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1. November 2007

Auszeit vom Leben – eine Erzählung

Es ist nicht die Kälte, sondern die tiefe Dunkelheit, durch die sich der beginnende Winter an diesem Morgen bemerkbar macht. Im Foyer brennt eine Kerze unter dem Kreuz. Ein welliger Wachssaum ziert den dicken, naturweißen Bauch, der Schein macht durch wiegende Bewegungen auf sich aufmerksam.

Ich verharre einen Augenblick und genieße die wunderbare Ruhe, wohl wissend, dass sie trügerisch ist. Denn die brennende Kerze sagt mir, dass ein Mensch in unserem Haus gestorben ist. Er hat sich von diesem Leben verabschiedet, um in ein anderes zu gehen. Wenn es der Patient ist, an den ich sofort denken muss, dann haben er und seine Familie es „gut gemacht“. Und wir vom Hospital haben dazu beitragen können. Unter dem Kreuz verabschiede ich mich von ihm, und das Gefühl, dass es „gut“ war, gibt mir Ruhe und neue Kraft.

!(kasten)2007/11/seite06_oben.jpg(Dr. Angelika Berg ist leitende Ärztin im Evangelischen Hospital für palliative Medizin in Frankfurt. Sie und ihr Team sorgen für Menschen in der letzten Lebensphase. Der Umgang mit dem Tod, das Abschied nehmen, fällt niemandem leicht, besonders nicht den Angehörigen. Mit ihrer Erzählung „Auszeit vom Leben“ hat Berg ihre Erfahrungen literarisch verarbeitet. | Foto: Ilona Surrey)!

Mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt, hätte ich fast den Mann übersehen, der auf dem Treppenabsatz zwischen den Stockwerken steht. Mit festem Griff hält er sich am Geländer fest. Es ist ein Angehöriger. Sein Gesicht ist gerötet, der Kragen seines Hemdes hängt ein wenig über den Rand seines wärmenden roten Pullovers. Es ist kühl im Treppenhaus, die Nachtschwestern haben die Fenster geöffnet, vielleicht, um den neuen Tag willkommen zu heißen, vielleicht aber auch, um die nächtlichen Gerüche, die Gerüche der Ausscheidungen, zu vertreiben. Für uns, die wir hier arbeiten, ist das normal. Für die meisten Menschen ist es aber
unnormal und manchmal erschreckend. Weil sie solch Alltägliches verdrängen?

Der Mann schaut mich nicht an, er spricht über die Stufen hinweg mit mir und sich selbst. Er ist vol­ ler Wut und konfrontiert mit einem Lebensgefühl, das er bislang noch nicht kannte. Seine Stimme ist forsch, aber auch tief erschüttert. „Sie will einfach nicht sterben. Sie stirbt nicht.“ Die Schwestern haben ihn heute Nacht gerufen. Es könnte zu Ende gehen. „Ich habe bei ihr gesessen, ihre Hand gehalten. Ihr gesagt, dass alles geregelt ist. Eigentlich hat ja sie selbst schon alles geregelt. Sie könnte jetzt gehen…“ Der Mann schnäuzt in sein großes Baumwolltaschentuch und schaut aus dem Fenster.

Eigentlich bin ich noch in meiner Auszeit vom anderen Leben, dem Klinikleben. Der weiße Kittel der Professionalität hängt noch über dem dicken schwarzen Bügel im kleinen Arztzimmer. Wir brauchen dicke Bügel, weil wir viel tragen müssen.

!(rechts)2007/11/seite06_mitte.jpg(Immer wenn jemand stirbt, wird im Foyer des Hospitals eine Kerze angezündet. | Foto: Ilona Surrey)!

Der Mann und ich stehen da, wir schauen uns nicht an. Hin und wieder unterbricht sein kräftiges Schnäuzen unsere Stille. Ich glaube zu wissen, was er jetzt denkt. Mit dem Gehör der Ärztin nehme ich seine tiefen Atemzüge wahr. Die Nackenmuskulatur scheint sich zu entspannen. Auch er ist in einer Auszeit. Sein routinierter Alltag gibt ihm hier und jetzt keinen Halt. Kein Algorithmus gibt uns Handlungsanweisungen zum schöner Sterben und schon gar nicht zum sozialverträglichen Ableben. Termine müssen verschoben werden, und da ist noch das Arbeitstreffen in London, und die Kinder studieren im Ausland. Muss man sie nicht anrufen? Das hat er total vergessen, und sie haben auch nicht „eigeninitiativ“ daran gedacht. Ja, warum auch, wo das tägliche Sterben in aller Stille und „schön“ stattzufinden hat, möglichst ohne Terminverschiebungen und Unannehmlichkeiten. Damit in das „Wir“ möglichst wenig investiert werden muss, steht am Anfang immer die Frage: Was bringt das?

