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1. Dezember 2006

Franken in Frankfurt

Eine Weihnachtserzählung von Georg Magirius

Dies ist die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach der Weihnachtsstimmung. Er, der Gelegenheitsarbeiten wie andere Briefmarken sammelte, war Sin­gle. „Schließlich muss ja einer das Klischee vom Großstadtleben erfüllen“, sagte er, mochte das Wort Single zu seinem fortgeschrittenen Alter auch nicht recht passen. „Ich bin zwar ein singuläres, einzigartiges Wesen – alleinstehend trifft es aber eher, noch besser: allein sitzend.“ Der Held dieser Geschichte saß häufig in seinem Ikea-Standard-Sessel, um leicht wippend durch das Fenster in den Himmel zu schauen.

Foto: epd-Bild

Foto: epd-Bild

Anfang November begegnete er dem Advent. Im Kulturradio hörte er, wie sich eine Bischöfin bitter über die süßen Weihnachtsartikel in den Supermärkten beklagte. Sofort ließ er den Sessel sein, um im nahen Supermarkt die ersten Lebkuchen des Jahres zu besorgen. Die Teekanne dampfte bereits, als er sich an den Tisch seines Wohnungsnachbarn setzte, mit dem er sich schon so manche gebäckphilosophische Debatte geliefert hatte. „Wir wollen das Klischee erfüllen“, sagte nun auch der Nachbar und steuerte aus verschiedenen Dosen weitere Lebkuchen bei. „Schließlich komme ich aus der Nähe von Nürnberg. Lebkuchen gelten seit Jahrhunderten als sehr gesunde Nahrung für die Herbst- und Winterzeit“, fachsimpelte der Franke. Dann zündete er eine Kerze an – und es mutete adventlich an.

Der Frankfurter Gelegenheitsarbeiter, den würzigen Lebkuchengeschmack auf der Zunge, war sich sicher: Dieses Jahr würde alles besser werden. „Ich werde im Geldbeutel einen Zettel mit mir führen“, beschloss er. Wann immer ihm eine Geschenkidee einfiele, würde er sie sofort notieren. Es kam, wie es kommen musste: Es kam etwas dazwischen. Jedes Mal, wenn ihn auf den Fahrradfahrten zu seinen Gelegenheitsarbeiten eine Idee erwischte, hatte er ausgerechnet in diesem Augenblick keinen Stift bei sich. „Wäre ich besser organisiert, wäre bestimmt etwas anderes aus mir geworden“, folgerte er und lächelte still in sich hinein. Die bleibende Wüste auf dem Geschenkzettel indessen ließ ihn bald schon nicht mehr lächeln. Dazu ärgerten ihn die Menschenmassen, die sich quälend langsam durch die Innenstadt schoben. Die Feiertage wiederum schienen heranzusausen. „Und wieder fehlt die Zeit“, konstatierte er, als der Fahrrad-Verkehrsknotenpunkt Römerberg infolge eines glühweinseligen Massenauflaufs wieder einmal unpassierbar war. „Eigenartig ist nur: Um darüber nachzudenken, dass man in der Adventszeit keine Zeit hat, habe ich jedes Jahr Zeit genug.“

Am Heiligabend saß unser Held im Sessel und sah in die Dämmerung hinaus. Dazu sei bemerkt, schließlich will auch der Erzähler höchstpersönlich das Klischee erfüllen: Er war allein. Der Sesselanhänger hatte Papa, Mama und Geschwister auf die Feiertage vertröstet und war überrascht, wie kultiviert seine Eltern die Nachricht aufgenommen hatten. „Wir werden eben alle vernünftiger“, vermutete er, obwohl er eigentlich doch der Fortentwicklung der Menschheit eher skeptisch gegenüber stand. Im Radio fahndete er jetzt nach der Sendung, die er als Kind schon gern gehört hatte. Sie war feierlich, ohne viele Worte machen zu müssen: Glocken läuten Weihnachten ein. Nur konnte er sie nicht finden zwischen den nunmehrigen Hits im Original, die mit ihren fröhlich-säuselnden Betriebsamkeitsexzessen offenbar auch schon den Heiligabend erobert hatten.

Unentschieden, wie er häufig war, entschied er, die Entscheidung über einen möglichen Got­ tesdienstbesuch noch etwas hinauszuzögern. Es fiel kein Schnee, ideale Bedingung also für eine Fahrradfahrt in den heiligen Abend hinein. „Für Fahrradfahrer und Obdachlose ist das milde Wetter gar nicht übel“, überlegte er. Kaum Autos, wenig Busse. Stiller Abend. Frankfurt – ein pendlerfreies Wintermärchen. In den Fenstern der Kirchen, die er passierte, sah er warmes Licht. Dort erklang die Geschichte von der Familie, die keine Herberge finden konnte. Auf dem Römerberg war es anders als sonst: Alle Buden – weg! Sein Rad schiebend mischte er sich unter die Menschen, die aus den Kirchen strömten. „Frohe Weihnachten“, riefen sie. Nicht einer hatte eine Aktentasche oder Einkaufstüte in der Hand, viele aber eine Kerze. „Frohe Weihnachten“ rief auch er selbst.

Das Fahrradlicht, vom Kopfsteinpflaster angeregt, flackerte mit den Kerzen auf eine lässige Weise um die Wette. „Das ist doch mein Nachbar!“, hörte er und blieb stehen. „Der Franke in Frankfurt!“, erwiderte er überrascht. „Darf ich vorstellen: Meine Eltern, Franken in Frankfurt.“ Sie hielten Flasche und Gläser in den Händen. „Ist denn schon Silvester?“, fragte der Frankfurter verwundert. „Wir wollen einfach das Klischee erfüllen“, erklärte der Nachbar. Also stießen sie gemeinsam unter dem Dröhnen des Stadtgeläuts auf die Geburt Jesu an – mit Frankenwein. Und der Himmel war frei.

Georg Magirius

Georg Magirius „live“ erleben: Mit seinen Lesungen ist der Schriftsteller und regelmäßige Autor von „Evangelisches Frankfurt“, der in Frankfurt und am Fuße des Spessarts lebt, auch in Frankfurter Gemeinden zu Gast. Am Sonntag, 3. Dezember, liest Georg Magirius um 17 Uhr in der Auferstehungskirche Praunheim (Graebestraße) aus seinem neuen Buch „Vom Reichtum des einfachen Lebens“. Am Freitag, 8. Dezember, präsentiert er – mit Harfenbegleitung von Bettina Linck – um 19.30 Uhr im Markus-Zentrum in Bockenheim (Markgrafenstraße 14) unter dem Motto„…denn die Liebe ist von Gott „Liebesgeschichten aus der Bibel“.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2006 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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