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Von – 1. September 2006

Lotsen beim Loslassen

In Frankfurt werden neue Wege bei Bestattungen erprobt

„Herr Pfarrer, machen Sie es kurz“ – hinter diesem Wunsch von Angehörigen nach einer schlichten Trauerfeier steht oft weniger emotionale Armut als die Angst, in der Trauerhalle von den eigenen Gefühlen überwältigt zu werden. Ruhige Sachlichkeit, wie sie auch Pietäten verströmen, mag dazu beitragen, Ausbrüche von Verzweiflung, Einsamkeit und Schuldgefühlen auf den privaten Bereich zu beschränken. Aber damit ist nicht jedem geholfen. Die Emotionen brauchen Zeit und Ort, wo sie zugelassen sind und aufgearbeitet werden. Gerade die Phase zwischen Verlust und Bestattung eines Angehörigen bedarf einer individuelleren, flexibleren und bewussteren Gestaltung, die das Abschiednehmen erleichtert. Und immer mehr Angehörige verlangen das auch.

Für manche ist die Rückkehr zu alten Bestattungsbräuchen ein Weg, Emotionen zu kanalisieren und Trauerarbeit zu leisten. Im Bestattungshaus „Kistner und Scheidler“ im Gutleutviertel etwa herrscht eine Wohnzimmerathmosphäre mit warmen Farben, Bücherregalen, Pflanzen und Skulpturen sowie einem Blick in den hübschen Garten. Die Bestatterinnen beraten im Blick auf eine individuell angemessene Form des Abschiednehmens und wollen allmähliches Loslassen ermöglichen. Dabei gilt: Alles geht. Auf Wunsch können die Angehörigen jeden Schritt vom Abholen der Leiche bis zur Beisetzung begleiten, mit einfühlsamer Hilfestellung den Verstorbenen waschen und einkleiden oder den Sarg bemalen. Wenn Angehörige einen Verstorbenen über mehrere Tage immer wieder besuchen möchten, wird auch dies arrangiert; in einem kleinen „Wohnzimmer“ wird dann der Leichnam für die gewünschte Zeit aufgebahrt.

Andererseits tut es vielen Angehörigen gerade gut, wenn ihnen eine so intensive Begegnung mit dem Tod erspart wird. Zum unvermeidlichen Loslassen hilft ihnen jene kühl-sachliche Atmosphäre aus Anthrazit, Blaugrau und Lila, die Distanz schafft und unmittelbar deutlich macht, dass der Tote nicht mehr Teil des familiären Umfeldes ist.

Auch bei der Gestaltung von Trauerfeier und Bestattung gibt es individuelle Bedürfnisse, die von den Bestattungshäusern mehr und mehr wahrgenommen und berücksichtigt werden. So bietet etwa das „Trauerzentrum – Haus des Abschieds“ in Rödelheim, eine von sechs Frankfurter Bestattungsunternehmen getragene Einrichtung, die Möglichkeit, Aufbahrung und Trauerfeier im eigenen Haus zu organisieren. Gegenüber der noch immer starren Terminvergabe durch das städtische Grünflächenamt und dem mitunter unwürdigen Halbstundentakt der Trauerfeiern auf den kommunalen Friedhöfen bedeutet dies eine erhebliche Entzerrung.

Die Pietäten sind herausgefordert, ihre Dienstleistung nicht nur auf die fachgerechte und würdige Behandlung des Leichnams zu beschränken, sondern auch eine qualifizierte Trauerberatung anzubieten. Wertvolle Hilfen bei der Bewältigung der Trauer geben die Pfarrerinnen und Pfarrer. Bei der Gestaltung des Abschieds sind sie die wichtigsten Fachleute, die ohne eigene finanzielle Interessen Empfehlungen für eine stimmige Form geben können und auch nach der Bestattung noch zur Verfügung stehen. Es ist empfehlenswert, sie frühzeitig einzubeziehen und nicht erst, wenn bereits alles mit einer Pietät festgelegt ist. Sie können auch den Kontakt zu christlichen Trauergruppen vermitteln, die von erfahrenen Seelsorgern und Seelsorgerinnen geleitetet werden.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2006 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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