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1. Dezember 2007

„Ein Fall von spontaner Sympathie“

p(einleitung). Wie die Medizinstudentin Emine Günes in Niederrad einen Opa gefunden hat und der Rentner Siegfried Dietze eine Enkelin, die nicht nur seinen Haushalt in Schuss hält und sich für ihn mit der Krankenkasse auseinandersetzt, sondern auch gerne über Gott und die Welt diskutiert.

„Die Geschichte von Emine und Herrn Dietze“ wäre guter Stoff für einen Roman über die staunenswerten Seiten des Alltags. Er handelte von Neugier und Weltoffenheit, von zwei Menschen, die keine Gräben zwischen Kulturen, Religionen und Generationen ziehen. Nach der Lektüre würde man vielleicht denken: „Ist ja ganz nett, aber von der Wirklichkeit weit entfernt.“ Ist es aber nicht. Denn Emine Günes und Siegfried Dietze sind keine erdachten Figuren. Sie leben in Frankfurt-Niederrad.

!(kasten)2007/12/seite09_oben.jpg(Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber trotzdem auf derselben „Wellenlänge“ sind: Siegfried Dietze und Emine Günes. Zur Zeit studieren die beiden gemeinsam ein Buch über Anatomie. | Foto: Rolf Oeser)!

Der Zufall hat sie Anfang des Jahres zusammen gebracht: Weil der an Parkinson erkrankte Siegfried Dietze mit seinem Haushalt kaum mehr zu Rande kam, hatte er sich an das „Ökumenische Hilfenetz“ gewandt, eine Initiative der beiden Kirchengemeinden im Stadtteil. Die schickte ihm die Medizinstudentin Emine Günes mit dem Auftrag vorbei, seine Wohnung auf Vordermann zu bringen und jede Woche für zwei Stunden nach dem Rechten zu sehen.

Inzwischen ist aus der Bleibe des allein stehenden Seniors ein wohnliches Zuhause geworden. Um die anfallende Hausarbeit kümmert sich Günes nach wie vor. Allerdings überschreiten ihre Besuche längst jenes Maß, das im Rahmen des Hilfenetzes vergütet wird. Denn die 26-Jährige hat mit ihrem Nebenjob zugleich auch einen „Opa“ gefunden. „Zwischen uns hat es gleich gefunkt“, witzelt Emine. Es sei ein Fall von „spontaner Sympathie“ gewesen.

Siegfried Dietze habe sie nicht nur „warmherzig aufgenommen“, sie sei von seiner gesamten Persönlichkeit beeindruckt gewesen, erzählt Günes. Er interessiere sich für vielerlei Themen, sei unglaublich belesen und ohne Vorurteil. Dass sie eine Muslima ist, die Kopftuch trägt, habe für ihn überhaupt keine Rolle gespielt. Außerdem besitze er mit seinen 78 Jahren „ein super Gedächtnis“ und sei „voll auf dem Stand der Zeit“. Wenn sie zu ihm komme, gebe es deshalb immer viel zu diskutieren. Über aktuelle Ereignisse, über Christentum und Islam, über Gott und die Welt. Sie habe in seinem Bücherregal sogar eine Ausgabe des Koran entdeckt.

Inzwischen weiß Emine Günes auch den Grund für den in deutschen Seniorenhaushalten eher unüblichen Lesestoff: Die Heirat zwischen einem Muslim und der ehemaligen Pfarrerin der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Während manche Gemeindemitglieder der Theologin den Schritt verübelten, wollte Dietze es genauer wissen. Er beschäftigte sich mit den Lehren des Islam und verteidigte seine Pfarrerin.

Dass ihm Engstirnigkeit schon immer zuwider war, glaubt man sofort. Dass der aufgeweckte Mann weder einen richtigen Schulabschluss noch eine ihm gemäße Berufsausbildung besitzt, dagegen kaum. Siegfried Dietze kann da nur mit den Schultern zucken. Der Zweite Weltkrieg kam ihm eben dazwischen. Er hat seine Wissbegierde dann selbst gestillt und sich den Lebensunterhalt mit allen möglichen Jobs verdient: Als Gartenbauer und Furnierer, als Fliesenleger, Fährmann und Kunststoffspritzer. Dafür ist er im Leben viel herumgekommen und reich an Erfahrung. Vielleicht wirkt er deswegen oft fast lausbubenhaft jung. Seine silbergrauen Haare und die wachen Augen lassen gezähltes und gefühltes Alter weit auseinanderdriften.

Nachdem er jahrelang auf Achse war, ist der gebürtige Potsdamer Anfang der 1980er Jahre in Frankfurt gestrandet. Bis zum vergangenen Jahr gehörte er zum Wachdienstpersonal eines ortsansässigen Unternehmens. Würde es sein Leiden erlauben, wäre Dietze noch heute dort. Arbeiten habe ihm „immer großen Spaß“ gemacht.

Inzwischen aber hat die Parkinson-Erkrankung den Oberkörper des einst 1,86 Meter großen Mannes fast in die Waagrechte gebeugt. Dietze ist froh, dass der Kopf noch gut funktioniert. Den trainiere er auch jeden Tag. Zur Zeit mit einem Buch über Anatomie, das er gemeinsam mit Emine Günes studiert. Sie säßen gerade am Kapitel über die Organe. Zudem lese er viel Zeitungen und verfolge im Fernsehen Dokumentationen und Berichte. Es ärgere ihn aber immer wieder, dass „viele Leute schlecht recherchieren“. Seine Aufmerksamkeit bescherte ihm schon einen Dankesbrief des inzwischen verstorbenen Historikers Joachim Fest: Im Vorabdruck von dessen Hitlerbiografie war Dietze auf eine falsche Datumsangabe gestoßen und hatte Fest darauf aufmerksam gemacht.

Dietzes fundierte Kenntnisse werden auch von Emine Günes geschätzt. Über die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte habe ihr Dietze mehr erzählen können als die Lehrer in der Schule. Durch ihren Wahl-Opa lernt die angehende Ärztin auch frühzeitig die Tücken des Gesundheitssystems kennen. Weil die Krankenkasse seinen Antrag auf ein medizinisches Bett negativ beschieden hat, sei sie „stinkesauer“ und schlage sich derzeit mit den zuständigen Stellen herum. Auch einen Rollstuhl will Emine beschaffen. Denn Dietze komme ohne Hilfsmittel ja gar nicht mehr raus. Sie würde gerne wieder mal mit ihm spazieren gehen oder ihn mit in die Mensa nehmen. Dort zu essen habe ihm gut gefallen.

Warum sie das alles macht? „In der türkischen Kultur ist es selbstverständlich, sich um ältere Menschen zu kümmern“, ist Emines knapper Kommentar zu dieser Frage, und außerdem habe sie ihren „Opa“ eben wirklich gern.

p(autor). Doris Stickler

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2007 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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