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1. November 2006

Von der Reformation lernen

Martin Luther hat in der Zeit der Reformation Mut und Standhaftigkeit bewiesen. Davon kann die Kirche auch heute noch lernen. Nur wenn sie weiterhin reformatorisch denkt, sich also auf veränderte Zeiten und Situationen einstellt, kann sie den Menschen offen und einladend begegnen.

Jan Schäfer ist Pfarrer in der Christuskirchengemeinde Nied und Dekan des Dekanates Höchst. | Foto: Oeser

Jan Schäfer ist Pfarrer in der Christuskirchengemeinde Nied und Dekan des Dekanates Höchst.
Foto: Oeser

31. Oktober 1517, Schlosskirche zu Wittenberg: Ein Mann veröffentlicht 95 Gedanken zur Situation der Kirche. Der Mann heißt Martin Luther. Er ist Priester und steht im Dienst der Kirche. An der Universität in Wittenberg lehrt er Theologie und hält Vorlesungen über die Bibel. Dabei geht es ihm vor allem um die Frage: „Wie findet der Mensch Gnade vor Gott?“

Im Römerbrief macht Luther eine Entdeckung: Allein Glaube ist der Weg zur Gnade Gottes! Die Kirche seiner Zeit sieht das anders. Sie lehrt, dass ein Mensch für Gottes Gnade zahlen soll. Konkret: um den Nachlass der so genannten zeitlichen Sündenstrafen zu erlangen. Der Handel mit Ablassbriefen floriert. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Mit diesen Worten zieht der Prediger Johann Tetzel im Auftrag des Bischofs durch die Lande. Jeder kennt den Reim. Geschickt nutzt Tetzel die Angst der Menschen vor Gottes Gericht aus. So zahlen die Menschen und kaufen Ablassbriefe. Im Römerbrief liest Martin Luther aber den Satz: „Die Menschen werden ohne Verdienst allein aus der Gnade Gottes gerecht!“ Dieser Satz ist für ihn regelrecht eine Befreiung. Ein Aufbruch aus der Sackgasse der Frage, wie ein Mensch vor Gott bestehen kann. Später wird diese Erkenntnis dann die „reformatorische Entdeckung“ genannt.

Seine Entdeckung kann Luther nicht für sich behalten. Ihn drängt es, sie mitzuteilen. Er veröffentlicht seine Thesen – und löst eine Lawine aus. Die Menschen beginnen zu begreifen, was seine Entdeckung bedeutet. Auch Bischöfe und Kirchenfürsten erkennen die Folgen. Sie versuchen, den Reformator zu stoppen. Mit allen Mitteln. Doch für Luther gibt es kein Zurück. Und auch politisch hat seine theologische Entdeckung ungeheure Folgen: Für die Fürsten ist sie das Signal, sich von Papst und Kaiser zu distanzieren. Am Ende einer langen Auseinandersetzung steht nicht die Reformation der Kirche, wie sie Luther vielleicht vor hatte. Am Ende steht die Kirchenspaltung. Eine neue Kirchenbewegung entsteht: der Protestantismus.

Bildung und Aufklärung gehörten zu den Kernpunkten der Reformation. So dienten die Emporenbilder der Katharinenkirche dazu, Leseunkundigen biblische Geschichten näher zu bringen. Die Erinnerung an die Reformation wird in Frankfurt traditionell ökumenisch begangen: in diesem Jahr am Dienstag, 31. Oktober, um 19.30 Uhr mit Pröpstin Gabriele Scherle und Stadtdekan Raban Tilmann in der Katharinenkirche. | Foto: Oeser

Bildung und Aufklärung gehörten zu den Kernpunkten der Reformation. So dienten die Emporenbilder der Katharinenkirche dazu, Leseunkundigen biblische Geschichten näher zu bringen. Die Erinnerung an die Reformation wird in Frankfurt traditionell ökumenisch begangen: in diesem Jahr am Dienstag, 31. Oktober, um 19.30 Uhr mit Pröpstin Gabriele Scherle und Stadtdekan Raban Tilmann in der Katharinenkirche.
Foto: Oeser

31. Oktober 2006, Frankfurt am Main: Zum 489. Mal jährt sich der Thesenanschlag Luthers. Evangelische Christinnen und Christen feiern ihn als Reformationstag. An vielen Orten gibt es Festgottesdienste. Der Reformationstag ist aber mehr als ein Gedenktag, der die Erinnerung an ein bedeutendes historisches Ereignis wach hält. Das Gedenken an die Reformation macht uns vor allem deutlich, dass zum Protestantismus immer auch reformatorisches Denken gehört, also die Bereitschaft zur Veränderung.

Die evangelische Kirche ist niemals eine statische Kirche. Sie ist immer eine Kirche, die offen ist für Veränderung. Was ist die reformatorische Entdeckung unserer Zeit? Die Situation der Kirche verändert sich – besonders in der Stadt. Frankfurt ist längst keine „evangelische“ Stadt mehr. Ganz entscheidend ist, dass die Kirche sensibel ist und wahrnimmt, was die Menschen erwarten und brauchen. Das sind Orte lebendiger Spiritualität genauso wie eine offene und einladende Gemeinschaft. Dazu gehört auch der Wunsch, den Glauben selbstbewusst zu leben. Dadurch können kirchliche Orte ein klares Profil bekommen. Die Grenzen von traditionellen Ortsgemeinden spielen immer weniger eine Rolle. Viele gemeinsame Projekte gibt es schon.

Evangelische Christinnen und Christen leben den Glauben an Gott heute auch in enger Nachbarschaft mit Menschen anderer kultureller Prägung und mit anderer religiöser Glaubenspraxis. Welche Konsequenz bringt diese Entdeckung mit sich? Den Dialog mit anderen Religionen muss eine reformatorische Kirche jedenfalls nicht fürchten. Denn das Gespräch über Trennendes und Verbindendes hilft bei der Schärfung des eigenen Glaubensverständnisses.

Jan Schäfer

Wissenswertes zur Reformation auch unter www.luther.de.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. November 2006 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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