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1. September 2007

Historische Schätze bergen

p(einleitung). Frankfurter Kirchengemeinden machen ihre Archive zugänglich

Geschichte ist nicht nur trockener Lernstoff in Schulbüchern. Geschichte lässt sich anfassen und riechen, sie kann knistern, in die Nase kriechen und Niesen machen. Sie versteckt sich zum Beispiel in vergilbten, blau eingebundenen Büchern, aufgestapelt hin­ ter Metalltüren, nur wenige Schritte von der eigenen Wohnung entfernt.

Alexandra Stolze, gelernte Kauf­frau aus Eckenheim, hat die Vorstellung keine Ruhe gelassen, historische Schätze könnten ganz in ihrer Nähe unentdeckt bleiben. Gemeinsam mit zwei weiteren ehrenamtlichen Helferinnen hat sie sich deshalb daran gemacht, das Kirchenarchiv der Nazarethgemeinde zu durchforsten. Wie in allen Gemeinden lagern hier Unterlagen und Dokumente, die Auskünfte über viele Jahrhunderte geben: Tauf-, Heirats- und Sterberegister, Amtsbücher, Rechnungen und Haushaltslisten. Direkt oder indirekt können sie über vieles Auskunft geben, das von his­tori­schem Interesse ist.

!(kasten)/2007/09/seite05_oben.jpg(Renate Stecay betreut das Archiv des Evangelischen Regionalverbandes. Sie berät und unterstützt Gemeinden, die ihre Kirchenarchive sichten und der Forschung zugänglich machen wollen. Auch historisch Interessierte, die das Archiv einsehen oder bei der Systematisierung der noch ungeordneten Dokumente helfen möchten, können sich an sie wenden: Telefon 21651353. | Foto: Rolf Oeser)!

Mit viel Geduld und geradezu kriminalistischer Akribie untersuchen Alexandra Stolze, Renate Duchardt und Maria Kelly-Denis jedes Blatt, ordnen und verzeichnen es und machen das Material so für Historiker und geschichtsbewusste Laien zugänglich. Eines der ältesten Fundstücke, auf das sie bisher gestoßen sind, ist eine Predigt-Ordnung vom 10. Januar 1688.

Die Nazarethgemeinde ist die dritte Frankfurter Kirchengemeinde, die sich an diese aufwändige Arbeit heranwagt. Die erste war die Kreuzgemeinde in Preungesheim, deren Archiv sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht und bereits vollständig verzeichnet ist. Es war besonders interessant, weil Ausgrabungen in der alten Kreuzkirche archäologische Schätze ans Licht gebracht hatten: Um die Geschichte des Bauens und Umbauens durch die Jahrhunderte nachzuvollziehen, können zum Beispiel alte Rechnungen von Handwerkern hilfreich sein. Soeben fertig gestellt wurde das Archiv der Thomasgemeinde in Heddernheim. Es ist Anfang September ins Dominikanerkloster am Börneplatz gebracht worden, wo es nun, ebenso wie das Preungesheimer Archiv, in einem Tresorraum des Evangelischen Regionalverbandes sicher lagert. Der Bestand beider Archive ist sowohl auf Papier als auch digital aufbereitet und kann nach Absprache genutzt werden.

!(kasten)/2007/09/seite05_mitte.jpg(Bringen Systematik in das Kirchenarchiv der Eckenheimer Nazarethgemeinde, um es für Forschungen zugänglich zu machen: Maria Kelly-Denis, Renate Durchardt und Alexandrea Stolze – von links nach rechts. | Foto: Andrea Pollmeier)!

Bis es auch mit dem Kirchen­ archiv der Nazarethgemeinde soweit ist, liegt noch viel Arbeit vor den ehrenamtlichen Archivarinnen. Jeden Montag morgen steigen sie die Stufen zur Empore des Gemeindesaals hinauf. Hier, hinter ausrangiertem Mobiliar, stehen zehn hellgraue, an Um­ kleidekabinen erinnernde Metallschränke. Heute ist Nummer 5 an der Reihe. Die meisten der darin gestapelten Bücher haben ein DIN-A-5-Format und tragen einen blauen Einband. Maria Kelly-Denis schlägt eines davon auf. „Haushaltsbuch verfasst von Heinrich Göbel, 1710-15“ ist darin in sauberer Sütterlin-Handschrift eingetragen. Die alte Schrift zu entziffern, ist für die Rentnerin kein Problem. Ruhig prüft sie unter der Rubrik „Ist gezahlt“ die Zahlen und blickt so wie durch ein Schlüsselloch in den Lebensalltag einer vergangenen Zeit.

Unterstützung und das not­ wendige Wissen haben die Ehrenamtlichen von Renate Stecay bekommen, der Leiterin des Regionalverband-Archives: Wie die Dokumente nach einer einheitlichen Systematik zu ordnen sind und vor weiterer Zerstörung bewahrt werden können, etwa indem Metallklammern entfernt und Papiere in säurefreien Umschlägen und Kisten gelagert werden.

Pfarrerin Christine Streck-Spahlinger freut sich sehr über dieses Engagement. Sie bereitet derzeit die 50-Jahr-Feier des Gemeindesaals vor. „Mit Hilfe der alten Bücher möchte ich rekonstruieren, was das eigentliche Bekenntnis der Gemeinde war“, erzählt die Pfarrerin.

Renate Duchardt sucht die alte Predigt-Ordnung heraus. In einem Satz, der länger als eine Buchseite reicht, entziffert sie Textstellen wie zum Beispiel: „unserer der Reformierten Religion zugethane Räthe und übrige zudem Reformierten Consistorio verordnete Assesores“ – offenbar also war die Eckenheimer Nazareth­ gemeinde ursprünglich reformiert und nicht lutherisch.

p(autor). Andrea Pollmeier

h3. Des Pfarrers uneheliches Kind…

Friedrich Wilhelm Trinthammer war vier Jahrzehnte lang, von 1795 bis 1835, Pfarrer in Preungesheim. Er muss ein echter Schlawiner gewesen sein: Nicht nur hatte er eine ziemlich unleserliche Handschrift, sondern offenbar auch ein unkonventionelles Liebesleben – jedenfalls schaffte die Gemeinde 1826 für das verstorbene „uneheliche Kind“ des Pfarrers eine Gedächtnistafel an.

Solche Funde machen natürlich besondere Freude. Niemand weiß, wie viele ähnliche Geschi­ chten noch in den alten Dokumenten versteckt sind. Renate Stecay, Archivarin des Evangelischen Regionalverbandes, hat noch ganze Regale voller ungeordneter Akten: etwa das Archiv der Cyriakusgemeinde, das in schlechtem Zustand aus dem Kirchturm in die trockenen Räume des Dominikanerklosters gerettet wurde, eine ganze Wand mit Akten aus der Bockenheimer Markuskirche, sowie das ebenfalls teilweise sehr alte Archiv der Ginnheimer Bethlehemgemeinde. Stecay hofft, dass sich auch für diese Dokumente noch Ehrenamtliche finden, die sie durchforsten.

p(autor). Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. September 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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