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Von – 1. Februar 2007

Paul McCartney des 17. Jahrhunderts

Er ist einer der größten christlichen Liederdichter. Bis heute sind viele von Paul Gerhardts Versen echte und oft gesungene Hits in Gottesdiensten und bei anderen Feiern. Im evangelischen Kirchengesangbuch wird er nur von Martin Luther selbst übertroffen. Eine Erinnerung zum 400. Geburtstag eines Popstars.

Als es ans Sterben ging, bat ihn seine Frau, „ihr doch aus ihrem selbst geschriebenen Gesang-Buche etwas vorzulesen.“ Seitdem gehören die Lieder von Paul Gerhardt zum Leben und zum Sterben. „Befiehl du deine Wege“ wird noch heute bei vielen Beerdigungen intoniert, es gibt nur wenige Frühlingsfeste, an denen nicht „Geh aus mein Herz und suche Freud“ erklingt, und an Weihnachten gehört das „Ich steh an deiner Krippen hier“ zum festen Repertoire. Kirchen und Gemeinden sind nach Paul Gerhardt benannt worden – in Frankfurt zum Beispiel in Niederrad.

Es sei „gut, Paul-Gerhardt-Lieder zu lesen und auswendig zu lernen, wie ich es jetzt tue“, schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Brief an seine Eltern aus der Gestapo-Haft, kurz bevor er von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. Auch der Frankfurter Satiriker Robert Gernhardt kannte die Lieder von Paul Gerhardt. Während seiner Chemotherapie dichtete er bissig-parodierend: „Geh aus, mein Herz, und suche Leid… schau an der schönen Gifte Zier“. Trotzdem: Wer mit den Liedern umgeht, dem können sie zu guten Freunden in schwerer Zeit werden.

Am 12. März 1607 wird Paul Gerhardt in Gräfenhainichen bei Wittenberg geboren. Der Vater ist ein gut gestellter Bauer mit Schank­ erlaubnis. Schon früh bricht der Tod ins Leben des jungen Paul: Als er zwölf ist, stirbt sein Vater, mit vierzehn verliert die Mutter. Vom Erbe kann Paul das Gymnasium in Grimma bei Leipzig besuchen. Da tobt schon der Dreißig­ jährige Krieg. Das Essen ist oft knapp, auch die Pest erreicht die Schule. Die Leistungen des Schülers sind eher durchschnittlich, aber er bekommt eine musikalische Ausbildung.

Mit 21 Jahren beginnt Paul Gerhardt ein Theologiestudium in Wittenberg, dem damaligen Zentrum lutherischer Lehre. Sein Bruder Christian stirbt an der Pest, das Elternhaus wird ein Raub der Flammen. In Kriegszeiten ist das Studieren langwierig: Noch 1644 bezeichnet Paul Gerhardt sich als „Theologiestudenten“ – da lebt er bereits in Berlin. Sein Geld verdient er als Hauslehrer, sieht mit an, wie Krieg, Pest, Pocken und Ruhr die Einwohnerzahl von 12000 auf 5000 reduzieren.

Unter diesen Eindrücken schreibt er Gedichte, will Mut und Hoffnung weitergeben. Nikolaikantor Johann Crüger, der über die Grenzen Berlins hinaus als Komponist bekannt ist, erkennt das Potenzial der Texte und verleiht ihnen Töne. Achtzehn Lieder veröffentlicht er 1647 in einem Gesangbuch. In der Neuauflage sechs Jahre später sind es bereits 82. Gerhardt und Crüger werden sozusagen die Lennon/McCartneys des 17. Jahrhunderts: Sie produzieren Melodien und Texte zum „Volkseigentum“, die über die deutschen Grenzen hinaus Verbreitung finden. Was Paul dichtet und Johann vertont, das ist aus dem Leben gegriffen, mit Gottvertrauen verfasst und so eingängig zum Klingen gebracht, dass es den des Lesens meist unkundigen Gemeindemitgliedern aus dem Herzen spricht und leicht auswendig gelernt werden kann.

