Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke

E-Mail

E-Mail

Über jeden neuen Beitrag informieren wir Sie mit einer Nachricht per Mail.

Aktuell

1. November 2006

Bibel aus den Händen gerissen

„Dass mir die Bibel einmal aus den Händen gerissen würde, hätte ich ja nicht gedacht“, freute sich Projektleiterin Hanne Köhler. Im Frankfurter Bibelmuseum stellte sie sich gemeinsam mit zwei Übersetzerinnen der Diskussion über die neue „Bibel in gerechter Sprache“.

Mit so einer Nachfrage hat der Verlag wohl nicht gerechnet: Weil schon die Zahl der Vorbestellungen höher war als die geplante Startauflage von 10000, wurde diese zwar kurzerhand verdoppelt. Doch an den ersten Messetagen waren die Bibeln Mangelware. 2400 Dünndruckseiten ist das Buch schwer, 52 wissenschaftliche Übersetzerinnen und Übersetzer haben fünf Jahre lang daran gearbeitet. Ziel war es, die griechischen und hebräischen Originaltexte in ein zeitgemäßes und verständliches Deutsch zu übertragen und dabei Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung, der feministischen Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs einzubeziehen.

Sogar die Kulisse war biblisch: In einem nachgebauten Fischerboot vom See Genezareth wurde die neue Übersetzung präsentiert. Der Diskussion stellten sich Projektleiterin Hanne Köhler und die Übersetzerinnen Gerlinde Baumann und Irene Dannemann, Fragen stellte Volker Rahn von der Evangelischen Sonntagszeitung - v.l.n.r. | Foto: Oeser

Sogar die Kulisse war biblisch: In einem nachgebauten Fischerboot vom See Genezareth wurde die neue Übersetzung präsentiert. Der Diskussion stellten sich Projektleiterin Hanne Köhler und die Übersetzerinnen Gerlinde Baumann und Irene Dannemann, Fragen stellte Volker Rahn von der Evangelischen Sonntagszeitung – v.l.n.r.
Foto: Oeser

Wie kompliziert das im Detail war, machten die Übersetzerinnen anhand von Beispielen deutlich. „Allein über den Gottesnamen in der hebräischen Bibel haben wir drei Jahre diskutiert“, sagte Gerlinde Baumann, die die Sprichwörter Salomos und einige der kleinen Propheten übersetzt hat. Im Original stehen hier die vier Buchstaben JHWH: Der Name Gottes ist nach jüdischem Glauben unaussprechlich. In den Synagogen wird an dieser Stelle „Adonai“ gelesen, was „mein Herr“ heißt – eine nach feministischer Ansicht jedoch einengende Bezeichnung für Gott. Die neue Übersetzung bietet daher verschiedene Varianten: Neben „Adonai“ und „Gott“ auch „die Lebendige“ oder „der Einzige“. In jedem Kapitel wird eine der Varianten durchgängig verwendet, die jeweiligen Stellen aber grau unterlegt. „So können die Leserinnen und Leser selbst entscheiden, welchen Ausdruck sie wählen.“

Ziel des Projekts war es, die biblischen Texte möglichst originalgetreu in ihrem Sprachduktus zu erhalten. Doch das war gar nicht leicht. „Im Hebräischen gibt es Sätze, die kein Verb haben“, erläuterte Baumann. Sie habe versucht, dies zu erhalten, doch beim Publikum sei das nicht angekommen. In über 300 Gruppen waren die Übersetzungen kritisch gegengelesen worden. „Deutsche Sätze ohne Verb sind eben unverständlich“, musste Baumann einsehen, „also habe ich mir passende Verben ausgedacht.“ Ein ähnliches Problem stellte sich bei der Johannesoffenbarung. „Die Person, die das geschrieben hat, hatte Griechisch offenbar als Fremdsprache gelernt. Deshalb enthält der Text viele Fehler, falsche Ar­ tikel oder falsche Endungen.“ Auch hier wollte der Übersetzer zunächst diesen Duktus erhalten. „Doch es wurde dadurch irri­ tierend“, erzählt Hanne Köhler, „deshalb haben wir die meisten Fehler korrigiert und nur einige erhalten.“

Mit der Einführung weiblicher Bezeichnungen wie „Jüngerinnen“ oder „Apostelinnen“ werde die Bibel nicht „besser gemacht, als sie ist“, erläuterte Baumann, sondern nur den Veränderungen angepasst, die die deutsche Sprache in den letzten Jahren durchlaufen hat. Ob eine Textstelle Frauen „mitmeint“ oder nicht, musste im Einzelfall erforscht werden. „Viele behaupten ja, es habe keine Pharisäerinnen gegeben“, so Hanne Köhler, „aber Paulus sagt, seine Eltern seien Pharisäer gewesen, also auch seine Mutter.“

