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1. September 2007

Bauunterhalt: 21 Millionen fehlen

p(einleitung). Der Bauunterhalt für die Frankfurter evangelischen Kirchen, Gemeindezentren und Pfarrhäuser wird in den nächsten zehn Jahren mindestens 42 Millionen Euro kosten, zur Verfügung steht aus Kirchensteuern aber nur etwa die Hälfte dieser Summe. Deshalb muss sich die Kirche in den nächsten Jahren von Liegenschaften trennen. Fragen an Wolf Gunter Brügmann-Friedeborn, den Vorsitzenden des Ausschusses für gemeindliche Gebäude des Frankfurter Kirchenparlamentes.

Sie haben im Ausschuss die schwierige Aufgabe, Vorschläge zu erarbeiten, auf welche Kirchen und Gemeindehäuser die Frankfurter Kirche in Zukunft verzichten soll. Wie gehen Sie dabei vor?

bq. Wir sind dabei, Maßstäbe zu erarbeiten, nach denen wir Gebäude bewerten können. Es geht ja nicht nur um Kirchen, es geht auch um Gemeindehäuser und Wohnungen. Bei den Kirchen stellt sich insbesondere die Frage, was geistlich verantwortet werden kann. Wir wollen ja doch, dass die Kirche in der Stadt sichtbar und erlebbar bleibt, nicht nur in der City, sondern auch in den städtischen Quartieren außerhalb des Anlagenrings und in den eher dörflichen Quartieren am Rande der Stadt.

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Heißt das, Sie schlagen vor, eher Gemeindehäuser abzugeben als Kirchen?

bq. Es gibt ein Regelwerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, das wir mit heranziehen. Da heißt die erste Regel: Wenn Gebäude abgegeben werden müssen, wird zuerst gefragt, ob man auf Mitarbeiterwohnungen, Gemeindehäuser oder Pfarrwohnungen verzichten kann. Und wenn tatsächlich Kirchen zur Disposition stehen, dann kommt ein einfacher Verkauf, nur um schnell gutes Geld zu machen, nicht in Frage. Sondern es wird berücksichtigt, was später aus der Kirche wird. Die EKD-Richtlinie sagt: Bevor man Image-schädigende Nutzungen einer ehemaligen Kirche riskiert, sollte man sie lieber abreißen. Eine andere Möglichkeit ist auch die Stilllegung, also dass man eine Kirche zwar nicht mehr nutzt, aber sozusagen als sichtbares Mahnmal stehen lässt. Denn für viele, auch kirchenferne Menschen, haben Kirchen einen äußerst starken gefühlten Symbolwert. Allein als Gebäude strahlen sie immer noch eine Aura aus, aber eine einmal abgerissene Kirche ist für immer weg.

Zu Moscheen umgebaut werden Kirchen also nicht?

bq. Da kann ich auch nur aus der erwähnten EKD-Richtlinie zitieren: „Unverträglich mit dem Symbolwert einer christlichen Kirche sind auch Nachnutzungen durch nichtchristliche Religionen, wie zum Beispiel als Moscheen.“

Wäre es nicht möglich, die Pfarrhäuser abzuschaffen? Pfarrerinnen und Pfarrer könnten sich doch selbst um ihre Wohnungen kümmern.

bq. Das geht aufgrund der gesetzlichen Lage nicht, weil nach wie vor gilt, dass ein Pfarrer oder eine Pfarrerin Residenzpflicht hat, also in der Gemeinde wohnen muss. Und deshalb muss die Kirche entsprechenden Wohnraum zur Verfügung stellen. Diese Debatte ist eine sehr heikle. Ich als Laie habe dafür im Grunde genommen heutzutage nur noch wenig Verständnis, aber wenn man sich in der Pfarrerschaft umhört oder auch in den Kirchenverwaltungen, dann spürt man doch, dass das fast wie ein Tabuthema ist.

Wie ist Ihr Zeitplan?

bq. Unser Ziel ist, der Regionalversammlung im Frühjahr 2008 eine Empfehlung vorzulegen. Aber abzusehen ist sicherlich, dass es dann noch viel Gerangel um diesen oder jenen Vorschlag geben wird.

Das hat man ja auch bei der Matthäuskirche gesehen. Das Kirchenparlament hat schon vor Jahren beschlossen, sie aufzugeben, aber passiert ist bis heute nichts. Offenbar lohnt es sich, wenn eine Gemeinde öffentlichkeitswirksam protestiert?

bq. Den Fall Matthäuskirche kann man sozusagen als Vorboten dafür sehen, wie mühsam unsere Aufgabe ist. Denn die evangelische Kirchenordnung bietet so gut wie keine Möglichkeit, dass irgend ein übergeordnetes Gremium einer Gemeinde eine Kirche, die ihr gehört oder die ihr zur Nutzung überlassen ist, so einfach entziehen kann. Deshalb ist es ein mühsames Unterfangen, hier zu einem Einvernehmen zu kommen.

