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1. September 2007

„Danke, dass ich nicht mehr hasse“­

p(einleitung). Die Frankfurter Initiative „Zeichen der Hoffnung“ unterstützt seit dreißig Jahren ehemalige Häftlinge aus Konzentrationslagern und andere Opfer des Nationalsozialismus in Polen.

„Ich danke Ihnen dafür, dass ich die Deutschen nicht mehr hasse“, sagt Sabina Nawara, die als junge Frau zwei Jahre lang in Ravensbrück interniert war und heute 84 Jahre alt ist. Aus ganz Polen waren im Juni etwa 80 ehemalige NS-Opfer nach Warschau gereist, um das 30-jährige Jubiläum von „Zeichen der Hoffnung“ zu feiern.

!(rechts)/2007/09/seite03_oben.jpg(Polnische Zwangsarbeiter in einem NS-Straflager in Krakau. Unter dem Titel „Erinnerung bewahren. Sklaven- und Zwangsarbeiter des Dritten Reiches aus Polen 1939-1945“ macht eine Ausstellung des Berliner Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit noch bis Mitte Oktober auf ihr Schicksal aufmerksam. | Foto: epd-Bild)!

„Sie haben die ausgestreckte Hand angenommen“, sagte Hermann Düringer, der Vorsitzende der evangelischen Initiative. Das sei keine Selbstverständlichkeit für Menschen, die wie Miroslaw Firkowski, Jahrgang 1920, auch heute noch „von der schlimmen Vergangenheit“ und ihrer „vermasselten Jugend“ eingeholt werden. „Die Zeit hat kein Heilmittel für meinen Schmerz bereit“, erklärte Firkowski, der in der NS-Zeit die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen überstanden hat.

„Wir sind krank, wir leben noch immer mit dem Lagersyndrom. Solche Treffen mit euch verlängern uns das Leben“, betonte auch Alfons Walkiewic. Der heute 85-Jährige war als Zwangsarbeiter nach Leipzig verschleppt worden, konnte zunächst fliehen, wurde aber später in Au­ schwitz, Flossenbürg und Dachau eingesperrt.

Dass Menschen wie ihm geholfen wird, dass sie für ihre Leiden entschädigt werden müssen, war vor dreißig Jahren noch ein Tabu in Deutschland. Als eine Frankfurter Kirchengruppe 1976 nach Polen reiste, war das für viele Westdeutsche „ein sehr unbekanntes Land“, wie sich die Gründungsmitglieder Helga Trösken und Klaus Würmell erinnern. Die frühere Pröpstin für Frankfurt und der damalige Leiter der evangelischen Erwachsenenbildung, beide inzwischen im Ruhestand, ge­ hö­ ren noch immer zum Kuratorium von „Zeichen der Hoffnung“, Würmell war viele Jahre lang Vorsitzender der Initiative. „Bei dieser Reise führten wir intensive Gespräche, auch mit Überlebenden von Konzentrationslagern, nach denen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnten“, erinnert er sich. „Was diese Menschen vor allem wollten, so schien uns, war die Anerkennung ihrer Leiden und ihrer Rechte, und zwar durch uns, durch Deutsche, durch das Volk der Täter.“ Eine entsprechende Anfrage beim Auswärtigen Amt wurde jedoch abschlägig beschieden. Es waren die Zeiten des Ost-West-Konflikts, des „Kalten Krieges“. Polen gehörte zum „Ostblock“, eine politische Regelung war damals seitens der deutschen Regierung nicht gewünscht. „Man signalisierte uns, dass wir, wenn wir wollten, individuell tätig werden könnten“, so Würmell.

!(kasten)/2007/09/seite03_mitte.jpg(Helga Trösken – links – und Klaus Würmell, Gründungsmitglieder von „Zeichen der Hoffnung“ bei den Jubiläumsfeiern in Warschau zusammen mit Jutta Frasch, der Gesandten der deutschen Botschaft. | Foto: Barbara Kernbach)!

