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Von – 1. Februar 2008

Leben ermöglichen bis zuletzt

Die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe seitens der Kirchen verärgert manche und ruft Widerspruch hervor. Bei diesem Streit geht es im Kern um das Menschenbild, also um die Frage, wie die menschliche Freiheit und Selbstbestimmung vor dem Angesicht Gottes zu verstehen ist. Denn nach christlicher Überzeugung können Menschen nicht beurteilen, wann ein Leben „sinnlos“ geworden ist.

Kurz vor seinem Tod habe ich den Schauspieler Joseph Offenbach als „Hauptmann von Köpenick“ auf der Bühne gesehen. Das ist jetzt über 35 Jahre her, doch noch immer ist mir eine Szene unvergesslich: Auf der riesigen Bühne des Frankfurter Schauspielhauses stehen nur ein Bett und ein Stuhl, von einem Lichtstrahl erhellt. Im Bett liegt ein schwerkrankes Mädchen, daneben sitzt Offenbach in seiner Rolle als arbeitsloser Schuster Voigt, der sich später als Hauptmann verkleiden und das Rathaus von Köpenick besetzen wird. Die tragische Szene steht in krassem Widerspruch zu den vielen lustigen Elementen der Komödie. Der arbeitslose Schuster, gerade aus dem Gefängnis entlassen, kümmert sich um die sterbende Untermieterin und liest ihr das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vor. Jene Geschichte von den vier Tieren, die alt und krank sind und vom Tode bedroht werden. Doch ihr Blick ist auf das Leben gerichtet: „Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden!“ liest er vor, muss innehalten, die Stimme versagt, er muss die Brille abnehmen, sich über die Augen wischen.

Zwei, die Angst haben, wie es weiter gehen wird. Alleine auf der leeren Bühne. Und obwohl sie nichts verstehen von dem, was ihnen widerfährt, und sie keinen Sinn erkennen, strahlt diese Szene paradoxerweise eine unglaubliche Kraft aus. Einer sitzt am Bett einer Sterbenden, er weiß keine Antworten auf die Fragen, die ihm von dem Mädchen gestellt werden. Er bleibt sitzen und trotzt mit dieser mitmenschlichen Haltung der Kälte dieser leeren Todes-Bühne.

Märchen sind gegen den Tod geschrieben. Der Blick wendet sich. Der bevorstehende Tod wird nicht verleugnet, doch zugleich die Aufgabe formuliert: Leben ermöglichen bis zuletzt. Das ist ein Leitmotiv für viele, die sich in der Palliativ- und Hospizbewegung engagieren und Schwerstkranke und Sterbende begleiten. Es zieht sich auch als roter Faden durch die Stellungnahmen der christlichen Kirchen, die sich klar und eindeutig gegen die aktive Sterbehilfe aussprechen. Dabei verschließen sie nicht die Augen vor der Realität und reden nichts schön, wenn es etwa heißt: „Es gibt Formen des Sterbens und des Todes, denen gegenüber wir machtlos sind, wo wir nur noch wenig oder nichts mehr tun können, zum Beispiel, wenn wir bei einem qualvollen Sterben zugegen sind.“ Deshalb wird beständig gefordet, jedem Sterbenden so viel medizinische, schmerztherapeutische, menschliche und spirituelle Zuwendung zukommen zu lassen, wie er braucht.

Es ist nicht nur das fünfte Gebot („Du sollst nicht töten“), das die Kirchen gegen eine aktive Lebensbeendigung anführen, auch dann, wenn sich der Schwerkranke das schnellere Ende selbst wünscht. Die Selbstbestimmung des Menschen ist nach biblischem Verständnis begrenzt, weil der Mensch nicht alles erfassen kann – und wer hätte nicht schon einmal die schmerzvolle Einsicht nach einer Entscheidung erlebt: „Wenn ich das gewusst hätte…!“ Der Mensch ist immer mehr, als er von sich selbst weiß, und als andere über ihn erzählen können. Kein Mensch kann genau wissen, was er für andere bedeutet. Deshalb können wir aus christlicher Sicht letztlich auch nicht beurteilen, ob das eigene Leben und Sterben „sinnlos“ geworden ist und aktiv beendet werden kann.

Doch könnte es nicht auch eine Ausnahme geben? Wer so fragt, darf nicht abgewiesen werden. Über Sterbehilfe wird immer wieder neu gestritten werden müssen, nicht nur mit Andersdenkenden, sondern – in einer besonderen Situation – vielleicht innerlich mit sich selbst. Und auch dabei sollte niemand allein bleiben müssen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2008 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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