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1. Dezember 2006

Zwiebeln lassen die Tränen fließen

Motive und Allegorien aus der Bibel zeigen dreißig Bilder aus dem späten 17. Jahrhundert, die noch bis zum 2. Januar in der Katharinenkirche an der Hauptwache zu sehen sind. In einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnten, ersetzten sie das geschriebene Wort. Sie sprachen Herz und Gefühle an, versetzten biblische Gestalten in romantische Landschaften und haben die Geschichten oft dramatisiert und ausgeschmückt.

Bis zum Zweiten Weltkrieg schmückten 83 Bilder die Emporen der damals barocken Katharinenkirche. In Auftrag gegeben hatte sie Philipp Jakob Spener, der große Frankfurter Pietist und Kirchenreformer. Sie spiegelten seine Vorstellungen von einem glaubwürdigen christlichen Leben. Jetzt, im Jubiläumsjahr der Katharinenkirche – sie wurde vor 325 Jahren als größte und erste rein protestantische Kirche der Freien Reichsstadt Frankfurt eingeweiht – ist ein Teil der Bilder erstmals wieder an ihren geschichtlich angestammten Ort zurückgekehrt.

Bernhard Klinzing, Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Katharinengemeinde, besucht die Ausstellung der alten Emporenbilder, die bis zum Zweiten Weltkrieg ihren festen Platz in der City-Kirche an der Hauptwache hatten. Ob die Bilder langfristig hierher zurückkehren, ist noch nicht entschieden. | Foto: Oeser

Bernhard Klinzing, Vorsitzender des Kirchenvorstandes der Katharinengemeinde, besucht die Ausstellung der alten Emporenbilder, die bis zum Zweiten Weltkrieg ihren festen Platz in der City-Kirche an der Hauptwache hatten. Ob die Bilder langfristig hierher zurückkehren, ist noch nicht entschieden.
Foto: Oeser

Im 17. Jahrhundert konnten die Menschen die Bilder leicht entschlüsseln, so vertraut waren ihnen die dargestellten Motive und Symbole. Heute ist das anders. Viele der Sinnbilder und eingefügten Embleme, denen die Ausstellung ihren Namen „Von Muscheln, Zwiebeln und Raupen“ verdankt, geben Rätsel auf. „Petrus’ Reue“ ist so ein Bild: Der Jünger sitzt auf einem windumtosten Felsen, die Landschaft ist weit und klar. Verzweifelt ringt er die Hände und wendet den Kopf ab von einem prächtigen Hahn, der neben ihm steht und kräht. Die biblische Geschichte erzählt, dass Petrus Jesus nach dessen Gefangennahme aus Angst drei Mal verleugnet hat, bevor der Hahn krähte. Doch was sollen die Zwiebeln bedeuten, die zu seinen Füßen liegen, und wem gehört die Hand, die sich aus einem Wolkenkranz streckt? Solche Bildeinfügungen, die eigentlich mit der Geschichte nichts zu tun haben, waren in jener Zeit üblich. Sie sollten die Betrachterinnen und Betrachter zu einem innerlichen Glauben hinführen: Gott streckt seine Hand aus, legt Petrus die Zwiebeln zu Füßen – die Tränen des Jüngers fließen, denn er ist bereit zur Einkehr und Reue.

Ähnlich erklärungsbedürftig sind die Seidenraupen, die in das Bild von der Taufe Jesu eingefügt wurden: Sie symbolisieren den Glaubensprozess eines Menschen, der immer Veränderung bedeutet. Fast surrealistisch wirkt ein anderes Bild: Auf einen Sternenhimmel ist ein Fernrohr gerichtet, und ein waches Auge blickt hinauf. Wem gehört das Auge? Vielleicht dem Astronomen Johannes Kepler, einem zweifelnden Gottsucher. Gottesglaube und Naturwissenschaft waren im 17. Jahrhundert Themen, über die sich die Menschen viele Gedanken machten.

