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1. Februar 2007

Deutschland wird älter – Frankfurt erstmal nicht

Die Bevölkerung schrumpft, das Rentensystem wackelt. Doch inmitten des demografischen Schreckens gibt es eine Oase: Frankfurt wächst und gedeiht. Die Kinderzahlen sind kontinuierlich im Plus, die Wirtschaft boomt und zieht junge Arbeitskräfte an. Trotzdem muss man sich auch am Main auf eine veränderte Bevölkerungsstruktur einstellen.

In der Tat, die Frankfurter Zahlen zur Demografie sehen gut aus. So sind laut städtischer Statistik im Jahr 2005 mehr Kinder

geboren worden als Sterbefälle zu verzeichnen waren (6741 zu 5681). In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Altersdurchschnitt in Frankfurt kaum verändert, während er im ländlichen Bereich Hessens schon deutlich angestiegen ist. Das Rhein-Main-Gebiet fungiert offenbar als „Magnet“ für das Umland. Hier gibt es attraktive Arbeitsangebote für junge Menschen. Und die Älteren schätzen eine gute kulturelle und medizinische Infrastruktur.

Ältere Frauen stellen in Frankfurt zur Zeit einen großen Anteil der evangelischen Kirchenmitglieder. Hier die Seniorinnen der Kirchengemeinde Bornheim, die sich einmal im Monat zu bestimmten Themen treffen. | Foto: Surrey

Ältere Frauen stellen in Frankfurt zur Zeit einen großen Anteil der evangelischen Kirchenmitglieder. Hier die Seniorinnen der Kirchengemeinde Bornheim, die sich einmal im Monat zu bestimmten Themen treffen.
Foto: Surrey

Doch auch Frankfurt muss sich auf Veränderungen einstellen. Denn auch wenn die Bevölkerungszahl stabil bleibt, so wird sich doch die Zusammensetzung deutlich verändern. Sichtbar wird das, wenn man sich die Entwicklung bestimmter Bevölkerungsgruppen anschaut. Zum Beispiel die Evangelischen: Jedes Jahr verlieren die Frankfurter evangelischen Kirchengemeinden zusammen rund 1200 Mitglieder, wie eine aktuelle Studie des Evangelischen Regionalverbandes zeigt.

In den nächsten zwanzig Jahren wird die Zahl der Evangelischen deshalb von derzeit 140000 auf nur noch 107000 zurückgehen. Nicht abnehmende Religiosität ist dafür verantwortlich, sondern ein einfacher demografischer Effekt: Es werden in den kommenden zwei Jahrzehnten einfach viel mehr Evangelische sterben, als neue getauft werden.

Evangelische Familien haben schon immer weniger Kinder als katholische, und erst recht weniger, als Familien mit Migra­ ti­ onshin­ tergrund – auch wenn sich das „Geburtenverhalten“ der Zugewanderten meist schon nach wenigen Generationen angleicht. Die katholische Kirche muss aber auch deshalb nicht mit so drastischen Mitgliederverlusten rechnen, weil hier die Migrationsgemeinden, etwa aus Lateinamerika oder Kroatien, dazu gehören, sie also den eigenen Mitgliederbestand nicht nur durch Geburten, sondern auch durch Zuwanderung aufstocken kann.

Altersaufbau der evangelischen Mitglieder in Frankfurt am Main im Vergleich zur Stadtbevölkerung

Altersaufbau der evangelischen Mitglieder in Frankfurt am Main im Vergleich zur Stadtbevölkerung

Das unausgewogene Sterbe- und Taufverhältnis der evangelischen Kirche kommt vor allem dadurch zustande, dass hier derzeit ältere Frauen außergewöhnlich stark vertreten sind (siehe Grafik). Das ist ein später Effekt der Tat­ sache, dass Frankfurt ehemals eine fast ausschließlich evangelische Bevölkerung hatte und viele Männer aus dieser Generation im Krieg gestorben sind.

In der Kirche wird das Thema längst offen diskutiert: Wie kann das eigene religiöse und sozia­le Engagement aussehen, wenn man nur noch eine – wenn auch durchaus große – Minderheit sein wird? Was bedeutet es zum Beispiel für einen christlichen Kindergarten, wenn ein Großteil der Kinder aus muslimischen Familien kommt? Wo ist Mission, also Überzeugungsarbeit und Werben für den eigenen Glauben richtig und wichtig? Und wo haben religiöse Fragen außen vor zu bleiben?