Zum Glück hat Gott am Anfang diese Frage nicht gestellt, er müsste sie heute noch diskutieren. Ja, sagt der Mann, seine Ehefrau käme heute auch wieder, sie müsse aber erst noch zum Friseur. Er schaut mich etwas beschämt an, all diese Alltagsgedanken, und dabei stirbt seine Mutter. Und er hält es nicht mehr aus und möchte eigentlich, dass es vorbei ist. Um was zu tun? Um wohin zurückkehren zu können?

In dieser Auszeit vom alltäglichen Leben steckt eine Kraft zur Neubewertung und Neugestaltung. So, wie wir jetzt im Treppenhaus stehen, lernen wir voneinander und von denen, die gehen. Denn auch sie befinden sich in einer Auszeit. Auf der Brücke zwischen dem Hier und dem Dort. Unser persönliches Lebenstempo bestimmt auch hier das Tempo des sich Verabschiedens, des Zurücklassens. Und vielleicht wäre für viele in unserer Gesellschaft eine kleine Auszeit ganz wichtig, um das Wesentliche im Leben wieder definieren zu können. Und vielleicht würde manch einer den Wert der Medizin wieder erkennen und nicht mehr versuchen, sie in einen Reparaturbetrieb verwandeln zu wollen.

Gespräche im Treppenhaus, außerhalb der Dienstzeit, für was? Meine dicke Daunenjacke und sein warmer, roter Pullover berühren sich, als wir nach seiner Mutter schauen. Die Schmerzpumpe gibt ein vertrautes Geräusch von sich, das Mundpflegeset riecht nach Honig. Im Zimmer steht ein leichter Geruch nach Lavendel. Sie sieht aus, als würde sie schlafen, vom nahenden Tod gezeichnet, aber ohne Angst. Vielleicht liegt ­ etwas Nachdenklichkeit in der letzten Mimik?

Sie hat nicht mehr viel Zeit; das bedeutet gar nichts und doch so viel, und weil sie immer alles selbst geregelt hat, wird sie auch ohne ihren Sohn gehen. Wenn ihre Auszeit, das Verweilen auf der imaginären Brücke lang genug war, wird sie den großen Schritt wagen. Ohne seine Anwesenheit, um ihn zu schützen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so kommen wird, aber ich sage es ihm nicht, denn ich könnte mich irren, und dieses Gefühl ist nur ein Gefühl und keine Wissenschaft. Er aber braucht jetzt ein anderes Gefühl, das Gefühl, dass es einen Sinn hat, was er hier macht, denn darin ist er so unerfahren wie wir alle, und er kann nicht irgendwo nachlesen, was er jetzt und hier tun sollte, was gut ist für ihn, geschweige denn für seine Mutter.

Das ist unser Alltag, ein lernendes Miteinander von Lebenden, von Sterbenden, und von Gegangenen, deren Spuren geblieben sind. Und immer wieder geht es schlicht und einfach „gut“, auch dank einer wunderbaren, manchmal atemberaubenden Medizin mit ihren basalen Stimulationen und Schmerzpumpen. Und es geht ganz ohne professionelle Anleitung zum klinischen Sterben, ohne qualitätssichernde Maßnahmen für ein Sterben in Würde und ohne normierte Kriterien für Lebensqualität am Lebensende.

Als ich später am Abend meinen Kittel abstreife, bin ich zufrieden, ich habe etwas gelernt. Es wird mein eigenes kleines Leben nicht revolutionieren, aber der kräftige Händedruck des Angehörigen, als wir das Zimmer seiner Mutter verlassen haben, und sein ehrlich gemeintes „Danke“ geben mir Kraft und nähren meine Hoffnung, dass das Leben unser größtes Geschenk ist, das von uns im Miteinander ganz wunderbar getragen werden kann, bis zum letzten Atemzug.

p(autor). Angelika Berg

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. November 2007 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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