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Von – 1. Februar 2007

Immer wieder hingehen

Hilfsangebote für Obdachlose gibt es viele in Frankfurt. Aber manche Menschen sind nicht einmal mehr in der Lage, sich diese Hilfe auch zu holen. Deshalb gibt es beim evangelischen Diakoniezentrum „Weser 5“ aufsuchende Straßensozialarbeit: ein Rundgang.

„Platte machen“: Rund 300 Menschen schlafen in Frankfurt auf der Straße. Dank sozialer Angebote ist die Zahl der Obdachlosen in den letzten Jahren zurückgegangen. Doch dem Rest zu helfen, ist dafür umso schwieriger. Foto: picture-alliance

Der Vierzigjährige sieht nicht so aus, als sei er obdachlos: Jeans, Parka, Brille, gewaschene Haare und fein geschnittenes Gesicht. Nur sein Blick wirkt unendlich müde. Er und sein großer, drahtiger Hund „machen Platte“, wie „wohnen“ im Obdachlosenjargon heißt, unter einer Treppe in der Nähe der Universität.

Zuerst hatte der gelernte Buchhändler seinen Job verloren, dann verließ ihn seine Frau, er verlor den Kontakt zu seiner achtjährigen Tochter, wurde schwer depressiv, konnte die Miete nicht mehr bezahlen. Vor vier Monaten kam der gelernte Buchhändler

aus Münster nach Frankfurt, um der Kleinstadt zu entfliehen. Seit er von der Straßensozialarbeiterin Bettina Bonnet ange­ sprochen wurde, geht es ihm, wie er sagt, etwas besser. „Wie viele andere, die abgerutscht sind, brauchte er dringend jemand, der ihn anschiebt“, erklärt Bonnet.

Zusammen haben sie den Antrag auf 345 Euro Arbeitslosengeld II gestellt. Jetzt hilft die Streetworkerin ihm, eine Wohnung zu suchen.

Das ist auch wegen des Hundes nicht so einfach. Aber das Tier ist wichtig für den einsamen Mann: Gefährte und Beschützer zugleich.

Rund 300 Obdachlose leben in Frankfurt auf der Straße. Dreimal in der Woche kümmert sich Bettina Bonnet im Wechsel mit den Sozialarbeitern Bernhard Reuter und Werner Leonardi um die, die in der Bahnhofsgegend, im Gallusviertel oder in Sachsenhausen draußen leben. Heute um 17 Uhr macht sich das Team auf den Weg. Wie immer hat Bernhard Reuter einen Schlafsack unter dem Arm, „falls heute Nacht jemand einen braucht“. Von der Weserstraße aus geht es über die Taunusstraße in Richtung Theater. An einer Häuserecke liegt ein Deckenberg, daneben steht eine leere Flasche Schnaps. Es riecht nach Urin und Schweiß. „Wie geht es Ihnen?“ fragt Bettina Bonnet. Der Deckenberg bewegt sich nicht. Noch einmal: „Brauchen Sie etwas?“ Nichts rührt sich. „An manchen Tagen ist nichts zu machen“, erklärt Bonnet. „Aber man muss immer wieder hingehen.“

An einer anderen Straßenecke sitzt ein Mann in Decken gehüllt, neben sich einen Hund. Munter schaut er sich um, es scheint ihm gut zu gehen. Dennoch legt Bettina Bonnet ihm eine Visitenkarte vor die Füße. „So kann langsam Vertrauen entstehen“, erklärt sie. „Wer draußen lebt, ist oft miss­ trauisch, weil er viele schlechte Erfahrungen gemacht hat.“

Dichtes Gedränge auf der Zeil, Hektik, Menschen mit vollen Plastiktüten. „Herr Dieter“, (Name geändert) ruft Bernhard Reuter plötzlich. Stehen bleibt ein Mann mit blauer Nylonjacke und zweifarbigen Schuhen. Auch er trägt Plastiktüten. Aber sie sind gebraucht und ineinandergeschoben, damit sie gegebenenfalls seine ganze Habe aufnehmen können. Heute liegen aber nur zwei Flaschen Bier drin.

„Was haben Sie heute gemacht?“, fragt Reuter. „Spazierengehen. Bier trinken“, lispelt Dieter. „Aber jetzt klappt es ja bald mit der Wohnung“, freut sich Bettina Bonnet. „Ja“, antwortet Dieter. „Wenn Mietvertrag.“ Sieben Jahre hat er auf der Straße gelebt. Sein bester Freund, ebenfalls obdachlos, wurde unter ungeklärten Umständen mit einem Stein erschlagen. Das macht ihm Angst. Aber jetzt hat Dieter endlich ein Zimmer in Aussicht, das er sogar selbst tapezieren will. Die meisten Vermieter schre­ cken zurück, wenn sie die Post­ adresse „Weser 5“ lesen, obwohl die Miete pünktlich gezahlt wird. „Das ist schlimm“, klagt Bettina Bonnet. „Viele Obdachlose sind gestresst, weil sie nie richtig zur Ruhe kommen können. Die Notunterkünfte sind oft eng und voll besetzt. Viele haben Angst, dass sie im Schlaf beklaut werden. Obdachlose werden vertrieben und angepöbelt. Und tagsüber die Zeit totzuschlagen ist auch anstrengender, als man glaubt. Kein Wunder, dass viele das nur im Rausch aushalten.“

Fressgass, Alte Oper. An einer Häuserecke hockt ein Mann auf einer Styroporplatte, unter die er ein Stück Pappe geschoben hat. Rote Daunenjacke, grüne Wollmütze. „Wie geht es Ihnen?“ fragt Reuter. Der Mann wirft ihm einen ängstlichen Blick zu. „Nicht so gut?“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Wo schlafen Sie heute Nacht? Im Lager am Ostpark?“ Achselzucken. Es stellt sich heraus, dass der Mann nicht aus einem EU-Land kommt, infolgedessen Touristenstatus hat und nicht sozialhilfeberechtigt ist, also auch nicht in einer sozialen Einrichtung übernachten darf. Reuter empfiehlt ihm die „Hagenstraße“, eine Wärmestube der Caritas, die im Winter rund um die Uhr geöffnet ist. Dort dürfen auch „Touristen“ zumindest im Sitzen am Tisch ein wenig ausruhen.

