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1. Februar 2008

Kein Respekt vor der Justiz

p(einleitung). „So können Jugendliche kein Unrechtsbewusstein entwickeln“

Das Phänomen der Jugendgewalt ist nach Ansicht von Stadtjugendpfarrer Jürgen Mattis vor allem eine Folge „mangelnder professioneller Reaktionsfähigkeit der Gesellschaft“. Das Problem seien nicht die Gesetze, die ein ausreichendes und differenziertes Instrumentarium böten, sondern vielmehr fehlende Kapazitäten, diese Möglichkeiten auch anzuwenden: Gerichtsverfahren zögen sich zu lange hin oder würden bei geringeren Delikten wie Einbruch oder Diebstahl gleich ganz eingestellt. Wenn Jugendliche wegen einer Straftat verurteilt werden, könnten sie ihre Strafe wegen zu voller Gefängnisse oft nur mit erheblicher Verzögerung antreten. Müssen sie Arbeitsstunden ableisten, fände sich oft niemand, der diese Arbeit überhaupt will. Wird ihnen ein Anti-Aggressionstraining verordnet, müssten sie darauf drei oder vier Monate warten.

„Auf diese Weise haben die Jugendlichen kaum eine Chance, ein Unrechtsbewusstsein zu entwickeln“, kritisiert Mattis. „Sie haben oft keinen Respekt vor dem Rechtsstaat, weil sie den Eindruck haben, dass man sich sowieso nicht um sie kümmert.“ Es sei zu spät, wenn die Gesellschaft erst im Fall von brutaler Gewalt Reaktionen zeige und nach „Härte“ rufe. „Die betreffenden Jugendlichen haben dann ja schon eine Geschichte hinter sich“, so Mattis.

Dabei sei die Jugendgewalt auch in Frankfurt keineswegs ein neues Phänomen. „In den neunziger Jahren hatten wir das Problem der Jugendgangs in Bornheim oder im Gallusviertel und Griesheim.“ Heute seien neue Formen der Gewalt unter Jugendlichen zu beobachten. „Da gibt es Demütigungsrituale auf dem Schulhof, die mit dem Handy gefilmt werden und dann im Internet kursieren“, berichtet Mattis, „ein Gewaltphänomen, das breitere Schichten erfasst und sich auch in Gymnasien ausbreitet.“ Das Hauptproblem sei aber „ein extremer Prozess der Verarmung“ in den letzten zehn Jahren. „Es gibt einen wachsenden Kreis von Jugendlichen, die auf Dauer destabilisiert sind, weil sie keinerlei Perspektive haben.“

Der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt bemüht sich mit offenen Jugendhäusern und anderen Angeboten, hier pädagogisch zu wirken. Zum Beispiel mit einer „Agentur für ge­ meinnützige Arbeitsstunden“, die es jugendlichen Straftätern ermöglicht, ihre Arbeitsstunden abzuleisten. „Das ist eine personalintensive Arbeit, weil ständige Betreuung notwendig ist“, so Mattis. „Allerdings bekommen wir dafür keine öffentlichen Gelder, das wird aus Eigenmitteln bezahlt.“ Ein anderes Beispiel ist der Täter-Opfer-Ausgleich, bei dem Gewalttäter mit ihren Opfern konfrontiert werden, „damit sie überhaupt mal ein Gefühl dafür bekommen, was sie da gemacht haben.“ Die Landesmittel für den Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendstrafrecht seien allerdings im Zuge der „Operation sichere Zukunft“ von der Koch-Regierung gestrichen worden..

p(autor). Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Februar 2008 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Harry Lutz schrieb am 7. Februar 2008

    Gut, dass Jugendliche mit einfühlsamen Jugendpfarrern wie J.Mattis gesegnet sind, dem beim „Problem Jugendgewalt“ zielsicher einfällt, dass diese zur charakterlichen Festigung zuvörderst eine Frage zügiger gerichtlicher Aburteilung sind. Respekt: Geistlicher Beistand bei der zupackenden Arbeit irdischer Autorität – ob der Herr Pfarrer diesen gutgemeinten „Tipp“ wirklich von „oben“ empfangen hat!?

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