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Von – 1. Mai 2005

Christliche Parallelgesellschaft

Nicht nur die Stadt Frankfurt ist multikulturell, auch die Kirche ist es längst: Christliche Gemeinden aus anderen Kulturen sind hier heimisch geworden. Berührungspunkte mit deutschen Gemeinden gibt es noch zu selten.

Ursula Schoen ist Pfarrerin im Ökumenischen Zentrum Christuskirche. Foto: Oeser

Ein Sonntagmorgen in einer kleinen Frankfurter Gemeinde: Der Gottesdienst hat schon begonnen – plötzlich geht die Tür auf. Eine Gruppe Menschen, vielleicht Afrikaner, ungewöhnlich gekleidet, betritt den Raum und setzt sich in die letzte Reihe. Aufmerksam folgen sie dem Gottesdienst. Beim anschließenden Kirchen-Café formulieren sie freundlich, aber klar den Grund ihres Kommens: „Wir sind hier, um Sie zu missionieren!“ Die überraschte deutsche Gemeinde zuckt zusammen. Deutschland – Missionsland?

Mit der wachsenden Zahl ausländischer Menschen in Deutschland werden nicht nur interreligiöse Fragen aufgeworfen, wie etwa der Dialog mit dem Islam. Zu wenig Beachtung gefunden hat bislang, dass auch die Kirchen herausgefordert werden. Denn immer mehr Christinnen und Christen leben in Deutschland, die ihre religiösen Prägungen in ihren Heimatländern erfahren haben, also in ganz anderen kulturellen Zusammenhängen. Sie bringen ihre Spiritualität mit nach Deutschland und möchten sie hier weiter pflegen, ja nicht selten auch aktiv vermitteln.

Auch in Frankfurt haben sich in den letzten Jahren zahlreiche ausländische Gemeinden und Kirchen gegründet. Ihre Palette reicht von klassischen evangelischen Auslandsgemeinden, etwa aus Finnland oder Frankreich, über Tochtergemeinden von afrikanischen oder asiatischen Pfingstkirchen bis hin zu Neugründungen von Gemeinden mit charismatischen Führungspersönlichkeiten. Die großen christlichen Kirchen haben sich seit vielen Jahren in der Begleitung von Menschen ausländischer Herkunft engagiert. Sie sehen hierin vor allem eine soziale und politische Aufgabe. Flüchtlinge, aber auch andere Zuwanderer erfahren Aufmerksamkeit und Unterstützung in Form von kirchlichen Stellungnahmen, Kirchenasyl, zahlreichen Beratungs- und Integrationsdiensten. Gemeinden öffnen ihre Türen, um Räume für fremdsprachige Gottesdienste zur Verfügung zu stellen.

Dabei ist ein gewisses Gefälle jedoch nicht zu übersehen. Diese Menschen werden nicht in erster Linie als Mitchristen gesehen, deren theologische Themen und spirituelle Erfahrungen die deutschen Gemeinden zum Dialog herausfordern. Sie werden eher als Empfängerinnen und Empfänger von Hilfsleistungen betrachtet, als Objekte christlicher Nächstenliebe sozusagen, und bleiben damit im Grunde außerhalb der etablierten Gemeinden. So wächst eine Art christlicher Parallelgesellschaft, die nur noch wenige Berührungspunkte mit den traditionellen kirchlichen Strukturen hat.

Afrika-Gottesdienst im Ökumenischen Zentrum Christuskirche: Weitere Gelegenheiten, die Bibel im interkulturellen Dialog neu zu entdecken, gibt es am Mittwoch, 1. Juni, um 19 Uhr in der Paulsgemeinde, am Römerberg 9, zusammen mit der indonesischen Gemeinde. Ein Gottesdienst unter dem Motto „Durch die Brille der anderen schauen“ findet am Sonntag, 12. Juni, um 11 Uhr in der Christuskirche am Beethovenplatz im Westend statt. Foto: Oeser

Doch es gibt inzwischen auch das Bemühen, einander näher zu kommen. In Frankfurt findet in diesem Jahr ein Projekt interkultureller Bibelarbeit statt. Christinnen und Christen aus Deutschland und aus anderen Kulturen lesen gemeinsam die Bibel und befragen sie nach ihrer Bedeutung für den eigenen Alltag. Denn nur in der persönlichen Begegnung kann es zu einem Dialog über Fragen des Glaubens kommen. Eine solche Erfahrung konnte ich in Westafrika machen. Dort wurden für mich Seiten der Botschaft Jesu fassbar, die ich vorher nie wahrgenommen hatte. Eindrucksvoll war für mich auch die Wiederentdeckung des Gebets. In der methodistischen Ortsgemeinde, in der ich als Pfarrerin mitarbeitete, wurde vor jeder meiner Reisen ein kurzes Gebet für mich gesprochen. Was mir in Deutschland vielleicht peinlich gewesen wäre, empfand ich hier als eine natürliche seelsorgerliche Geste.

Begegnungen zwischen deutschen und ausländischen Gemeinden sind jedoch nicht als Bildungsreise zu verstehen, bei der man eine fremde Kultur von außen betrachtet. Eher ist es wie ein Pilgerweg, bei dem es darum geht, zu den gemeinsamen Wurzeln zurückzufinden, und zu erkennen, worin die Aufgabe aller in Deutschland lebenden Christinnen und Christen heute liegt. Am Ende steht vielleicht die Erkenntnis, dass nicht nur die Gesellschaft, in der wir heute als christliche Gemeinden leben, multikulturell ist, sondern dass auch die Kirche selbst multikulturell ist – und so von Gott gedacht wurde.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Mai 2005 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Ursula Schoen ist Dekanin im Dekanat Mitte-Ost.

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