Solche Fragen berühren aber nicht nur das Selbstverständnis der Kirche, und sie handeln, wenn man genau hinschaut, auch nicht nur von Religion. Denn auch unreligiöse Menschen haben ja eine Weltanschauung, und die meisten Religionsgemeinschaften (einschließlich der christlichen Kirchen) stehen nicht nur für bestimmte Glaubensinhalte, sondern auch für bestimmte Lebensstile und kulturelle Gewohnheiten. Wie solche unterschiedlichen Milieus zusammen leben, gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und gemeinsame Regeln aushandeln, das wird für die Zukunft der Stadt von großer Wichtigkeit sein.

Was die Zukunft der evangelischen Kirche betrifft, so hängt vieles von den heute 30 bis 50-Jährigen ab: Sie stellen nämlich geburtenstarke Jahrgänge, also eine zahlenmäßig große Gruppe. In diesen Jahrgängen zeigt sich eine sehr unterschiedliche Kirchenbindung der Geschlechter – deutlich mehr Frauen als Männer sind evangelisch. Doch sind diese Frauen, anders als die Generation ihrer Mütter und Großmütter, überwiegend berufstätig. Und sie werden, ebenso wie ihre männlichen Jahrgangsgenossen, auch länger arbeiten als die Generation vor ihnen.

Die heute 30 bis 50-Jährigen, die häufig ein eher distanziertes Verhältnis zur Kirche als Institution haben, unter diesen Bedingungen für religiöse Themen zu interes­ sieren, sie in gemeindliche Strukturen zu integrieren und dafür neue Formen des ehrenamtlichen Engagements zu fin­ -den, dürfte eine der wichtigsten Herausforderungen der nächsten Jahre sein.

Antje Schrupp

965 Jahre: Methusalem und Co.

Spätestens seit Frank Schirrmeisters Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ ist der Name von Noahs Großvater zum Symbol für die älter werdende Gesellschaft geworden. Methusalem ist (nach 1. Mose, Kap. 5, Vers 25) sagenhafte 965 Jahre alt geworden. Damit ist er zwar der Spitzenreiter in der Bibel, aber nicht der Einzige mit traumhafter Lebensspanne: Sein Großvater Jered soll 962 geworden sein, sein Vater Henoch starb relativ „jung“ mit 365 Jahren, während Noah im Alter von 500 seine drei Söhne zeugte und anschließend mit der Arche Menschheit und Tierwelt vor der Sintflut rettete.

Von solchen „biblischen“ Altern – die eher symbolisch als real gemeint waren – sind wir heute mit durchschnittlich 78 Jahren zwar noch weit entfernt. Doch die Lebenserwartung wächst stetig, in den Industrienationen um zwei bis drei Monate pro Jahr. Das Statistische Bundesamt erwartet für 2050 eine Lebenserwartung von 84 Jahren, viele Bevölkerungsexperten halten das jedoch für zu niedrig geschätzt. James Vaupel, der Direktor des Max-Planck-Institutes für demographische Forschung zum Beispiel, glaubt, dass die Hälfte der heute geborenen Mädchen gute Chancen hat, 100 Jahre alt zu werden.

Die Meinung, dass es eine biologische Obergrenze des Möglichen gebe, wie man früher glaubte, wird heute nur noch von wenigen geteilt. Fieberhaft forschen verschiedene Institute an medizinischen Möglichkeiten zur Lebensverlängerung. Manche Propheten der Anti-Aging-Forschung glauben, dass es schon in absehbarer Zeit möglich sei, die durchschnittliche Lebenserwartung auf 150 bis 200 Jahre zu erhöhen. Andere, wie etwa der britische Bio-Gerontologe Aubrey de Grey – immerhin Professor an der Universität Cambridge – versprechen sogar 400 oder 1000 Jahre.

Doch ob, was möglich wäre, auch gut ist? Immerhin hat Gott (nach 1. Mose, Kap. 6, Vers 3) verfügt: „Mein Geist soll nicht auf Dauer in den Menschen sein, weil sie auch Fleisch sind. Daher soll ihre Lebenszeit 120 Jahre betragen.“ Im wirklichen Leben scheinen die Menschen im alten Israel jedenfalls von den heutigen Verhältnissen gar nicht so weit entfernt gewesen sein: „Unser Leben währt siebzig Jahre“, heißt es im Psalm 90, „und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin. Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“

Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Februar 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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