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1. April 2007

Die Geburt als „Begegnung mit dem Heiligen“

Für eine neue theologische Reflektion des Geburtsgeschehens plädierte die Rostocker Theologin Hanna Strack bei einem Vortrag im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum. In der christlichen Tradition sei die Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens, mit Tod und Sterben, weitaus stärker geführt worden als die mit dem Lebensanfang. Hierzu gebe es kaum Literatur oder Akademieangebote. Dabei sei die Geburt eine „Begegnung mit dem Heiligen“ und der göttlichen Schöpfungskraft.

Auch Moses wäre beinahe nach der Geburt getötet worden – doch die Tochter des Pharaos rettete ihn. Hier ein Gemälde von Tiepolo. | Foto: Yorck-Projekt

Auch Moses wäre beinahe nach der Geburt getötet worden – doch die Tochter des Pharaos rettete ihn. Hier ein Gemälde von Tiepolo.
Foto: Yorck-Projekt

Für ihre Forschung hat die Pastorin im Ruhestand zahlreiche Hebammen, Mütter und Väter befragt und fand erstaunliche Parallelen zwischen deren Schilderungen und theologischen Definitionen des Heiligen: Von „Grenzerfahrungen“, „Seligkeit“, dem Wunder des Lebens“ war da die Rede – ganz ähnliche Begriffe, wie Theologen sie verwenden, um das Heilige als eine Mischung aus „Faszination und Erschüttern“ zu beschreiben. Eine Geburt sei eine „Tiefenerfahrung, die Ergriffenheit von etwas, das größer ist als wir“, sagte Strack. Viele Väter beschrieben die Geburt ihres Kindes als stärkste spirituelle Erfahrung ihres Lebens. Hebammen seien in früheren Kulturen wie Priesterinnen gewesen, die Mutter und Kind segnen, Frauen seien im Moment des Gebärens „Mitschöpferinnen des Lebens“. Dabei gehe es nicht um eine Idealisierung des Mutterbildes, stellte Strack klar, sondern um ein Denken der Gebürtigkeit: „Das Entscheidende ist, dass wir alle auf diesem Weg zur Welt gekommen sind.“

In der heutigen Geburtskultur, die eine Entbindung als rein medizinischen Akt verstehe, seien solche Erfahrungen aber verschüttet. „Die Begegnung mit dem Heiligen bedarf der Inszenierung“, sagte Strack. „Die Frage ist, wie wir Neuankömmlinge auf der Welt begrüßen.“ Kliniken versprächen hundertprozentige Sicherheit und Risikominimierung, Hebammen würden von vielen Eltern nur noch als Dienstleisterinnen gesehen, die einen reibungslosen Ablauf garantieren sollen. Für Spiritualität sei da kein Raum. Deshalb entwickelte Strack Segensrituale für Schwangere und für Hebammen.

„Das Heilige ergreift uns körperlich“, so Strack. Doch diese spirituelle Bedeutung der Geburt sei in der Theologie bisher nicht erkannt worden, weil der weibliche Körper lange als unrein und sündig angesehen wurde. Wichtige biblische Geschichten wie etwa die der Hebammen Schifra und Pua, die sich weigerten, neugeborene Söhne von Israelitinnen zu töten, wie der ägyptische Pharao es befohlen hatte, kämen in gottesdienstlichen Lesungen nicht vor. Dabei könnte eine neue „Theologie der Geburt“ auch das Gottesbild erheblich erweitern. Wie im Psalm 22, wo Gott im Bild einer Hebamme angesprochen wird: „Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.“

Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. April 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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