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1. November 2006

Nicht nur Warten auf den Tod

Seit zehn Jahren gibt es in Frankfurt ein Krankenhaus mit einem ungewöhnlichen Ansatz: Im Hospital für palliative Medizin orientiert sich alles an höchstmöglicher Lebensqualität.

Es gibt Worte, die hört Pfarrer Reinhold Dietrich gar nicht gern. „Sterbebegleitung“ zum Beispiel. „Wir machen keine Sterbebegleitung, sondern wir begleiten Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wir sehen Kranke nicht als fast schon Tote, sondern als Menschen, die leben, und denen wir helfen können, dieses Leben gut zu gestalten“, erklärt Dietrich. Auch wenn dieses Leben vielleicht nur noch wenige Tage oder Stunden dauert.

Zeit für Gespräche und eine ganzheitliche Lebensgestaltung stehen im Mittelpunkt von Medizin und Pflege im Palliativhospital: Pflegekraft Holger Fiedler im Gespräch mit Patient Christian Jäger. | Foto: Surrey

Zeit für Gespräche und eine ganzheitliche Lebensgestaltung stehen im Mittelpunkt von Medizin und Pflege im Palliativhospital: Pflegekraft Holger Fiedler im Gespräch mit Patient Christian Jäger.
Foto: Surrey

Reinhold Dietrich ist Seelsorger im Hospital für Palliative Medizin des Evangelischen Regionalverbandes in Frankfurt. Das kleine Krankenhaus mit zwanzig Betten versorgt Menschen, die unheilbar krank sind, fast alle haben Krebs. Sie sind meist aus anderen Krankenhäusern überwiesen worden, weil klar ist, dass sie nicht mehr gesund werden. Im Fachjargon nennt man das „austherapiert“. Auch so ein Wort. „Wenn Ihnen jemand sagt, Sie sind austherapiert, dann treibt Sie das doch direkt in die Hoffnungslosigkeit“, sagt die leitende Ärztin Angelika Berg. „Aber auch wenn ich die Menschen nicht gesund machen kann, kann ich doch eine Menge für sie tun.“ Schmerzen lindern, Übelkeit und Atemnot beseitigen, etwas gegen Appetitlosigkeit oder Angst unternehmen.

Bis heute scheuen sich viele Ärzte davor, die Diagnose „unheilbar“ auszusprechen. Bis zuletzt werden oft quälende Therapien ausprobiert, auch wenn die Heilungschancen gleich Null sind. Stattdessen konzentriert sich das Palliativhospital darauf, eine größtmögliche Lebensqualität zu gewährleisten. „Unser wichtigstes medizinisches Gerät ist der Stuhl“, sagt Reinhold Dietrich. „Auch die Schwestern sollen sich ans Bett setzen und Gespräche führen und nicht einfach sagen, dafür ist der Pfarrer zuständig.“

Möglich ist das, weil das Krankenhaus sich nicht nur über die Krankenkassen finanziert, sondern auch mit Spenden und kirchlichen Zuschüssen – sie machen rund 15 Prozent des Etats aus, dazu kommt die Stelle des Seel­ sorgers. Ein sehr aktiver Förderverein sammelt Geld und bezahlt davon zwei Pflegekräfte und eine viertel Arztstelle. Doch der finanzielle Druck wird stärker. „Noch sind wir als besondere Einrichtung aus dem neuen System der Fallpauschalen ausgenommen“, erklärt Geschäftsführer Helmut Ulrich, „aber das ist nicht auf Dauer.“

Vor zehn Jahren war dieser Ansatz einer Medizin, die das Augenmerk auf den Erhalt von Lebensqualität legt, noch neu.

Pfarrer Reinhold Dietrich in der Kapelle des Hospitals. Hier finden auch Angehörige und Pflegekräfte einen Raum für Spiritualität und Besinnung. | Foto: Surrey

Pfarrer Reinhold Dietrich in der Kapelle des Hospitals. Hier finden auch Angehörige und Pflegekräfte einen Raum für Spiritualität und Besinnung.
Foto: Surrey

Inzwischen gibt es in vielen Krankenhäusern Palliativstationen, und voriges Jahr wurde in Frankfurt auch erstmals ein Hospiz eröffnet. Doch das Konzept des Palliativhospitals ist noch immer einzigartig: „Wir möchten die Menschen möglichst stabilisieren und wieder entlassen können“, sagt Pflegediensleiterin Christine Boß.

Kompliziert wird die Situation durch die Gesetzgebung, die eine klare Unterscheidung zwischen Krankenhäusern und Hospizen macht. Krankenhäuser dürfen Patientinnen und Patienten nur solange behalten, wie eine akute me­ dizinische Notwendigkeit besteht. Hospize hingegen verfügen nicht über die medizinische Ausstattung eines Krankenhauses. Bei Krebs ist der Krankheitsverlauf aber häufig schwankend, sagt Boß. „Jemand, der morgens nichts frühstückt und sterben will, kann abends wieder höchst interessiert ein Fußballspiel anschauen, aber genauso kommt es vor, dass jemand, der sehr stabil wirkt, in der Nacht plötzlich stirbt.“ Wenn Krebs nicht heilbar ist, führt das zwar un­ weigerlich zum Tod, aber eben nicht gradlinig. Jeder Fall ist individuell und kaum ein Verlauf vorhersehbar – das ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten.

