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1. November 2007

Kunst als Pilgerort

p(einleitung). Museen und Theaterhäuser können für Menschen zu „Kultur-Tempeln“ werden. Statt über die Religionsferne der Kunst zu klagen, sollten die Kirchen den Dialog als Bereicherung zu sehen.

!(rechts)2007/11/seite07_rechts.jpg(David Schnell ist seit Juni Pfarrer für Stadtkirchenarbeit am Museumsufer. Zuvor war er Gemeindepfarrer am Frankfurter Berg. | Foto: Rolf Oeser)!

Für viele Menschen wurde in diesem Jahr Kassel zu einer Art „Pilgerziel“: Die alle fünf Jahre stattfindende „documenta“ als umfassende Präsentation von Gegenwartskunst ist ein unverzichtbarer Termin für viele Kunstinte­ ressierte. Andere „wallfahren“ alljährlich nach Bayreuth oder in die Mozartstadt Salzburg, um die dortigen Festspiele zu genießen – soweit sie zu den „Auserwählten“ gehören, die Tickets für diese Ereignisse ihr eigen nennen können.

Aber wir müssen gar nicht über die Stadtgrenzen Frankfurts hinaus schauen, um auf die Verbindung von Religion und Kultur zu stoßen: In der hiesigen großen Gemäldegalerie, dem Städel, ist in einigen Sälen der Fußboden so ausgelegt, dass er an Steinfußböden in alten Kirchen erinnert. Gerade in einem Saal, in dem der große Passionsaltar von Hans Holbein dem Älteren aus dem Dominikanerkloster, dem heutigen Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, zu sehen ist, erscheint dies auch sehr angemessen. Und im Museum für Moderne Kunst besitzt die zentrale Halle in der Mitte des Gebäudes, die sich über mehrere Stockwerke erstreckt, eine Aura, die sich auch für ein modernes Kirchengebäude nutzen ließe.

Nun sind es aber nicht nur die Gebäude, sondern vor allem die Menschen, die die Museen der Stadt zu Pilgerzielen werden lassen. Vielen ist es ein Bedürfnis, regelmäßig ein Museum zu besuchen, es gehört ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Andere möchten sich immer wieder ein bestimmtes Kunstwerk anschauen, weil es ihnen auf einzigartige Art und Weise Trost, Halt oder Sinn zu stiften vermag. Wieder andere können sich ein Leben ohne regelmäßige Theater- oder Opernbesuche nicht vorstellen.

!(kasten)2007/11/seite07_unten.jpg(Dass Kunst und Religion sich gegenseitig bereichern, lernten auch die Kinder der Kindertagesstätte „Sternschnuppe“ der Dreifaltigkeitsgemeinde in der Kuhwaldsiedlung: In strahlend bunten Farben bemalte die Künstlerin Bettina Claude-Uljarevic eine große Betonwand, die die Kita von der Straße abschirmt. | Foto: Rolf Oeser)!

Oft entdecken gerade diejenigen, die sich selbst als nicht sonderlich religiös oder gar kirchlich bezeichnen würden, die Kunst als Pilgerort. In der Begegnung mit der Kultur treffen sie auf vermeintlich längst abgelegte religiöse Erinnerungen, Empfindungen und Bedürfnisse. Dies ist auch kein Zufall, denn Religion und Kunst sind quasi gemeinsam entstanden: Einerseits ist aus dem religiösen „Kultus“ die Kultur hervorgegangen, anderseits ist ohne Kultur Religion kaum vorstellbar und praktizierbar. Religion und Kultur sind Geschwister!

Geschwister, die zugegebenermaßen ihre eigenen Wege gehen, manchmal auch entgegengesetzt und in Spannung zueinander stehen. Es ist wenig hilfreich, dieses Spannungsverhältnis polemisch anzuklagen, so wie es jüngst der Kölner Kardinal Joachim Meisner getan hat. Bei der Einweihung eines Kunstmuseums im Kölner Dom bezeichnete er Kunst, die sich von der Gottesverehrung abkoppelt, als „entartet“. Nicht nur ist der Gebrauch dieses Wortes, das auch die Nazis benutzten, als sie jegliche kritische Kunst vernichteten, höchst problematisch und geschmacklos. Solche Grenz­ ziehungen übersehen auch die Chancen, die in dem Spannungsverhältnis von Kultur und Religion liegen. Beide können in einen fruchtbaren Dialog treten, wenn Berührungspunkte, gegenseitige Befruchtungen, aber auch kritische Anfragen ernst genommen und diskutiert werden.

Im Frankfurter Stadtkirchenpfarramt Museumsufer geht es darum, solche Begegnungen zu ermöglichen, zum Beispiel bei Führungen oder mit Begleitprogrammen zu aktuellen Ausstellungen in den Museen oder in entsprechenden thematischen Gottesdiensten. Dabei soll der Dialog zwischen Menschen aus kirchlichen und kulturellen Zusammenhängen ermöglicht werden, Begegnungen von Menschen, die ganz bewusst auf einer kurzfristigen oder ständigen Pilgerfahrt in die Museen und kulturellen Einrichtungen unserer Stadt unterwegs sind und Menschen, die vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie in gewissem Sinne auch Pilgerinnen und Pilger sind.

Es lohnt sich, der Neugier auf eine spannende, bereichernde und neue Perspektiven öffnende „Wallfahrt“ zu den kulturellen Schätzen in Frankfurt nachzu­ gehen.

p(autor). David Schnell

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. November 2007 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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