21 Uhr. Zurück zum Bahnhof. „Wenn ich nach Hause gehe“, sagt Bettina Bonnet, „denke ich oft an die Menschen, die unter Brücken, Treppen oder am Tisch schlafen. Natürlich geht einem das manchmal an die Nieren. Aber ich mache diese Arbeit gern, weil sie sinnvoll ist.“

Hilfe für Obdachlose

Bettina Bonnet und Bernhard Reuter (rechts) vom Diakoniezentrum „Weser 5“ sind in Frankfurt auf der Straße unterwegs, um obdachlose Menschen zu ermutigen, soziale Hilfsangebote anzunehmen. Foto: Oeser

Die Hilfe für Obdachlose gehört zu den klassischen Betätigungsfeldern der Kirche. Im Diakoniezentrum in der Weserstraße 5 gibt es einen Tagestreff mit Mahlzeiten und Duschen, eine Beratungsstelle sowie ein Übergangswohnheim mit Notübernachtung. Der Tagestreff für Frauen am Alfred-Brehm-Platz 17 wird zur Zeit renoviert.

In den Stadtteilen bietet so manche Gemeinde Unterstützung: Jeden 3. Mittwoch im Monat gibt es in der Wartburggemeinde, Hartmann-Ibach-Straße 108, ein Obdachlosenfrühstück. Vierzehntägig freitags von 15 bis 18 Uhr hat die Teestube der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Niederrad mit selbst gebackenem Kuchen geöffnet, Schwanheimer Straße 20. Billige Kleidung gibt es im Familienmarkt in Bornheim, Freiligrathstraße 37. Eine Winterspeisung organisieren Ehrenamtliche noch bis 4. Februar mittags in der Katharinenkirche an der Hauptwache, danach bis 23. Februar in der Weißfrauenkirche, Gutleut-/Ecke Weserstraße.

Die Hilfe für Obdachlose finanziert sich weitgehend aus Spenden. Die Straßensozialarbeit bei „Weser 5“ etwa wird ermöglicht von der Johanniter-Cronstetten-Altenhilfe e.V., der Dr. Hans Messer Sozial Stiftung, der BGAG-Stiftung Walter Hesselbach sowie zahlreichen Einzelspenden. Zum weiterlesen: „Arme habt ihr allezeit“. Vom Leben obdachloser Menschen in einem wohlhabenden Land, 16 Euro, Edition Chrismon.

„Kurtchen“ lebt im Wald

Seit 28 Jahren lebt er im Wald bei Schwanheim. Angeblich hat „Kurtchen“, wie er selbst sich nennt, sechzehn Jahre in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg „gewohnt“, jetzt in einem Zelt. Aber niemand weiß genau, wo er „Platte macht“.

Der 65-Jährige hat kaum noch Haare auf dem Kopf, seine Nase ist dick geschwollen und graugrün vom Frost. Sein linkes Auge zuckt. Fragen dringen zu ihm kaum durch. Er nimmt aber genau wahr, ob die Stimmung im Raum angespannt oder freundlich ist. Er lebt in seiner eigenen Welt, ist aber keineswegs verwirrt. „So iss des Lebbe“, sagt er immer wieder. Und: „Ich hab alles. Genug zu fressen.“ Er erzählt, dass er mit den Bäumen redet und viele Tiere des Waldes ihm aus der Hand fressen. Auch Kreuzottern, deren Zischen er gerne nachahnt.

„Jeder hat das Recht, so zu leben, wie er will“, sagt Sozialarbeiter Bernhard Reuter, „solange er andere und sich selbst nicht gefährdet. Wir schnüffeln ihm nicht hinterher.“ Jemanden wie „Kurtchen“ nach all den Jahren im Wald in ein kleines Zimmer in der Stadt zu verpflanzen, wäre unmöglich. Deshalb hat Reuter ein Hilfsnetz um ihn herum aufgebaut. Man kennt ihn in Schwanheim, versorgt ihn mit Essen, und auch der Förster hat ein Auge auf den zähen alten Mann. Dennoch ist er neulich am Waldrand überfallen worden und hat seitdem eine schmerzende Schulter.

„Kurtchen“ ist einer von drei bekannten Obdachlosen, die im Wald bei Frankfurt leben.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Thomas Bachmann schrieb am 22. November 2007

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mir tut absolut jeder Obdachloser total leid, und ich finde es sowas von erschütternd, wie andere Leute, Behörden und Sozialämter gerade mit dem Ärmsten der Armen umgehen. Warum müssen Sie alle gepfecht am Ostpark im Container liegen, wenn es Leute und den Staat gibt, und es soviel Geld, Essen und Kleidung im Überfluss gibt, müssen diese Leute wie Dreck behandelt werden? Gerade diese Menschen brauchen die größtmögliche Hilfe und dass niemand mehr erfriert, verdurstet oder verhungert in diesem reichen „sozialen“ Land wie Deutschland! Eigentlich sind gerade die Obdachlosen Heilige Menschen wie Jesus, aber daran denkt leider niemand in dieser verwöhnten Gesellschaft!

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