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1. Mai 2007

Von der Notlösung zum Kultobjekt

p(einleitung). Friedrich Karl Barth hat 1975 den Kirchentags-Papphocker erfunden

Friedrich Karl Barth holt aus der Ecke einen Papphocker. Das praktische Sitzmöbel ist inzwischen laut Internet-Lexikon Wikepedia zum „Kultobjekt“ avanciert. 56000 Hocker werden im Juni beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln wieder im Einsatz sein. Barth hat den Papphocker erfunden, als man für den Kirchentag in Frankfurt 1975 nach stabilen und zugleich mobilen Sitzgelegenheiten suchte.

!(rechts)2007/05/seite12_unten.jpg(Vom Sohn bemaltes Kultobjekt: Friedrich Karl Barth, Erfinder des Kirchentags-Papphockers, hat noch eines der frühen Originale verwahrt. | Foto: Magirius)!

„Zunächst dachte ich an Bierkisten. Wir liehen uns 1500 von der Henninger Brauerei“, erinnert sich Barth. Die allerdings waren schwer und zu Türmen stapelbar, was gefährlich werden konnte. Dann hatte Barth die Idee mit dem Papphocker. „Anders als heute war er damals so stabil, dass man ihn weiterverwenden konnte.“ Der Papphocker, den Barth in Händen hält, ist damals während eines Kindergeburtstages von seinem Sohn im Garten in Sachsenhausen gestaltet worden. „Die bemalten Hocker fügten wir zu einer Freudenmauer zusammen.“

1971 hatte Propst Dieter Trautwein den damals 32 Jahre alten Pfarrer von Bad Hersfeld nach Frankfurt gelotst, als Leiter der neuen Beratungsstelle für Gottesdienst. „Das war ein Traum, ein riesiges Experimentierfeld, wie ein Sandkasten.“ Die Arbeitsstelle hatte großen Anteil an der erstmals 1973 auf dem Kirchentag in Düsseldorf gefeierten Liturgischen Nacht – eine Feier ohne starre Sitzordnung, sondern mit flexibler Raumgestaltung und Bestuhlung. „Von den 7000 Dauerteilnehmern des Kirchentags damals kamen allein 4000 zu uns.“ Das war ein kaum für möglich gehaltener Erfolg für die Kirchentagsbewegung. Kritik gab es dennoch. „Mit Arschwackeln kann man sich das Evangelium nicht verdienen“, habe der Theologe und Publizist Heinz Zahrnt die Aktion gerügt. Barth lächelt: „Später kam auch er zu uns.“

Zwanzig Jahre war Barth Leiter der Frankfurter Beratungsstelle, danach noch einige Jahre Gemeinde- und Kurseelsorger in Bad Wildungen, wo er jetzt noch wohnt. „Ich bin vollkommen für mich, lese viel, es ist die Ruhe nach getaner Arbeit.“ Dieser Bücherleser hat nicht nur den Kirchentagshocker erfunden, sondern auch Worte gedichtet, die bis heute gesungen oder gebetet werden, darunter Gesangbuchlieder wie „Komm, bau ein Haus“, „Brich mit den Hungrigen dein Brot“ oderdas viel gesungene Tauflied „Kind, du bist uns anvertraut“. Barths lebenslange Hingabe an die Sprache liegt auch darin begründet, dass er an der Sprache früh gelitten hat. „Spießig, muffig, ein Phrasendrusch allererster Ordnung“, erinnert er sich an die Gottesdienste, die er als Jugendlicher erlebt hat. Entsprechend sei er dann auch als Pfarrer nicht brav und fügsam gewesen. „Ich galt als bunter Hund, war frech, habe mich vor nichts und niemandem gefürchtet. Das Macht-Gen aber habe ich nie gehabt, bin im Leben nie etwas geworden.“

Er respektiere jegliche Originalität, lese gern den unrevidierten Luther. Gegenwärtig mutet ihm freilich vieles, was in der Kirche geschieht, restaurativ an, etwa das unablässige Aufführen von Bachkantaten: „Das ist ein abgehobenes ästhetisches Vergnügen, bei dem die Bürgerlichkeit sich zudeckt wie mit warmen Kissen. Doch wer sich in der Vergangenheit einhaust, ist selber schon vergangen.“

p(autor). Georg Magirius

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Mai 2007 in der Rubrik Menschen, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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