteht es Jesus, Menschen in ihrer verborgenen Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit anzusprechen und auf diese Weise Veränderungsprozesse von großer Tragweite in ihnen auszulösen. Durch seine besondere Art der Zuwendung bringt er es sogar fertig, einen reichen Mann namens Zachäus zur freiwilligen Rückgabe seines unrechtmäßig erworbenen Reichtums zu bewegen. Umverteilung von oben nach unten, und das ganz ohne Druck von außen – wenn dieses Beispiel doch auch heute Schule machen würde!

Was immer das „Reformjahr“ 2004 uns an Veränderungen abverlangt und was immer wir uns selber an Veränderungen vorgenommen haben: Wer glaubt, bleibt in Bewegung, so oder so. Den lebenslangen Wandlungsprozess, um den es dabei geht, hat Martin Luther einmal so beschrieben: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.“ Wer in diesem Sinne lebendig bleiben will, wird wohl immer wieder beides verspüren: die Lust auf Veränderung ebenso wie das Leiden an der Veränderung. In beiden Erfahrungen aber haben wir es meist auch mit Gott zu tun.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2004 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Ulrich Schaffert ist Pfarrer in der Dietrich- Bonhoeffer-Gemeinde in der Nordweststadt.

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