1651, da ist er 44 Jahre alt, erhält Paul Gerhardt seine erste Pfarrstelle als Propst von Mittenwalde in der Mark Brandenburg. In der Berliner Nicolaikirche wird er auf die lutherischen Bekenntnisschriften ordiniert. Zunächst sieht alles nach einem klassischen Pfarrerslebenslauf aus: 1655 heiratet er die 33-jährige Anna Maria Berthold. Von ihren fünf Kindern werden zwei Töchter und zwei Söhne bereits im Kindesalter sterben, nur Paul Friedrich überlebt die Eltern. Anna Maria gilt als Ausbund damaliger christlicher Frauentugenden: Sie ist fleißig als Hausfrau, liebevoll als Ehefrau, zurückhaltend in der Öffentlichkeit und verlässt das Haus nur zum Besuch des Gottesdienstes oder um Kranken und Hilfsbedürftigen beizustehen.

Zwei Jahre nach der Hochzeit wird Paul Gerhardt an die Berliner Nikolaikirche gewählt. Er arbeitet nun ständig mit Johann Crüger zusammen, nach dessen Tod mit Johann Georg Ebeling. Sieben Jahre lang geht alles gut, dann bringt die Politik Paul Gerhardt in Glaubens- und Gewissensnöte: Polemik gegen die Reformierten soll nach dem Willen des reformierten Kurfürsten Friedrich Wilhelm in Predigten keinen Platz mehr haben, Theologiestudenten nicht mehr in Wittenberg ausgebildet werden und zentrale Teile der Bekenntnisschriften außer Kraft gesetzt werden. Der Widerstand Paul Gerhardts, der zum Wortführer der Lutheraner avanciert, kostet ihn 1666 seine Pfarrstelle. Die Gemeinde interveniert, erreicht beim Kurfürsten einen Aufschub, doch da Gerhardt in seinen Ansichten keinen Millimeter nachgibt, wird er ein Jahr später in die Arbeitslosigkeit entlassen. In dieser Zeit stirbt seine Frau Anna Maria im Alter von 46 Jahren.

Der Mensch und Christ Paul Gerhardt zeigt sich in seinen Liedtexten. Viel Trost und Hoffnung hat er gespendet, Angst und Schwermut haben ihn gequält: „Ach Herr, wie lange willst du mein / so ganz und gar vergessen? / Wie lange soll ich traurig sein / und mein Leid in mich fressen?“ Manche Formulierungen („Sündenkot“, „Jesu, nimm dein Küchlein ein“) klingen heute fremd; auch im Top-Hit „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ irritieren die Wiesen, die hart dabei liegen „und klingen ganz vom Lustgeschrei der Schaf und ihrer Hirten“.

Nach dem Verlust seiner Stelle in Berlin und dem Tod seiner Frau schreibt Paul Gerhardt keine Lieder mehr. 1669 kommt er als Pfarrer nach Lübben – das ist ein abgelegener Ort in der Niederlausitz. Kleinliche Streitereien mit den zuständigen Kirchenbehörden prägen seine letzten Lebensjahre. Selbstbewusst, durchsetzungsfähig und eigenwillig – andere nennen es starrsinnig – versieht er sein Pfarramt. Altersbeschwerden machen ihm zu schaffen, den mühsamen Weg zum Friedhof geht er nach Trauerfeiern in der Kirche nicht mehr mit, trägt im Winter zum Schutz gegen die beißende Kälte in der Kirche eine damals hochmoderne Perücke. Das Bier des Nachbarortes schmeckt ihm besser als das Lübbener. Am Altar benutzt er ein Bänkchen zur Entlastung. All das gefällt seiner Gemeinde nicht, man wirft ihm vor, seinen Dienst nicht ordnungsgemäß zu erfüllen. Am 27. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt im Alter von 69 Jahren.

 

 

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2007 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Gunda Höppner ist Pfarrerin in Niederrad.

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