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Von – 1. Dezember 2004

Debatte im Wartezimmer

Der Advent ist die Zeit des Wartens. Des Wartens auf Weihnachten, auf die Geschenke, auf ein fröhliches Fest, auf ein paar Tage der Ruhe. Auf die Ankunft Gottes mitten in dieser Welt, das Aufleuchten des Sterns im eigenen Leben.

Andrea Knoche ist Pfarrerin in der Wicherngemeinde in Praunheim. Foto: Surrey

„Mama, wie lange dauert es denn noch?“ – das kleine Mäd chen zieht unruhig am Arm der Mutter. „Die Oma ist sicher bald fertig. So eine Untersuchung braucht eben Zeit. Hier, ich hab‘ noch ein Bilderbuch eingesteckt. Das kannst du mit in die Spielecke nehmen.“ Die Kleine lässt sich wieder auf dem Spielteppich der Arztpraxis nieder. „Für die Kinder dauert das Warten wohl doppelt so lange“, meint ein älterer Mann. „Für uns Alte läuft die Zeit einfach schneller.“ „Wir warten noch auf einen Kindergartenplatz für Hanna“, antwortet ihre Mutter. „Es wird erst demnächst einer frei. Im Moment genieße ich noch die Zeit, wo wir zusammen sind, aber ich freue mich auch schon drauf, wenn ich wieder arbeiten gehen kann.“

„Ich finde das Warten hier aber auch ziemlich anstrengend“, meldet sich eine etwas müde aussehende Frau zu Wort. „Wenn ich dran denke, was zu Hause noch alles an Arbeit auf mich wartet! Schlimmer ist es eigentlich nur noch in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse. Mich macht die Warterei immer total nervös.“ Wie um es zu unterstreichen, wirft sie einen hastigen Blick auf ihre Uhr.

„Also, ich löse im Wartezimmer am liebsten Kreuzworträtsel“, gibt ein anderer Patient zum Besten. „Es bringt doch nichts, sich über die vergeudete Zeit aufzuregen. Da schaue ich lieber, wie ich sie am besten nutze.“ „Die Zeitschriften sind auch recht interessant“, wirft eine ältere Dame etwas schüchtern ein. „Hier finde ich immer welche, die ich noch nicht kenne.“ „Trotzdem ärgert es mich, dass die Praxisorganisation nicht besser funktioniert“, beharrt die nervöse Patientin auf ihrer Ansicht. „Die verschwenden damit einfach meine Zeit. Während ich hier rumsitze, kann ich nichts Sinnvolles tun!“

„Das stimmt“, pflichtet ihr ein junger Mann bei. „Es gibt nichts Lästigeres, als immer warten zu müssen. Einfach leere Zeit! Manchmal habe ich das Gefühl, das halbe Leben besteht nur aus Warten.“ Bei diesem Stichwort meldet sich wieder der Kreuzworträtsel-Freund: „Da habe ich doch neulich eine Notiz gefunden, die passt genau dazu. Ich hab‘ sie mir sogar aufgehoben.“ Er nestelt in seiner Brieftasche herum. „Also: das Leben ist so eine Sache. Morgens wartest du auf die Mittagspause und danach freust du dich auf den Feierabend. Am Feierabend wartest du auf das Wochenende. Dann freust du dich auf den Jahresurlaub. Schließlich wartest du auf den Ruhestand und freust dich, wenn du endlich in Rente gehen kannst. Und wenn du dann so weit bist, merkst du: das ganze Warten hat sich nicht gelohnt. Aber du hast dich oft gefreut.“ Zustimmung heischend blickt er in die Runde.

In die Zeit des antiken Roms versetzten sich Jungen und Mädchen beim Kinderkirchentag der Mariengemeinde in Seckbach zurück. Mit selbst genähten Tuniken verwandelten sie sich in kleine Römerinnen und Römer und erkundeten so auch die Umstände, in die Jesus hineingeboren wurde. Denn vor 2000 Jahren war Israel, die Gegend rund um Nazareth und Jerusalem, eine römische Provinz. Foto: Surrey

„Manchmal tut Warten richtig gut“, meint dazu Hannas Mutter. „Während die Kleine unterwegs war, musste ich viel liegen, besonders gegen Ende der Schwangerschaft. Zuerst hat es mich völlig verrückt gemacht. Es gab doch noch so viel zu tun! Und natürlich hab‘ ich auch Angst gehabt, ob wohl alles gut gehen wird.“ Sie wirft ihrer Tochter einen liebevollen Blick zu. „Aber warten heißt ja auch: Man hofft, es wird besser. So hab‘ ich mir schließlich gesagt: das Einzige, was ich jetzt für das Kind tun kann, ist mich schonen und abwarten. So viel Ruhe wie jetzt bekomme ich bestimmt lange nicht mehr, wenn das Kind erst da ist. Und so war’s auch.“

Die Tür zum Sprechzimmer geht auf. „Der Nächste bitte!“ Noch etwas wackelig kommt Hannas Oma aus dem Untersuchungsraum. „Und, wie ist es gegangen?“, fragt ihre Tochter. „Also, es sieht bisher ganz gut aus“, antwortet die alte Frau etwas zögerlich. „Ich muss aber noch ein paar Untersuchungsergebnisse aus dem Labor abwarten.“ „Die können ja auch ganz gut ausfallen“, lächelt ihre Tochter. „Das stimmt. So lange man wartet, kann man auch Hoffnung haben.“ Sie ergreift die Hand ihrer Tochter und ruft ihre Enkelin. „Komm, Hanna. Jetzt gehen wir endlich nach Hause.“

Warten heißt: Ausschau halten. Auf was ich warte, ist noch nicht da. Doch mich trägt die Hoffnung: es ist im Kommen. Ganz von selbst, ohne mein Zutun. Einfach als Geschenk.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Dezember 2004 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Andrea Knoche ist Pfarrerin in der Wicherngemeinde in Praunheim.

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