Wie viele Räume braucht denn eine Gemeinde heutzutage?

bq. Dafür gibt es vorgegebene Flächengrößen von der Landeskirche. Aufgrund der zurückgegangenen Mitgliederzahlen hat fast jede Gemeinde inzwischen mehr Raum, als ihr nach den Verordnungen zusteht. Nun kann man natürlich nicht jedes Jahr von einem Gemeindehaus ein paar Quadratmeter abschneiden. Deshalb schauen wir uns nicht nur jede einzelne Gemeinde an, sondern wir schauen sozusagen mit einem Adlerblick auf ganz Frankfurt und fragen, wo mehrere Gemeinden sich bündeln könnten. Uns ist dabei wichtig, dass wir das nicht über die Köpfe der Gemeinden hinweg machen. Wir haben schon eine ganze Reihe von Terminen mit Kirchenvorständen, die uns zu Gesprächen eingeladen haben.

p(autor). Interview: Antje Schrupp

h2. Abschied vom Pfarrhaus

p(einleitung). Der Trend geht zur Multifunktions-Kirche

Welche Räume eine Kirchengemeinde braucht, hängt immer auch mit dem gesellschaftlichen Umfeld zusammen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert stand das Pfarrhaus im Zentrum des evangelischen Gemeindelebens. Vorbild war dabei das Wittenberger Heim des Reformators Martin Luther und seiner Ehefrau, Katharina von Bora.

Glaubt man den zahlreichen Beschreibungen in der Belletristik, so lebten die Pfarrersleut‘ früher in einer geradezu biedermeierlichen Idylle. Ihr Haus wurde zum Beispiel für eine christliche Lebenskultur. Dort war der Ort für Hausandachten, für diakonische Tätigkeiten wie die Speisung von Armen – meist durch die Frau des Pfarrers – und Bildungsveranstaltungen, etwa dem Konfirmandenunterricht. Wie selbstverständlich war die ganze Pfarrfamilie im Gemeindeleben engagiert. Selbst in Sachen des Gemüseanbaus war der Pfarrgarten beispielgebend.

In der Folge wurde das evan­gelische Pfarrhaus, so der Schriftsteller Rolf Schneider, „für Deutschland eine Institution, ein fester zivilisatorischer Topos.“ Das protestantische Pfarrhaus in Deutschland ist demnach „streng patriarchalisch organisiert und kinderreich. Die Räume sind dunkel. Im Bücherschrank stehen die gesammelten Musterpredigten aus dem Hause Bertelsmann. Der Nachwuchs tut fleißig mit im Kirchenchor. Die Frau Pastor ist eine graue Maus, die das Gewürzgärtlein bestellt und sonst wenig zu bestimmen hat. Der Hausherr selbst ist ein dauerlächelnder selbstverliebter Pfeifenraucher, umwimmelt von lärmenden Konfirmanden und demütigen Diakonissen.“

So wenig man heute noch junge Frauen bei den Diakonissen findet, so wenig gibt es noch das klassische evangelische Pfarrhaus, auch wenn die Pfarrwohnungen oft noch Amtszimmer und Konfirmandensaal aufweisen. Mit der Veränderung der Lebensräume entstanden am Anfang des 20. Jahrhunderts überall Gemeindehäuser. Neben neuen Gottesdienstorten für eine geradezu explodierende Stadtbevölkerung konnten so auch weitere Bedürfnisse abgedeckt werden. In den kleinen Stadtwohnungen gab es meist keinen Platz für größere Versammlungen. So wurden die Kirchengemeinden zu einem wichtigen Ort öffentlichen Lebens.

In den 1960er Jahren kamen weitere Aufgaben hinzu: Kirchen­ musikalische Arbeit, Frauenkreise, Gruppen der Familien- und Erwachsenenbildung, Jungschar, Jugendkreis, Pfadfinder oder Theaterkreise fanden hier ihre Heimat. Oft wurden diese Angebote initiiert und unterstützt von Gemeindepädagoginnen und -pä­ dagogen, die in den 70er Jahren in großer Zahl angestellt wurden.
Heute zeichnet sich hingegen eine Konzentration auf eher funktional genutzte Kirchen ab. Gemeinden stellen wieder stärker Gottesdienst und Seel­ sorge in den Mittelpunkt. Eine Renaissance des protestantischen Pfarrhauses im Stil des 19. Jahrhunderts dürfte allerdings ausgeschlossen sein. Da gibt es wohl keinen Bedarf.

p(autor). Kurt-Helmuth Eimuth

p(hinweis). Siehe auch: „Alles unter einem Dach“:/2007/09/alles-unter-einem-dach, „Transparend im Nordend – mit Glas und Licht“:/2007/09/transparenz-im-nordend-mit-glas-und-licht, „Grenzorte des Heiligen“:/2007/09/grenzorte-des-heiligen.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. September 2007 in der Rubrik Ethik, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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