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1. Dezember 2006

Unterschicht in Frankfurt

Die Armen lassen sich nicht über einen Kamm scheren

Bei Diakon Uwe Scharf, dem Leiter des ökumenischen Fami­lienmarktes in Bornheim, stehen in diesen Wochen die Presseleute Schlange: Sie sind auf der Suche nach Belegen für das Phänomen „Unterschicht“. Der Familienmarkt ist ein Kaufhaus, in dem sozial Bedürftige zu günstigen Preisen Second-Hand-Waren kaufen können. Wo, wenn nicht hier, muss sie zu finden sein, die neue soziale Klasse der Armen und Ausgestoßenen, von der derzeit so viel in den Medien die Rede ist?

Als Unterschicht sehen sich die meisten Kundinnen und Kunden indes nicht. „Der Begriff hat ja einen deutlich negativen Beiklang“, sagt Scharf, „die Leute sehen sich eher als Ausgegrenzte, die aufgrund von Alter oder Krankheit wenig Chancen haben.“ Natürlich kennt er auch Fälle, in denen die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen sich von Eltern auf Kinder quasi „vererbt“ hat. „Menschen aus bildungsfernen Familien haben es viel schwerer, aber das weiß man doch schon seit vielen Jahren.“

15 Prozent aller Frankfurter Haushalte können nach dem aktuellen Frankfurter Sozialbericht als arm gelten, 60000 Menschen haben einen Frankfurt-Pass. „Es gibt gesellschaftliche Unterschiede, und sie werden immer größer“, betont Pfarrer Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt. Jedenfalls sei das Thema „nicht damit erledigt, dass man behauptet, so etwas wie

Unterschicht gebe es in Deutschland nicht. Wir haben soziale Schichtungen und eine sehr geringe Durchlässigkeit zwischen den Schichten, und das ist ein großes Problem.“

„Als Kirche warnen wir ja schon lange vor den Folgen von Armut und Reichtum“ sagt auch Gunter Volz, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung. Bei den Armen handele es sich gerade in Frankfurt um eine uneinheitliche Gruppe: Kinder aus sozial gefährdeten Familien gehören genauso dazu wie Obdachlose mit klassischen Alkoholproblemen, alleinerziehende Mütter, aber auch Leute aus der so genannten „Generation Praktikum“, die sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten hangeln, oder klassische Erwerbsarbeiter, die seit Hartz IV im Fall von Arbeitslosigkeit schneller in Richtung Armut rutschen als früher. Laut Volz hat sich in den letzten Jahren vor allem die Situation in Teilen der Mittelschicht verändert: „Ihr Wohlstand wird fragiler.“

Ein zunehmendes Problem sieht Uwe Schwarf, der auch Arbeitsgelegenheiten im so genannten „zweiten Arbeitsmarkt“ organisiert, darin, dass immer mehr junge Menschen nicht gelernt hätten, wie sie sich in die Gesellschaft einbringen können. „Sie haben Schwierigkeiten, sich an einem Arbeitsplatz einzugliedern und auch unterzuordnen.“ Wichtig sei es daher, „jeden Menschen von seinen Ressourcen her zu betrachten, und das heißt auch, etwas von ihm zu erwarten.“

Auch Gunter Volz sieht großen Hand­ lungs­ bedarf gerade beim Übergang von der Schule ins Arbeitsleben. Niemand dürfe als „überflüssig“ angesehen werden. „Die Menschenwürde beruht auf der Gottesebenbildlichkeit, und weder Armut noch mangelnde Bildung können von dieser Würde etwas wegnehmen“, so der Theologe.

Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2006 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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