Um Lebensgestaltung geht es, nicht ums Warten auf den Tod. Deshalb sieht es im Hospital auch nicht aus wie in einem Krankenhaus. Die Atmosphäre ist familiär, Angehörige können hier übernachten, und die eigene Krankenhausküche geht auf individuelle Wünsche ein. In der kleinen Kapelle finden Patienten, Angehörige, aber auch Mitarbeiterinnen einen Ort des Rückzugs und der Meditation. Einmal im Monat gibt es hier gut besuchte Gedenkgottesdienste für Angehörige, die einen Menschen verloren haben. Ein Stab von ausgebildeten Ehrenamtlichen steht den Kranken auf Wunsch zur Seite.

„Sterben ist ein Teil des Lebens“, sagt Pfarrer Dietrich, „und auch in den letzten Tagen und Stunden ist Genuss und Lebensfreude möglich.“

Antje Schrupp

Zu einem „Tag der offenen Tür“ lädt das Hospital für palliative Medizin am Freitag, 3. November, von 14 bis 18 Uhr ein (Rechneigrabenstraße 12).

„Striktes Nein zur aktiven Sterbehilfe“

„Wir haben in Deutschland die Lehre und Praxis einer optimalen Schmerztherapie zu lange vernachlässigt“, sagt Professor Ulrich Gottstein. „Deshalb tragen wir Mitschuld daran, dass so viele Menschen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe fordern.“ Der renommierte Frankfurter Kliniker, der für sein Engagement bei den „Internationalen Ärzten zur Verhütung von Atomkrieg“ bekannt geworden ist, hat das Evangelische Hospital für palliative Medizin maßgeblich mit gegründet – „aus medizinischer und christlicher Überzeugung“, wie er sagt.

Schließlich sind es über 200000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr an Krebskrankheiten sterben. Noch immer nimmt der 79-Jährige regelmäßig an Visiten im Hospital teil und engagiert sich im Förderverein dafür, dass sich die Idee eines Lebensendes in Würde verbreitet und Spendengelder hereinkommen. „Wir Christen möchten uns nicht das Leben nehmen, sondern Gott bitten, dass wir in Würde und in Frieden und getröstet sterben dürfen, wenn die Stunde naht.“

Untersuchungen hätten gezeigt, dass die hohen Zustimmungsraten zur aktiven Sterbehilfe deutlich zurückgehen, wenn die Menschen wissen, dass es gute Therapie von Schmerzen und Krankheitsqualen gibt. Leider seien die Möglichkeiten der Palliativmedizin noch viel zu wenig bekannt, so Gottstein. „Das Wort kommt vom lateinischen pallium, dem Mantel, der vor schlechtem Wetter schützt, wenn er auch nicht für Sonnenschein sorgt. Palliativmedizin kann die Krankheit nicht bessern, aber den Menschen vor Schmerzen, Qualen und Verzweiflung schützen.“ Hier sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

Antje Schrupp

Zu Hause sterben ist oft möglich

Ein ambulanter Palliativdienst organisiert, was dafür nötig ist

„Die meisten Menschen wollen zu Hause sterben“, weiß Matthias Bäumner. Seit Anfang des Jahres sorgt der Krankenpfleger, der zusätzlich Pflegemanagement studiert hat, dafür, dass Menschen, die unheilbar krank sind, in ihren eigenen vier Wänden versorgt werden können.

Der Anteil von Patientinnen und Patienten des Hospitals, die nach einer Schmerztherapie wieder entlassen werden können, ist in den vergangenen zehn Jahren von anfangs 20 Prozent auf 40 Prozent angestiegen. Die meisten davon kommen in ein Hospiz, immerhin ein Drittel kann jedoch nach Hause – sofern die Organisation stimmt. Hier ist Matthias Bäumner gefragt: „Es darf keinen Bruch in der Versorgungskette geben.“ Bäumer schlägt einen unkompliziert handhabbaren Medikamentenplan für die häusliche Versorgung vor und vermittelt zwischen Klinikstation, Arztpraxen, Pflegediensten und Ange­ hörigen. So wird die Voraussetzung für einen reibungslosen Umzug geschaffen.

Auch danach bleibt Matthias Bäumner das zentrale Bindeglied zwischen allen Beteiligten. Er kontrolliert zum Beispiel, ob die Schmerzmittel noch angemessen wirken, und informiert im Zweifel den Hausarzt, der in Sachen Schmerzbehandlung vielleicht nicht so erfahren ist. Falls nötig, ebnet er auch den Weg zurück in die Klinik. Eine wichtige Aufgabe ist die Arbeit mit den Angehörigen, die oft Zweifel haben, ob sie der schwierigen Aufgabe gewachsen sind. Bäumner erklärt ihnen, wie sie eine Krise vom natürlichen Verlauf der Krankheit unterscheiden können, damit sie wissen, wann der Notarzt gerufen werden muss und wann nicht. Auf Wunsch organisiert er auch Unterstützung von Ehrenamtlichen, die den Kranken vorlesen oder sich mit ihnen unterhalten, oder er stellt den Kontakt zu einer Pfarrerin oder einem Pfarrer her.

Die Frage, ob seine Arbeit traurig sei, verneint Matthias Bäumner entschieden. „Es ist ein gutes Gefühl, einen Menschen im letzten Lebensabschnitt zu begleiten.“ Natürlich sei es manchmal schwierig, offen zu sein, den richtigen Ton und einen geeigneten Zeitpunkt für klärende Worte zu finden. Dank einer Spende der Polytechnischen Gesellschaft von 80000 Euro wird der ambulante Palliativdienst demnächst ausgebaut und eine weitere Pflegekraft hierfür eingesetzt.

Birgit Arens-Dürr

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. November 2006 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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