1977 gründeten daher evangelische Christinnen und Christen die Initiative „Zeichen der Hoffnung“ parallel in Frankfurt und in Warschau. Sie organisierten finanzielle Unterstützung, Hilfstransporte oder das Beschaffen von Medikamenten. Später kümmerte sich „Zeichen der Hoffnung“ um Altenheimplätze oder Schmerzbehandlungen für NS-Opfer und gründete ein Projekt „Essen auf Rädern“, das kranke und bettlägerige Menschen mit einer warmen Mahlzeit und anderen Hilfen versorgt.

Mehrmals im Jahr hat „Zeichen der Hoffnung“ zudem polnische Gruppen ehemaliger KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiterinnen
zu Erholungs- und Begegnungsfreizeiten in Ferienorte eingeladen, so­ wohl in Polen als auch nach Deutschland. Diese Reisen boten Gelegenheit, persönliche Bindungen zu knüpfen.

Helga Trösken, die an vielen dieser Begegnungen teilgenommen hat, rief bei der Jubiläumsfeier auch heitere Erinnerungen wach. Sie erzählte von abhanden gekommenen Mitreisenden, die bange gesucht und schließlich von der Staatssicherheit wohlbehalten zurückgebracht wurden, von kaputten Zylinderkopfdichtungen, die dank eines Parkwächters in Krakau und seiner weitreichenden Kontakte repariert werden konnten, von den „vielen wunderbaren Freundschaften“, die im Laufe der Zeit entstanden seien – und die dazu beigetragen haben, das Deutschlandbild aufzuhellen.

Solche Begegnungen bieten vor allem Möglichkeiten, die schweren Erinnerungen auszusprechen – was auch in der eigenen Familie nicht immer möglich ist. „Die Betroffenen wollen Söhne, Töchter, Enkel nicht belasten“, sagt Peter Galetzka vom Vorstand von „Zeichen der Hoffnung“. Regelmäßig opfert er seinen Urlaub, um Erholungsreisen zu begleiten. Am Anfang seien die Polen miss­ trauisch gewesen, zurückhaltend, „weil wir Deutsche sind“, aber mit der Zeit sei Vertrauen gewachsen.

Heute steht „Zeichen der Hoffnung“ vor der Frage nach der Zukunft. Hermann Düringer hofft, dass neue Projekte wie Schulpartnerschaften in Breslau, Kontakte zur Begegnungsstätte Kreisau im ehemaligen Gut der Familie Moltke und zum Thema Widerstand gegen das NS-Regime neue Mitstreiter und Mitstreiter­ innen finden. Außerdem wolle die Initiative sich als „Agentur für die Vermittlung von Freiwilligen und Zivil­ dienstleistenden in Sozialprojekte“ profilieren.

p(autor). Barbara Kernbach

h3. Auf dem Weg zur Normalität

Polen ist heute ein modernes Land im Umbruch. Glasbürobauten, Einkaufszentren und Discounter machen deutlich: Hier brummt die Wirtschaft. In der Begegnung mit Menschen ist viel von einem aufgeklärten, dem Fortschritt und Europa zugewandten Geist zu spüren.

Aber es gibt auch das andere Polen, das politisch und katholisch rückständige, antieuropäische Polen. Unvergessen ist die beschämende Karikatur der Bundeskanzlerin auf der Titelseite des polnischen Gegenübers zur Bildzeitung. Polen gilt auch als das christlichste aller EU-Länder. Bei den Gottesdiensten, die sonntags im Stundentakt abgehalten werden, sind die Kirchen bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Einfluss der evangelischen Kirche hingegen ist gering. Mit der Ver­ treibung etwa aus Ostpreußen schmolz auch die Zahl der Evangelischen, bis heute gilt der Protestantismus als „deutsche“ Religion. So sagt etwa der Pfarrer von Rastenburg (Kêtrzyn), er werde als deutscher Pfarrer bezeichnet, obgleich er Pole sei.

Noch immer ist das Verhältnis von Deutschen und Polen weit von der Normalität entfernt. Doch Begegnungen und Gesten wie etwa der Kniefall von Willy Brandt am Denkmal des Warschauer Ghettos sind wichtige Stationen. Und die Initiative „Zeichen der Hoffnung“ ist weit mehr als eine Geste.

p(autor). Kurt-Helmuth Eimuth

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. September 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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