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Von – 1. Juli 2007

Pilgern ohne Belohnung

Seit einigen Jahren nimmt das Interesse an Pilgerreisen deutlich zu. Immer mehr Menschen fahren mit Bussen an bestimmte Orte, wandern oder fahren zum Beispiel die alten Jakobswege in Frankreich und Spanien.

Erstaunlich ist es schon, dass das Pilgern eine solche Renaissance erlebt. Erstaunlich jedenfalls, was die evangelischen Kirchen angeht. Denn mit dem Einspruch der Reformation gegen die Verehrung von Heiligen und Reliquien war in den protes­ tantischen Kirchen der Brauch des Pilgerns verdrängt worden. Wer am Ziel der Reise keine besondere Belohnung erwarten kann, der scheut den Aufwand. Wer davon ausgeht, dass man sich mit einer Pilgerreise und besonderen Bußübungen keine Verdienste bei Gott erwerben kann, braucht die Strapazen nicht auf sich zu nehmen.

Die Frage, wodurch wir die Gnade Gottes erhalten, hatte bei Luther, Calvin und Zwingli die Antwort erhalten: allein durch den Glauben. Das Pilgern hatte für sie also keinen eigenen Wert zum Erlangen der Freundlichkeit Gottes mehr. Inzwischen entdecken Menschen jedoch einen anderen Wert darin, sich auf eine solche Reise zu machen. Sie schätzen die Gelegenheit zur Meditation und zur Langsamkeit beim Gehen. Sie suchen nach Zeiten, in denen sie nicht eingespannt sind in die Erfordernisse der Arbeitswelt. Sie prüfen, welche spirituellen Formen ihnen hilfreich sind, um Kontakt zu finden zu Gott oder dem Göttlichen. Sie tauschen sich aus mit anderen Reisenden, lernen neue Menschen und auch andere Arten der Frömmigkeit kennen.

Die Pilgernden im Mittelalter suchten auf ihren Reisen Vergebung von Schuld. Sie lösten ein Gelübde ein. Sie wollten für sich selbst oder für Verwandte Verdienste erwerben. In dieser Absicht machten sie sich auf eine lange, beschwerliche und gefährliche Reise zu einem Ort, der ihnen als besonders heilig galt. Santiago di Compostela in Spanien zum Beispiel, wo der Heilige Jakob begraben sein soll, oder auch Jerusalem. Oft waren sie dann viele Jahre unterwegs. Sie gingen zu Fuß, lebten von dem, was sie unterwegs an Gaben erhielten. Manche kehrten auch nie zurück. Sie blieben im Heiligen Land oder waren auf dem Weg Opfer von Überfällen und Krankheiten geworden.

Gemessen daran sind die heutigen Pilgerreisen harmlose Spaziergänge. Sie kosten deutlich weniger Zeit und Mühe. Und sie enthalten weniger Risiko. Dass sie darum auch weniger Gewinn bringen, will ich nicht behaupten. Hape Kerkeling zum Beispiel hat seine Pilgerreise geschickt vermarktet und ist darin nicht der einzige.

Und natürlich ist es durchaus ein Gewinn, wenn Menschen Zeit in größerer Nähe zur Natur verbringen, als sie dies in der Stadt tun können. Auch sich selbst im Wandern samt seinen Beschwernissen zu erleben, kann etwas ganz Neues und Beglückendes sein. Und es ist sicher auch etwas Schönes, wenn man schließlich die alten Pilgerstädte erreicht hat. Wenn man ihre Kirchen aufsuchen kann, um dort zu beten und Gottesdienste zu feiern. Wenn man zurückkommt in den Alltag, bringt man vielleicht einen inneren Schatz mit, der über lange Zeit hin bereichert.

Doch ist dies eine andere Bewegung als bei früheren Pilgerreisen. Es ist eine Art des Austausches mit den Menschen, die ebenfalls unterwegs sind, weniger eine Verpflichtung gegenüber Gott. Es ist eine Möglichkeit, sich selbst unter ungewohnten Bedingungen zu erleben und Seiten an sich selbst zu entdecken, die man bis dahin noch nicht kannte. All das kann sein, und dann ist es gut so.

Wichtig ist aber, dass es im evangelischen Verständnis keine Notwendigkeit zur Pilgerreise gibt. Niemand muss es tun, um eine religiöse Verpflichtung gegenüber Gott zu erfüllen. Die Freundlichkeit Gottes kommt zu uns, auch wenn wir zuhause bleiben. Unser Beten hat an jedem Ort dieselbe Kraft. Gott hört auch das Gebet aus dem „stillen Kämmerlein“. Und die Gemeinschaft im Glauben hängt nicht daran, dass man gemeinsam in dieser oder jener „Heiligen“ Stadt gewesen ist.

Eine Pilgerreise machen – alle, die es tun wollen, können es tun. Alle, die es für sich selbst nicht wichtig finden oder keine Möglichkeit dazu haben, brauchen daraus keine Nachteile zu befürchten. Unser Heil hängt nicht davon ab.

 

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2007 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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