Die neue Übersetzung soll andere Bibeln nicht ersetzen, sondern ergänzen. „Eine Pfarrerin muss sowieso für jeden Anlass entscheiden, welche Übersetzung angemessen ist. Und jetzt gibt es eben eine weitere Möglichkeit“, so Köhler. „Im Titel wird unser Profil auf den ersten Blick deutlich.“ Wie kompliziert das mit dem Anspruch der Gerechtigkeit sein kann, erlebte Irene Dannemann beim Übersetzen des Markusevangeliums: „In einer Heilungsgeschichte hatte ich formuliert, Jesus habe Mitleid mit dem Kranken. Doch Behinderte machten mich darauf aufmerksam, dass das Wort Mitleid im Deutschen auch einen herablassenden Beigeschmack hat.“ Also übersetzte sie „es rührte ihn an“, was in der Tat den Originaltext besser wiedergibt.

Immerhin hat die Mühe sich gelohnt: Der Verlag bereitet schon die zweite Auflage vor.

Antje Schrupp

Bibel in „gerechter Sprache“ – Ihre Meinungen!

Zu: „Der Bibel übers Maul gefahren“ sowie „Und Gott chillte“

Beate Kolberg

Foto

Pfarrer Nulf Schade-James spricht mir aus dem Herzen! Mir selbst geht es seit Jahren so, dass ich mir genau das wünsche, eine Bibel klar verständlich geschrieben, die man ohne großes Nachdenken zur Hand nehmen kann, um in ihr zu lesen wie in einem spannenden Buch. Für mich spielt es da nur eine untergeordnete Rolle, ob das ein oder andere Wort eventuell „zu“ frei übersetzt ist. Ich jedenfalls bin sehr gespannt.

Hubertus Wobbermin

Sicherlich ist es wichtig und richtig, dass auch solche Werke wie die Heilige Schrift von Zeit zu Zeit überarbeitet werden. Trotzdem muss man hinterfragen, welche Absichten hinter der Sache stehen. Die kritischen Anmerkungen von Wilfried Steller haben mich sehr nachdenklich gemacht, geben sie doch Anlass zur Sorge, dass hier die Gelegenheit genutzt wurde, dem feministischen Gedanken endlich wieder Vortrieb zu verschaffen. Diesen Damen muss es ja wirklich ein ständiges Ärgernis sein, dass Christus zwölf Jünger hatte und offenbar keine zwölf Jüngerinnen. Ich komme mit meiner Bibel in „ungerechter Sprache“ bestens zurecht!

Helmut Klenk, Pfarrer i.R.

Foto

Danke für die Information – vor allem auch für die unterschiedlichen Stellungnahmen (Steller und Schade-James). Zum letzteren: „adelphoi“ ist im klassischen Griechisch immer die Form für Schwestern und Brüder (Geschwister), da es die weibliche Form „adelphai“ nicht gibt. Insofern ist die neue Bibelübertragung nichts Besonderes. Es soll aber andere Abweichungen vom Urtext geben, wie bei Kritikern zu lesen war; das halte ich für bedenklich.

Torsten Strobel

Es gibt in der Luther-Bibel einige Wörter, die junge Leute von heute gar nicht mehr kennen. Da steht zum Beispiel der Begriff: Woll-Lust! Dass es sich dabei nicht um die Lust am Stricken handelt, muss man Jugendlichen erstmal erklären. In allen Epochen war die Bibel ein wichtiger Begleiter. Das unterliegt dem Geist Gottes, wie, wann und wo er wirkt. Solange sich niemand über die Bibel stellt und sagt: „Das ist meine Geschichte und ich habe sie geschrieben“, sehe ich keine Bedenken, eine gerechte Bibelübersetzung zu lesen. Sicherlich, an dem einen oder anderen Punkt wird es Reibereien geben, aber die gehören zum Leben dazu!

Heike Seidel-Hoffmann, Pfarrerin

Foto

Wenn es darum geht, heute schwer verständliche Worte neu zu erklären oder Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung einfließen zu lassen, bringt eine neue Bibelübersetzung in jedem Fall Erkenntnisgewinn: Zum Beispiel wenn es nicht nur um „Jünger“, sondern auch um „Jüngerinnen“ Jesu geht, weil inzwischen bewiesen ist, dass es auch Frauen in der Jesusbewegung gab. Doch wenn es um die Gottes- und Jesusanrede „Herr“ geht, wird das ganze schon komplizierter: Sowohl das griechische „Kyrie“ als auch das hebräische „Adonai“ bedeutet „Herrscher“ im Sinne eines Menschen, der große Macht und Einfluss hat, und im Sinne Gottes, der einen Machtanspruch über die Welt und die Menschen hat, aber diese Macht gerade nicht im menschlichen Sinne missbraucht. Von Gott nur als „Liebe“ zu sprechen, wird dem biblischen Gottes­ bild nicht gerecht.

