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1. Dezember 2006

Schenken macht das Leben reicher

Betteln ist eine Herausforderung. Die Bettler und zunehmend auch die Bettlerinnen stören. Unwillkürlich schaut man hin, um doch so zu tun, als sähe man nichts. Die Bettler unterbrechen den Gang, sie brechen die weihnachtliche Einkaufsstimmung, sie verunsichern.

Betteln gehört zum städtischen Leben einfach dazu. Und es gab noch nie so wenige Bettler wie heute. In früheren Jahrhunderten, als es noch keine Sozialversicherungen gab, wuchsen die Bettler in den Städten zu Scharen heran. Im Mittelalter bettelte etwa ein Drittel der städtischen Bevölkerung. Die Ursachen waren damals wie heute gleich: Arbeitslosigkeit, Unfälle, Alter oder auch die Verweigerung der staatlichen Hilfe. Also bleibt nur das Betteln.

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld - oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung. | Foto: Oeser

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld – oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung.
Foto: Oeser

Ob sich die Art des Bettelns heute im Kern von der in der Dreigroschenoper dargestellten unterscheidet, darf bezweifelt werden. Die Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm sind in letzter Zeit verschwunden, dafür sieht man jetzt vermehrt die Menschen in besonders demutsvoller Haltung. Betteln ist eben auch nur Marketing.

Und doch, es gibt sie, die anrührenden Einzelschicksale. Menschen, die nach einem Arbeitsunfall als schwervermittelbar gelten, die aussortiert sind. Menschen, deren Ehe scheiterte und die in ihrer Verzweiflung zum Alkohol greifen. Menschen, die es nicht mehr aushielten, dass sie zu den Millionen gehören, die der Arbeitsmarkt fallengelassen hat wie eine heiße Kartoffel. Im heutigen Soziologendeutsch nennt man es prekäre Lebensverhältnisse.

Also doch lieber den Euro in den Hut werfen? Patentrezepte gibt es nicht. Aber bedenkenswert ist doch, dass alle großen Religionen die Unterstützung der Armen als eine Tugend sehen. Die Verpflegung und Beherbergung von Armen und Kranken ist ein Werk der Barmherzigkeit. Der barmherzige Samariter ist geradezu sprichwörtlich geworden.

Doch die Beziehung zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten ist nicht einseitig. Gerade das Mittelalter ist da lehrreich. So soll es Brauch gewesen sein, dass die Bettler für den Geber beteten. Der Bettler hatte eine Aufgabe, erbrachte quasi im Gegenzug für die Gabe eine Dienstleistung. Die Fürbitte war der Nutzen des Gebers. Einem anderen Menschen in der Zwiesprache mit Gott Gutes wünschen, ihn zu bedenken, ist nicht wenig.

Doch auch in anderer Weise ist der Bettler dem Schenkenden eine Hilfe. Die Freiheit zu haben, etwas abzugeben, ist auch eine Form von Lebenserfüllung. Zur Fülle des Lebens gehört offenbar das Bedürfnis des Gebens und Schenkens. Trotz des zu Recht beklagten Egoismus in der Gesellschaft hat der Mensch so etwas wie ein Grundbedürfnis, anderen etwas zu schenken.

Der andere muss aber ein sichtbares Gegenüber sein. Dem anonymen Staat gibt man nichts, den Opfern der Flutkatastrophe schon. Einfach etwas zu schenken, ohne Vorbedingung und ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen – das kann das Leben bereichern.

Kurt-Helmuth Eimuth

Soll man Bettlern etwas geben?

Andrea Pollmeier (46), Journalistin

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Ja, ich glaube, man muss Bettlern ins Gesicht schauen und sich dem Elend oder dem unguten Gefühl, das dabei entsteht, immer wieder aussetzen. Dem anderen mit Respekt begegnen und eine echte Begegnung zulassen. Oft geht man ja viel zu schnell vorbei, weil man genau davor Angst hat oder meint, das gerade nicht zu können. Ich bin Mutter, und meine Kinder schauen sehr genau zu, wie ich mich verhalte, wenn jemand auf der Straße sitzt. Man sollte dann nicht ausweichen und sich nicht freikaufen. Ich fühle mich aber nicht prinzipiell verpflichtet, etwas zu geben, sondern versuche zu erspüren, wie ernsthaft jemand in Not ist. Das ist natürlich nicht einfach. Gut gefällt mir, wenn jemand versucht, noch irgend etwas zu tun – und sei es nur, beim Parken einzuweisen. Das hat mehr Würde für ihn. Aber das kann auch nicht mehr jeder.

Caroline Steurer (27), Rechtsreferendarin

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Ich selbst muss regelmäßig rechnen und kann dementsprechend nicht jedem bedürftig erscheinenden Menschen weiterhelfen. Außerdem gibt es davon in Frankfurt ziemlich viele. Wem genau soll man da helfen? Ich habe einmal einen Bericht im Fernsehen gesehen über meist osteuropäische „Bettlerbanden“ – das heißt, es werden Menschen zum Betteln auf die Straßen geschickt und später von einer Art Zuhälter abkassiert. Einmal bin ich sogar drauf reingefallen und von der Polizei als Zeugin vernommen worden. Bettelbetrug nennt man das juristisch. Viele Bedürftige sind leider schon in ein gewisses Milieu abgerutscht und finanzieren sich durch Betteln eher Alkohol oder Drogen als eine warme Mahlzeit und eine Tasse Tee. Deswegen gebe ich ungern Geld und habe schon oft überlegt, ob ich den Betroffenen lieber etwas zu essen oder zu trinken in die Hand drücke.

Bruder Wendelin (67), Kapuzinermönch

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Wenn ich jemanden sehe, der ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe Hunger“ um den Hals trägt, dann halte ich das für gelogen. Und ich kann auch nicht verstehen, warum jemand auf dem Boden knien und betteln muss. Es gibt gerade in einer Stadt wie Frankfurt genug Einrichtungen, die etwas zu essen ausgeben: Bei uns am Liebfrauenberg zum Beispiel gibt es jeden Tag Frühstück, und auch der Evangelische Regionalverband und die Caritas sorgen für die, die nichts haben. Ich kann zwar auch niemandem raten, nicht freigiebig zu sein, aber ich persönlich würde nie Geld geben, weil es sein kann, dass es für Alkohol oder Drogen verwendet wird. Ich rate, lieber etwas zu essen kaufen. Im Moment erleben wir hier hautnah, wie Kleinstrentner von unserer Gesellschaft zu Bettlern gemacht werden. Sie können gar nicht mehr am kulturellen Leben teilnehmen. Das ist doch brutal.

Susanne Prittmann (40), Pädagogin

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Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich fühle mich mal mehr, mal weniger motiviert, Bettlern etwas zu geben. Je nachdem, ob jemand nur einen Sammelbecher vor sich stehen hat oder ob er Musik macht, etwas Gebasteltes verkauft oder mich anspricht. Ich habe auch schon mal einem Geld gegeben, weil mir seine „Geschichte“ so gut gefiel. Für Originalität gibt’s eben auch was. Es kommt ganz darauf an, auf welchem Fuß man mich erwischt. Ich bilde mir nicht ein, die Welt besser machen zu können. Aber es ist immerhin ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Wenn ich den Eindruck habe, dass das Geld direkt in Drogen oder Alkohol umgesetzt wird, oder wenn jemand Kinder zum Betteln missbraucht, der bekommt von mir nichts. Die Kinder haben es sich schließlich nicht ausgesucht, ob sie auf der Straße hocken wollen, sie werden einfach mitgeschleppt.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2006 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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