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Von – 1. September 2006

Grenzen überdenken

Unter dem Motto: „Kirche der Freiheit“ hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Impulspapier vorgelegt. Unter anderem wird darin vorgeschlagen, die Kirchenstrukturen an heutige Gegebenheiten anzupassen.

Abbildung: EKD

Ähnlich wie in der Politik ist der Aufbau der evangelischen Kirche in Deutschland mit ihren 26 Millionen Mitgliedern föderal. Doch die „Kirchenländer“ sind viel zahlreicher als die Bundesländer (nämlich 23) und höchst unterschiedlich: Die kleinste deutsche Landeskirche, Anhalt, hat gerade mal 55000 Mitglieder, während die größte, Hannover, über 3 Millionen zählt.

Während die politischen Bundesländer nach 1945 neu organisiert wurden, sind die Grenzen der evangelischen Landeskirchen noch heute weitgehend deckungsgleich mit den alten Ländern des deutschen Kaiserreichs. So umfasst die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ziemlich genau das Gebiet der früheren Herzogtümer Nassau und Hessen sowie der freien Reichsstadt Frankfurt. Mit dem Bundesland Hessen hat das nicht viel zu tun: Ganz Nordhessen gehört zur Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, während im Südwesten große Teile des „hessischen“ Kirchengebietes politisch zu Rheinland-Pfalz gehören, und das nördlichste Zipfelchen liegt in Nordrhein-Westfalen.

Das hat mancherorts merkwürdige Folgen: Bergen-Enkheim etwa gehört kirchlicherseits zur Landeskirche Kurhessen-Waldeck, während alle anderen Frankfurter Gemeinden zu Hessen und Nassau gehören. Deshalb ist die dortige Gemeinde nicht im Frankfurter Kirchenparlament vertreten und fehlt auch sonst bei gesamtstädtischen Projekten. Wer in Bergen-Enkheim wohnt, bekommt auch das „Evangelische Frankfurt“ nicht zugeschickt, die Adressen sind im Evangelischen Regionalverband Frankfurt schlicht nicht bekannt.

Für das normale Gemeindeleben spielt das kaum eine Rolle. Auf kirchenpolitischer Ebene hingegen sind die Strukturen schon relevant. So verhandeln bei der Landesregierung in Wiesbaden Vertreter zweier Kirchen über Zuschüsse, etwa für Kindergärten. Schon seit einigen Jahren gibt es deshalb Bemühungen um eine stärkere Kooperation. Im Herbst wollen die beiden Synoden konkrete Eckpunkte beraten.

Eine regelrechte Fusion ist derzeit zwar nicht geplant, denn mit knapp 1 Million und 1,8 Millionen Mitgliedern sind Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau relativ groß. Doch wer weiß, vielleicht könnte es im Zuge der Reformdebatten irgendwann zu „Grenzkorrekturen“ kommen. Dass so etwas durchaus möglich ist, bewies der Kirchenkreis Hamburg-Harburg: Ursprünglich auch zu einer anderen Landeskirche gehörend als der Rest von Hamburg, hat er 1977 einfach die Landeskirche gewechselt.

Soll Bergen-Enkheim zu Frankfurt gehören?

Stefan Axmann (38), Pfarrer in Bergen-Enkheim

Die Zugehörigkeit Bergen-Enkheims zur Landeskirche Kurhessen-Waldeck ist historisch gewachsen und hat sich bewährt. Unsere Kirchengemeinde pflegt gute Kontakte mit den Maintaler Kirchengemeinden und arbeitet eng mit ihnen zusammen. Wir sind in keiner Weise ein „Waisenkind“ im fernen Süden Kassels, wo unsere Landeskirche ihren Sitz hat. Gerade erst hat uns die Landeskirche bei der Renovierung und Neugestaltung unseres kirchlichen Kindergartens sehr unterstützt, was in Zeiten immer knapper werdender Finanzmittel alles andere als selbstverständlich ist. Natürlich freue ich mich, dass die Landeskirchen Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau sich um eine verstärkte Kooperation bemühen und darüber intensive Gespräche führen. Aber gerade deshalb empfinde ich die gestellte Frage zu Beginn solcher Gespräche als eher irritierend.

Beate Binder (36), Officemanagerin

Mir war bislang nicht bewusst, dass Bergen-Enkheim zu einer anderen Landeskirche gehört als Frankfurt. Meiner Meinung nach macht es für meinen Alltag als Gemeindemitglied auch gar keinen Unterschied. Davon bekommt man doch gar nichts mit im normalen Leben. Komisch finde ich es aber schon, dass die Kirchengebiete heute noch in den historischen Grenzen der damaligen Fürstentümer aufgeteilt sind. Ich könnte mir vorstellen, dass das nach praktischen Erwägungen häufig keinen Sinn mehr macht. Geografisch gehört Bergen-Enkheim ja auf jeden Fall zu Frankfurt. Immerhin habe ich jetzt gelernt, dass ich kirchlich offiziell zur Landeskirche Kurhessen-Waldeck gehöre. Ob das so bleibt oder ob Bergen-Enkheim in Zukunft zu Frankfurt, also Hessen-Nassau gehört, ist mir aber nicht wichtig. In erster Linie fühle ich mich als Bergen-Enkheimerin.

Jutta Roitsch-Wittkowsky (64), Journalistin

Mit ihren kirchenpolitischen Grenzen und Abgrenzungen aus dem frühen 19. Jahrhundert steht sich die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert selbst im Weg. Ihre Grenzen nach den kleindeutschen Fürstentümern und König-reichen, ihre Abgrenzungen nach den verschiedenen Glaubensrichtungen innerhalb der Protestanten versteht heute kaum ein aufgeklärter Mensch mehr. Zur Klarheit des evangelischen Profils tragen sie auch nicht bei. Kirchengrenzen gar quer durch eine Stadt wie Frankfurt wirken spaltend. Sie fördern keine Identität zwischen praktischem Leben am Wohnort und kirchlicher Gemeinschaft. Auf eine klare Identität wird es künftig aber mehr denn je für die Kirche ankommen, um für die Menschen sichtbar zu sein. Dabei kann sie sich nicht an überholten Grenzen orientieren, sondern muss die Bedürfnisse der Menschen im Blick haben.

Dietrich Neuhaus (55), Dekan im Dekanat Mitte-Ost

Für unser Dekanat Mitte-Ost wäre das attraktiv. Denn eine kirchliche Reformidee ist zum Beispiel, die Dekanatsgrenzen den Grenzen der Gebietskörperschaften anzupassen. Die Erfahrung zeigt aber, dass es schon zwischen Ortsgemeinden fast un­ möglich ist, Grenzbegradigungen vorzunehmen. Nun gehört Bergen-Enkheim sogar zu einer anderen Landeskirche, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Aus deren Perspektive wird es wichtig sein, neben Kassel noch in einer Großstadt wie Frankfurt den Fuß in der Tür zu haben. Darum wird sie dieser Idee nicht zustimmen. Für die Menschen in den Gemeinden sind diese Fragen ohnehin meist irrelevant. Sie orientieren sich am Kirchengebäude, an dem Pfarrer oder der Pfarrerin, an guten Gottesdiensten. Zu welcher Landeskirche sie gehören, ist ihnen dabei ziemlich egal.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2006 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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