Barbara Loch-Braun

Foto

Ich möchte, dass meine Tochter, die jetzt im Konfirmationsunterricht ist, sich von den Texten angesprochen und nicht be-“herrscht“ fühlt . Ich habe kein Hebräisch oder Griechisch studiert und bin deshalb froh, das sich die Arbeitsgruppe an diese Aufgabe herangewagt hat. Als Kirchenvorsteherin nutze ich regelmäßig die Übersetzung der Lesungen in gerechter Sprache und merke, dass sich alle angesprochen fühlen. Ich kann sie besser lesen, und es ist leichter, beim Zuhören den Sinn zu erfassen.

Elisabeth Haase

Pfarrer Schade-James glaubt doch nicht im Ernst, dass der Allmächtige Schöpfer sich dieser lächerlichen Sprache bedienen würde. Gottes Wort darf nicht verändert werden, noch nicht mal ein Strichlein. Gott ist der Autor der Heiligen Schrift und nicht die Menschen.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. November 2006 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

Artikel teilen: E-Mail Facebook Twitter Google+

Meistgelesene Artikel

Kommentare zu diesem Artikel

  • Tilman Kluge schrieb am 12. November 2006

    Den Übersetzern hätte es gut angestanden, dort, wo sie meinten, maskuline Begriffe (Pharisäer) in Männlein und Weiblein splitten zu müssen, einem klärenden Vorwort den Vorzug zu geben. Dieses hätte sich die Tatsache zunutze machen können, dass es sich bei Männern wie Frauen zunächst um Menschen handelt, deren situative Position, nicht aber deren Geschlecht das Wesentliche der in Rede stehenden Texte ausmacht. „Weichgespült“ waren einige Begriffe bereits vorher, etwa der Begriff „Feigheit“ in 2. Tim 1,7, der lange als „Furcht“ Bestand hatte und dann zur „Verzagtheit“ degenerierte. Immerhin hat hier der Originaltext wieder die Oberhand gewonnen.

  • Pfarrer Otto Kammer schrieb am 11. November 2006

    Ich möchte vorerst keinen „Kleingeist politisch-theologischer correctness“ erkennen, wenn Frauen neben den im Urtext allein genannten Männern mit erscheinen. Da hat sich unser Sprachgebrauch einfach geändert. Es mag sein, dass ich selbst an manchen Stellen mit der neuen Übersetzung nicht einverstanden bin. Sympathisch ist insgesamt, dass die Übersetzer nicht den Anspruch erheben, die „letztgültige“ Fassung gefunden haben, sondern selbst die Relativität und Zeitbedingtheit ihres Unternehmens einräumen.

  • Hans W. Fedder schrieb am 10. November 2006

    Sich anzumaßen, die einmalige Arbeit des Stifters unserer Kirche durch eine Neuübersetzung verbessern zu wollen, wird nur noch mehr Menschen zur Abwendung von der Kirche veranlassen. Der in der neuen Übersetzung enthaltene Feministinnenwahn ist ebenso überzogen, wie in Ihrem Artikel auf Seite 8 über die Stolpersteine von „Jüdinnen und Juden“ zu sprechen. „Frankfurter Juden“ hätte es auch getan

  • Tilman Kluge schrieb am 25. Februar 2007

    Von einigen Seiten wird den Bibel-Übersetzern der Trend unterstellt, sie hätten Weichspülerei betrieben. Das ist zweifellos nicht auszuschließen, kann aber andererseits nicht verallgemeinert werden. So wird unter 2. Tim 1,7 endlich das griechische und „knackigste“ Wort „Feigheit“ wieder aufgegriffen, das in früheren Textfassungen mit „Furcht“ und später tatsächlich weichgespült mit „Verzagtheit“ übersetzt wurde. So hat auch alles sein Gutes. Abwegig ist allerdings, hier eine „gerechte Sprache“ gefunden haben zu wollen. Unbeschadet von Jürgen Habermas‘ Ausführungen (Friedenspreisrede) zur Säkularisation der kirchlichen Sprache erfolgte der letzte dahingehend erfolgreiche Ansatz in Jesu Bergpredigt. Das werden weder Bibelübersetzer toppen noch politische Parteien in vordergründigen Kämpfen um „Neue Gerechtigkeit“.

Kommentar schreiben

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, Kommentare werden vor der Veröffentlichung freigeschaltet.