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Von – 1. September 2006

Der Bibel übers Maul gefahren

Eine Kirche, die sich so intensiv wie die protestantische der Heiligen Schrift verpflichtet weiß, sucht immer wieder neu nach Verdolmetschungen, die einerseits der Aussageabsicht der biblischen Autoren gerecht werden und andererseits in das Sprachverständnis und die Vorstellungswelt der heutigen Leser hineinpassen. Die 52 Übersetzer und Übersetzerinnen der „Bibel in gerechter Sprache“ erheben nun den Anspruch, dem hebräischen bzw. griechischen Urtext in der Sache entsprechende Formulierungen der deutschen Gegenwartssprache gefunden und dabei die theologische Diskussion der letzten Jahrzehnte berücksichtigt zu haben. Die „Bibel in gerechter Sprache“ will den Ergebnissen des jüdisch-christlichen Dialogs mit der Neuentdeckung der jüdischen Wurzeln gerade auch des Neuen Testaments, der feministischen Theologie mit der Neuentdeckung der großen Rolle von Frauen sowie der Befreiungstheologie mit der Neuentdeckung von Armen, Sklaven und Sklavinnen sowie den „kleinen Leuten“ gerecht werden.

Sich diesem Ansatz zu verschließen, wäre ignorant. Ob dem Team der beabsichtigte große Wurf gelungen ist, muss eine differenzierte Lektüre ergeben. Die vorab veröffentlichten Textbeispiele geben Anlass zur Kritik. Wenn in den Antithesen der Bergpredigt (Matthäus 5,22) aus dem klaren und vor allem autoritativen Gegenüber Jesu zur zeitgenössischen Auslegungstradition („Ich aber sage euch“) eine bloße Meinungsäußerung wird, wie auch andere Rabbiner sie äußern („Ich lege euch das heute so aus“), widerspricht das in eklatanter Weise gegenwärtiger Exegese. Der Kleingeist politisch-theologischer correctness scheint am Werk, wo der Titel „Herr“ für Jesus durch willkürlich gewählte männliche und weibliche Varianten ersetzt ist oder Frauen immer da explizit genannt werden, wo sie von sozialgeschichtlichen Erkenntnissen aus in männlichen Formulierungen mitgemeint sein können („Jüngerinnen und Jünger“, „pharisäische Männer und Frauen“). Weichgespült klingt es schließlich, wenn ein lutherisches „gehorchen“ durch „hören“ ersetzt wird und salopp, wenn die „listige“ Schlange nun auf einmal „weniger an und mehr drauf“ hat als die Menschen.

Dem ersten Eindruck nach sind zumindest einige aus dem Übersetzerkreis mit ihren berechtigten Anliegen zu weit gegangen und haben unter der Hand den Bibeltext selbst einer Revision unterzogen. Die Reformation will eine sich an der Heiligen Schrift immer wieder neu ausrichtende Kirche, keine Kirche, welche die Heilige Schrift immer wieder an sich selbst ausrichtet.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2006 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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