Links: Verweifelt bedauert Petrus, dass er Jesus drei Mal verleugnet hat, noch bevor der Hahn krähte. Gottes Hand legt ihm Zwiebeln hin: Aufrichtige Reue treibt nämlich Tränen in die Augen.Rechts: Jesus lässt sich taufen – und weil die Taufe immer auch Umkehr und Veränderung bedeutet, hat der Maler Raupen, die sich als Schmetterlinge entpuppen, ins Bild integriert. | Fotos: Oeser

Links: Verweifelt bedauert Petrus, dass er Jesus drei Mal verleugnet hat, noch bevor der Hahn krähte. Gottes Hand legt ihm Zwiebeln hin: Aufrichtige Reue treibt nämlich Tränen in die Augen.Rechts: Jesus lässt sich taufen – und weil die Taufe immer auch Umkehr und Veränderung bedeutet, hat der Maler Raupen, die sich als Schmetterlinge entpuppen, ins Bild integriert.
Fotos: Oeser

„Es kam bei den Bildern nicht auf eine künstlerische Handschrift an, sondern auf die Glaubensbotschaft“, sagt Joachim Proescholdt. Der frühere Pfarrer der Katharinengemeinde hat als Konfirmand in den vierziger Jahren den Bilderzyklus noch komplett gesehen, bevor er ausgebaut wurde und so dem Bombenhagel entging, der die barocke Innenausstattung der Katharinenkirche zerstörte. Proescholdt hat die Bilder 1975 auf dem Dachboden des Karmeliterklosters wieder entdeckt, wo sie Jahrzehnte ungeschützt gelagert hatten. Sie wurden dann restauriert und im klimatisierten Magazin des Dominikanerklosters untergebracht.

Bis zu ihrer Zerstörung gab es in der Katharinenkirche zwei eindrucksvolle, übereinander liegende Emporen, die sich an drei Seiten durch das Kirchenschiff zogen. An der unteren Empore hingen 41 Bilder, die die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zur Offenbarung des Johannes zeigten, darüber waren 42 weitere Bilder angebracht, die die unteren Bilder interpretierten. Nur acht Bilder aus dem Zyklus sind bisher dauerhaft in die Katharinenkirche zu­rückgekehrt und hängen an der Orgelbrüstung, darunter das Abbild vom streitbaren Propheten Hosea. Ihm wur­ den Gesichtszüge und Gestalt Philipp Jakob Speners verliehen, vermutlich in An­spielung auf dessen berühmte „Bußpredigten“, in denen er streitlustig die Frankfurter vor Ausschweifungen und weltlichen Genüssen warnte.

Anne-Rose Dostalek

Spener und der Emporenzyklus

Als der mehrheitlich protestantische Rat der Stadt den reichen Bilderschmuck für die Katha­ ri­ nen­ kirche in Auftrag gab, war Philipp Jakob Spener (1636-1705) einfluss­ reicher Vorsitzender der Frankfurter Pfarrerschaft. Der aus Straßburg stammende „Vater des Pietismus“ wollte die lutherische Kirche erneuern, hatte riesigen Zulauf mit seinen Glaubenskursen für das einfache Volk, und hielt den persönlichen Glauben der Einzelnen für zentral. Beim Neubau der Katharinenkirche wurden Speners Reform­ ideen aufgegriffen und ein Innenraum gestaltet, der mit der Orientierung auf die Predigtkanzel Speners Ideen von einem Diskussionskreis der Gläubigen entsprach. Der Emporenzyklus sollte zur Bibel und inneren Frömmigkeit hinführen, vermutlich hat Spener maßgeblich das Bildprogramm entworfen.

Die fünf beauftragten Frankfurter Maler – Hermann Boos, Johann Valentin Grambs, Heinrich Furck, Christoph Metzger und Daniel Thielen – griffen auf gängige und volksnahe Motive wie Landschaftsbilder oder Andachtsbücher zurück.

Zukunft der Bilder noch ungewiss

Fragen an Bernhard Klinzing vom Kirchenvorstand der Katharinengemeinde. Haben Sie ein Lieblingsbild in der Ausstellung?

Meine Lieblingsbilder mit den Motiven „Wie soll der Mensch sein“ und „Wie ist er geworden“ sind verloren gegangen. Sie hatten einst den Bilderzyklus eröffnet. Besonders gerne bleibe ich vor dem Bild „Die Tränen der Reue“ stehen. Petrus in seiner Verzweiflung hat etwas sehr Menschliches an sich, aber un­ übersehbar ist auch die Hand Gottes, die aus den Wolken greift und den Menschen wieder auf die Beine hilft.

Wie ist das Echo auf die Ausstellung?

Die Resonanz ist bisher sehr positiv, ob es nun Menschen sind, die zufällig in die Kirche kommen, oder die bewusst die Bilder sehen wollen.

Wird der Emporenzyklus in der Kirche bleiben?

Wir werden in der Katharinengemeinde nach Ende der Ausstellung darüber entscheiden. Es ist vieles zu bedenken, die Auswahl der Bilder und wie wir sie hängen können. Wir müssen auch überlegen, was mit den anderen Ausstellungen ist, die wir häufig in der Katharinenkirche haben.

Anne-Rose Dostalek

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2006 in der Rubrik Ethik, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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