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1. Februar 2008

Eine schwierige Entscheidung

p(einleitung). Viele Menschen mittleren Alters stehen plötzlich vor der Frage: Wie soll mein alter Vater, meine gebrechliche Mutter gepflegt, versorgt, betreut werden? Zwischen moralischen Ansprüchen, Zweifeln und handfesten Hindernissen hilft nur eins: Pragmatismus und ehrlich zu sich selbst sein.

Zwei Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Zwei Drittel von ihnen werden zu Hause gepflegt. Diese Zahlen sind Schätzungen der Pflegeversicherung. Niemand weiß genau, wie viele kranke, behinderte und alte Menschen tatsächlich jeden Tag beim Waschen und Ankleiden, beim Aufstehen und Niederlegen, beim Essen und Trinken und vielen anderen Verrichtungen auf Hilfe angewiesen sind.

!(kasten)2008/02/seite03_mitte.jpg(Demenziell erkrankte Menschen sind zwar oft noch körperlich fit, müssen aber rund um die Uhr betreut werden. Wenn die eigenen Eltern pflegebedürftig werden, stehen viele Menschen vor der schwierigen Frage, wie das Leben von nun an für alle Beteiligten gut gestaltet werden kann. | Foto: epd-Bild / Steffen Schellhorn)!

Wer sich nicht mehr alleine versorgen kann, wer nicht mehr kochen und waschen kann, wer die eigene Körperpflege nicht mehr bewältigt, braucht Hilfe. Die Rollen kehren sich um: Wo früher die Eltern für ihre Kinder da waren, müssen diese nun Verantwortung übernehmen. Im besten, aber wohl auch ziemlich seltenen Fall haben Kinder und Eltern schon vorher gemeinsam geklärt, wie diese Hilfe aussehen und wo sie angeboten werden soll. Viele Menschen mittleren Alters stehen aber oft sehr plötzlich vor der Frage: Wie soll mein alter Vater, meine gebrechliche Mutter gepflegt, versorgt, betreut werden? Die Antworten darauf sind so individuell wie die Menschen, die es betrifft. Und sie lassen sich in gesellschaftlich akzeptierte und gesellschaftlich geächtete einteilen.

Wer sich entscheidet, selbst zu pflegen, erntet zwar einerseits Anerkennung, versinkt aber oft gleichzeitig in einer gesellschaftlichen Grauzone. Denn Pflege zu Hause bedeutet eine starke Anbindung ans Haus. Wer Angehörige pflegt, kann nicht mehr so einfach ausgehen und an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, was leicht zur Isolation führen kann. Dabei hängt das Ausmaß der Einschränkungen stark von der Art der Pflegebedürftigkeit ab und ist für Außenstehende oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen: Zum Beispiel kann ein Mensch, der körperlich noch fit ist, aber schwer dement, mehr Zeit beanspruchen als ein bettlägeriger, schwer pflegebedürftiger Mensch.

Wer sich wiederum gegen die Pflege im eigenen Haus entscheidet und seinen Vater oder seine Mutter „ins Heim gibt“, gilt vielen als egoistischer Unmensch. Andererseits bleibt er aber gesellschaftlich eingebunden. Und schließlich gibt es dann noch die Lösung
„Polin“, also das Engagement einer Hilfskraft aus Osteuropa, die für weniger Geld als heimische Pflegedienste (aber nicht immer legal) manch einem alten Menschen den Verbleib in der eigenen Wohnung ermöglicht. Keine dieser Lösungen ist wirklich befriedigend. Zwar haben sich die äußeren Bedingungen der Pflege in den letzten Jahren in mancher Hinsicht verbessert, dennoch mangelt es noch an vielen Stellen. Erst allmählich ist zum Beispiel ins Bewusstsein der Politik und der Öffentlichkeit gerückt, dass die Pflege demenzkranker Menschen ein große zeitliche und psychische Belastung darstellt, auch oder gerade wenn die kranke Person noch mobil ist. Oft bieten hier kirchliche oder private Initiativen mit ehrenamtlichen Betreuungen mehr Entlastung als ein Pflegedienst, der an zeitliche Module gebunden ist.

Wie also entscheiden? Es ist nicht einfach, unbeeinflusst von den vorherrschenden Bildern und Vorurteilen eine eigene Entscheidung zu treffen. Und doch kann nur diese richtig sein.

Wichtig ist, dass man mit sich selbst ehrlich umgeht. Letztlich geht es darum, die Bedürfnisse aller Beteiligter abzuwägen. Auch die gründlichste Information über mögliche und vorhandene Hilfen, über Pflegeversicherung und Krankenkassenleistungen kann diese Prüfung der eigenen Fähigkeiten und Motivation nicht ersetzen.

