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Von – 1. November 2004

Von gutem Abschied gestärkt

Immer mehr Menschen, die den Tod eines Angehörigen erleben, wollen sich aktiv an dem Abschiedsprozess beteiligen. Andere jedoch wünschen sich eine möglichst nüchterne Bestattung. Christliche Trauerriten können helfen, den Abschied so zu gestalten, dass die Angehörigen sich später wieder dem Leben zuwenden können.

Ilona Nord ist Vikarin in der Gemeinde Bornheim. Foto: Oeser

In letzter Zeit gehen viele Menschen wieder auf alte Bestattungsbräuche zurück: Sie wachen bei ihren Verstorbenen, sie waschen sie und kleiden sie für die letzte Ruhe an. Die Bestattungsunternehmen bieten Trauerräume an, in denen die Toten aufgebahrt werden können und Familie und Freunde freien Zugang fürs Abschiednehmen haben. Die nächsten Angehörigen helfen wieder dabei, sie in den Sarg zu legen. Immer öfter werden neben die Gräber kleine Bänke zum Verweilen gestellt.

Diese Sympathie für das Abschiednehmen steht ganz im Gegensatz zu einer ebenfalls wachsenden Bewegung hin zur Verbrennung und zu anonymen Bestattungen, die oft auch aus Kostengründen gewählt werden. Hier soll alles möglichst schlicht und unaufwändig „hinter sich gebracht“ werden. Ich halte von dieser anscheinend nüchternen Lösung nichts, denn sie bringt diejenigen, die gehen müssen, und diejenigen, die bleiben müssen, um wichtige Zeit und wichtige Stationen in einem Prozess, in dem Menschen voneinander lassen müssen.

Es geht dabei nicht darum, dass die Angehörigen der Toten dauernd gedenken sollen, dass sie täglich auf den Friedhof gehen und auch zuhause noch Jahre alles so lassen wie damals. Sehr oft sind Trauernde so in das Sterben von dem Menschen, den sie verloren haben, verwoben, dass sie ihm folgen wollen bis in den Tod, dass sie es nicht schaffen, Abschied zu nehmen und sich neu zu orientieren. Im Gegensatz dazu will der christliche Glaube Menschen stärken, gut Abschied nehmen zu können. Hierfür sind, genauso wie in anderen Religionen, viele Riten gefunden worden. Die Totenwaschung und die Aussegnung des Toten helfen zum Beispiel dem trauernden Menschen, der selbst keine Kraft mehr hat, die Grenze zwischen Leben und Tod wieder aufzurichten. Ein Mensch bereitet seinen Verstorbenen aktiv für den Übergang in den Bereich von Gottes Welt vor, die den Lebenden nicht zugänglich ist. Die Trauergemeinde segnet die verstorbene Person für ihre Reise in Gottes Ewigkeit und beteiligt sich so selbst am Abschied.

Nicht erst bei der Beerdigung wird übrigens in christlicher Weise eingeübt, Abschied zu nehmen. Bei einer Trauung wird gefragt: „Willst Du deine Frau/deinen Mann lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“ Das heißt, die Ehe findet im Tod ihre Auflösung. Die Angehörigen, die Witwe oder der Witwer, die Kinder und enge Freunde und Freundinnen sollen ihrem Lebensgefährten nicht in den Tod folgen und auch nicht bis in alle Ewigkeit nachtrauern, sondern Abschied nehmen und frei werden für eine neue Orientierung im eigenen Leben. Dankbar das gemeinsame Stück Leben zu ehren, ist damit nicht ausgeschlossen. Doch dies kann sehr getrost geschehen, denn die verstorbene Person ist mit allem, was sie ist, war und für sich in Zukunft braucht, nach christlichem Verständnis aufgehoben in Gott. Man muss sich nicht um sie sorgen, sie ist in Gottes Hand. Die Sorge gilt vielmehr den Trauernden: Wird es ihnen gelingen, einen guten Abschied zu finden?

Es gibt schwere Abschiede. Sie sind so schwer, weil so viel, was man sich zusammen mit jenem Menschen, der ging, erwünschte und erhoffte, unerfüllt blieb. Es ist eine anstrengende Aufgabe, dann all das ganz loslassen zu müssen. Anders steht es, wenn die Menschen, die gehen müssen, „das Zeitliche segnen“ konnten. Damit ist gemeint, dass sie ihre Bereitschaft zeigen, zu gehen, wenn nun ihre Zeit unausweichlich gekommen ist. Das Zeitliche zu segnen heißt, das Leben, das ich gelebt habe, so wie es war, anzunehmen und für gut zu halten. Sterbende geben den Nachlebenden ihren Segen, damit diese weiterleben und aufleben können.

In der Bibel wird von Jakob berichtet, wie er jedem seiner Kinder einen Segen zuspricht (1. Mose 49). Wenn sie einander segnen, können Menschen sich auch über den Tod hinaus eine gute Beziehung weitergeben. Ein solcher Abschied stärkt für die Zukunft.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. November 2004 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Ilona Nord ist Professorin am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Von 2006 bis 2010 war sie Pfarrerin in Frankfurt-Riedberg.

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