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1. April 2007

Wenn Nächstenliebe konkret wird

Claudia Vieweger ist zur Zeit „Ersatzmutter“ für drei kleine Kinder

„Es geht darum, füreinander da zu sein. Und das kann man am besten, wenn man sich da sozial engagiert, wo man lebt“ – diese feste Überzeugung von Claudia Vie­ weger wurde vor einigen Monaten gewaltig auf die Probe gestellt. Als sie ihre Tochter Lena aus dem Kindergarten abholte, erfuhr sie von einem schrecklichen Unfall: Laurence Taburet, Mutter von drei Kindern, war von einem Betonmischer überfahren worden und ins Krankenhaus gekommen, sie verlor beide Beine. Das jüngste der Kinder, die 4-jährige Laetitia, ging mit Lena in den Kindergarten. Was sollte nun aus ihr und ihren Brüdern Loic (6) und Akkila (10) werden?

Foto: Oeser

Foto: Oeser

Claudia Vieweger wurde aktiv: Nach Abstimmung mit ihrem Lebensgefährten und einem Gespräch mit dem Jugendamt nahm die Kirchenvorsteherin der Gemeinde Zeilsheim die drei Kinder spontan bei sich auf. So konnten die Geschwister zusammen bleiben – bis heute, solange die Mutter noch in einer Rehabilitationsklinik sein muss. Vieweger stöhnt nicht etwa über Mehrarbeit, sondern empfindet es als Geschenk, so unmittelbar helfen zu können. „Ich wollte immer gerne viele Kinder haben und finde es eine Bereicherung, so viel Leben im Haus zu haben. Und da ich dreißig Stunden in der Woche in der Logistik arbeite, bin ich wirklich gut im Organisieren. Nachmittags habe ich sogar mehr Zeit als früher, weil ich nicht mehr mit meiner Tochter alleine bin, sondern die Kinder zusammen spielen.“

Ganz direkt war Claudia Viewegers Weg zu christlichem Engagement nicht verlaufen. Als ihr erster Mann sich von ihr trennte, trat sie erstmal aus der Kirche aus: „Ich war getauft, konfirmiert und hatte mit Anfang dreißig kirchlich geheiratet – aber die Trennung konnte ich zunächst nicht verzeihen.“ Schon bald darauf wurde die damalige Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der Höchst AG aber von ihrem SPD-Parteigenossen Rolf Klinkler angesprochen: Als Kassenwart der Gemeinde Zeilsheim fragte er an, ob sie etwas von ihren im Aufsichtsrat verdienten Tantiemen fürs Gemeindehaus beisteuern würde. So kam Vieweger mit Pfarrer Ulrich Matthei ins Gespräch, spendete 2000 Mark und fasste langsam wieder Vertrauen: „Heute weiß ich: Gott hilft – wenn wir selbst uns mit aller Kraft um Lösungen bemühen. Man darf nur nicht aufgeben und muss schon auch fleißig sein. Inzwischen kann ich sogar wieder mit meinem geschiedenen Mann reden.“

Nach der Scheidung half ein befreundeter Arbeitskollege Vieweger, die Kernsanierung ihres neu gekauften roten Backsteinhäus­ chens direkt gegenüber der evangelischen Kirche in Zeilsheim zu beenden. Dabei verliebten sich beide ineinander, zogen zusammen, heirateten nicht, bekamen aber ein ersehntes Kind: Tochter Lena. Die glückliche Mutter gab den Vorsitz in der SPD auf und wechselte in den Kirchenvorstand der Gemeinde Zeilsheim: „In der Kirche sind die Ziele klarer.“

Vieweger möchte nun, dass die drei Taburet-Kinder, denen Beten offensichtlich Kraft gibt, getauft werden. Die „Powerfrau“ mit „Durchsetzungsvermögen“ und „großem Herzen“, wie Rolf Klinkler die Kirchenvorsteherin beschreibt, hat auch dafür gesorgt, dass die Familie Taburet nicht ins finanzielle Abseits gerät: Sie richtete bei der Gemeinde ein Spendenkonto ein, auf das jetzt schon 28000 Euro geflossen sind. Dass der Abschied von den Kindern nicht leicht sein wird, weiß die Ersatzmutter.

Dafür wird sie vielleicht bald Patentante. Und tröstet sich mit einem Traum: Dass Tochter Lena irgendwann ins Nachbarhaus einzieht, und sie dann ihren eigenen Lebensabend im Garten verbringen kann – „in wallenden Gewändern und mög­ lichst umgeben von einer Horde Enkel“.

Stephanie von Selchow

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. April 2007 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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