Sachlichkeit und harte Fakten stehen dabei neben Wünschen, Ängsten und familiären Bedingungen, die Außenstehende kaum verstehen und nachvollziehen können.

p(autor). Lieselotte Wendl

h3. Buchtipps

h4. „Wie ich für die Eltern sorge“

Mit dem Thema Pflege kennt sich die „Evangelisches Frankfurt“- Autorin Lieselotte Wendl aus, denn über viele Jahre hat sie ihre Eltern zunächst gepflegt und später im Pflegeheim begleitet. Sechs Jahre lang war sie als gesetzliche Betreuerin für ihre demente Mutter verantwortlich. Nützliche Informationen und Ratschläge für den „Fall der Fälle“ hat sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Jutta Perino in einem Buch zusammengestellt: „Wie ich für meine Eltern sorge“ ist 2007 im Kaufmann-Verlag erschienen (14,90 Euro).

h4. „Vorsicht, alte Erinnerungen!“

Konrad Lang, Mitte sechzig, stellt aus Versehen seine Brieftasche in den Kühlschrank. Bald vergisst er den Namen der Frau, die ihn heiraten will. Je mehr er vergisst, desto mehr kommen früheste Erinnerungen wieder hervor. Was eine millionenschwere alte Dame äußerst beunruhigt… In seinem Roman „Small World“ mischt Martin Suter geschickt eine Krankengeschichte mit einer Kriminalstory – Lesevergnügen nicht nur für Krimifreunde (Diogenes, 9,90 Euro).

p(hinweis). Von beiden Büchern verlost „Evangelisches Frankfurt“ jeweils fünf Exemplare. Bei Interesse einfach E-Mail, Fax oder Postkarte an die Redaktion schicken und darauf den Buchwunsch und die Adresse vermerken. Die Kontaktdaten finden Sie im „Impressum“:http://www.evangelischesfrankfurt.de/impressum.

p(hinweis). *Nachtrag:* Über einen Buchgewinn aus der Verlosung zum Thema Demenz können sich fo­ l­ gende Gewinnerinnen und Gewinner freuen: Brunhilde Breit, Margrit Collischonn, Daniela Jakob, L. Fischer, Judith Kirmeier-Brandt, Karin Lugert, Reinhild Scheerer, Monika Schilling, Petra Schönknecht und Reiner Zimmermann.

h2. Tipps und Adressen zum Thema Pflege

Bei der Vielzahl von Hilfen für pflegende Angehörige fällt es nicht leicht, die richtigen auszuwählen. Oft muss man sich durch einen Dschungel von Bestimmungen kämpfen und sich mit Institutionen und Behörden, Pflege- und Krankenkassen auseinandersetzen. Dabei sollte man alle Hilfen in Anspruch nehmen, die es gibt – vor allem, wenn man sich dafür entscheidet, selbst zu pflegen. Neben den professionellen Pflegediensten leisten freiwillige Helferinnen und Helfer unschätzbare Dienste. Oft bringen gerade Ehrenamtliche ein offenes Ohr für die Nöte und Sorgen mit und tragen auch dadurch dazu bei, den Pflegealltag zu bewältigen. Auch der Austausch mit anderen, etwa in Gesprächsgruppen für pflegende Angehörige, kann eine große Entlastung sein. Pflegende Angehörige können zudem in ihrer Kirchengemeinde nach Hilfen fragen. Viele Gemeinden unterhalten Besuchsdienste oder andere ehrenamtliche Angebote, die stundenweise Entlastung bieten.

Legen Sie sich ein Buch an, in dem Sie alles eintragen und festhalten, was im Zusammenhang mit der Pflegebedürftigkeit Ihrer Eltern wichtig ist. Am besten geeignet ist ein Ringbuch. Da hinein gehören sämtliche Adressen von behandelnden Ärzten und der Pflegedienste und Informationen über die regelmäßig einzunehmenden Medikamente. Auch die Telefonnummern vom Notdienst für die Heizung oder von guten Freunden und Nachbarn sollten nicht fehlen. Tragen Sie ein, wo wichtige Papiere liegen, welche Konten es bei welcher Bank gibt und welche Mitgliedsbeiträge zu bezahlen sind. Denken sie auch an eher nebensächliche Dinge, die Ihren Eltern wichtig sind. Schreiben Sie zum Beispiel auf, wie die Topfpflanzen zu pflegen sind, welche Musik Ihr Vater gerne hört, oder welche Filmschauspieler Ihre Mutter am liebsten sieht. Es erleichtert allen Pflegenden und Helfern die Betreuung, wenn sie wissen, was den Betreffenden Freude macht.

Bei häuslicher Pflege helfen ambulante Pflegedienste, zum Beispiel die Diakoniestationen, deren Dienste als „Sachleistungen“ über die Pflegeversicherung abgerechnet werden können. Auskünfte gibt das Evan­ gelische Pflegezentrum (Telefon 25 49 20), das in allen Fragen der Pflege berät, auch speziell zur Betreuung von Menschen mit demenziellen Erkrankungen. Die Diakonie unterhält zudem Wohngemeinschaften, in denen auf die besonderen Bedürfnisse der demenziell erkrankten Menschen Rücksicht genommen wird. Nähere Informationen auch im Internet auf der „Homepage der Diakonie“:http://www.diakonischeswerk-frankfurt.de und des „Frankfurter Forums Altenpflege“:http://www.ffa-frankfurt.de.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Februar 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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