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Von – 1. September 2006

Und Gott chillte…

Schon im Vorfeld hat sie für Kontroversen gesorgt, jetzt kommt die „Bibel in gerechter Sprache“ pünktlich zur Buchmesse in die Läden. Expertinnen und Experten aus verschiedenen theologischen Fächern haben jahrelang daran gearbeitet. Ein ambitioniertes Projekt, das sicher noch viele Diskussionen auslöst. Bilden Sie sich eine eigene Meinung: Unter allen, die an die Redaktion schreiben, verlost „Evangelisches Frankfurt“ drei Exemplare.

Nulf Schade-James ist Pfarrer in der Friedensgemeinde. Foto: Oeser

Chillen Sie gerne? Einige Jugendliche im Gallus, wo ich lebe und arbeite, bezeichnen es gar als ihr Hobby. In den Ferien chillen sie fast den ganzen Tag. Hin und wieder machen sie einen break, dann simsen, chatten oder surfen sie.

„Wie bitte?“ höre ich Sie fragen. Nicht jeder versteht die Sprache der jungen Generation auf Anhieb, selbst das Rechtschreibprogramm meines Computers kennt diese Wörter nicht. Neue Wörter einer neuen Generation. Unsere Sprache verändert sich, passt sich den Lebensumständen an. Leider kann es da schon mal passieren, dass die ältere die jüngere Generation nicht mehr versteht. Und umgekehrt: Wer von den Jugendlichen kennt heute noch das Wort „Scheffel“?

Jede Generation bringt neue Wörter mit. Man kennt das aus der Arbeits- und Computerwelt. Täglich werden wir mit Neuheiten konfrontiert. Nur wer sich den Veränderungen stellt, kann auf dem Laufenden bleiben. Niemand käme heute noch auf die Idee, in der Sprache Martin Luthers zu sprechen, weil sie an vielen Stellen unverständlich geworden ist. Mit der Sprache Gottes geht es mir da ähnlich, auch sie ändert sich, weil die Sprache der Menschen sich wandelt. Das muss ich bedenken, wenn ich als Christin oder Christ verstanden werden will.

Wie übersetzt man ein Buch, das vor tausenden von Jahren in Hebräisch und Griechisch geschrieben wurde? Eine Podiumsdiskussion zur „Bibel in gerechter Sprache“ - Gütersloher Verlagshaus, 24.95 Euro - gibt es am Donnerstag, 5 Oktober, um 15 Uhr im Frankfurter Bibelhaus, Metzlerstraße 19. Foto: Schrupp

Im Lauf meines Lebens hat sich meine theologische Sprache verändert. Habe ich früher nur die Jünger erwähnt, gehören heute die Jüngerinnen selbstverständlich dazu. Denn Frauen waren an den Geschehnissen beteiligt, von denen die biblischen Texte berichten. Das Wort „Herr“ vermeide ich vollkommen, weil es mich weiter von Gott weg führt. Es schafft eine Distanz, die nicht nötig ist. Gott ist die Liebe! Gott ist der Segen, den wir empfangen und weitergeben. Gott ist die Kraft, die überall dort wirkt, wo Menschen einander in Liebe und Respekt begegnen. Da hat das Bild vom „Herrn“ keinen Platz mehr. Die menschliche Seite Gottes, die Kinder und Frauen in den Mittelpunkt stellt, wird – nicht nur – von den Jugendlichen eher verstanden. Die menschliche Seite Gottes begeistert Menschen, weil sie die Herzen berührt. Dies geschieht nur dann, wenn Menschen sich angesprochen fühlen.

Genau das versucht jetzt eine völlig neue Übersetzung der Bibel, die „Bibel in gerechter Sprache“, wie sie genannt wird. Gerechtigkeit in Hinblick auf das Verhältnis von Frauen und Männern stand beim Übersetzen genauso im Vordergrund wie der Blick auf heutige Realitäten. Martin Luther übersetzte an vielen Stellen noch mit Mägden und Knechten, aus dem mittelalterlichen Ständewesen übernommen und damit seinen Zeitgenossen klar verständlich. Die „Bibel in gerechter Sprache“ spricht heute von Sklavinnen und Sklaven. Auch die Anrede der versammelten Gemeinde, „adelphoi“ wird nicht mehr mit „Brüder“ übersetzt, sondern mit „Geschwister“. Ich bin sehr froh, dass die Kirche dieses Projekt unterstützt hat. Und ich bin davon überzeugt, dass nicht nur die Jugendlichen im Gallus, sondern viele Menschen neue Zugänge zu der tiefen spirituellen und gesellschaftsverändernden Kraft der Bibel finden werden.

Bibel in gerechter Sprache: Das haben wir gebraucht, weil ein gerechtes Buch eine gerechte Sprache sprechen muss. Durch sie können Menschen ermutigt werden, miteinander ins Gespräch zu kommen. Unsere Sprache verändert sich täglich, und auch die Bibel in gerechter Sprache ist nur Stückwerk und bedarf einer Fortsetzung. Wer weiß, vielleicht heißt es irgendwann einmal: „…und Gott chillte am siebten Tag und siehe, es war sehr gut.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2006 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Nulf Schade-James ist Pfarrer in der Friedensgemeinde.

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