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1. Februar 2008

Wenn Entsetzliches geschieht

p(einleitung). Sabine Brütting gibt Menschen bei Notfällen ersten Halt

Mitternacht. Es piepst. Sabine Brütting ist sofort hellwach. Sie stellt den Signalton ab und ruft die Feuerwehr an. Ein Mann ist gestorben, erfährt sie, ganz plötzlich. Wohl ein Herzinfarkt. Der Notarzt konnte ihn nicht reanimieren. Seine Frau steht unter Schock, ist jetzt ganz allein. Sabine Brütting, die zusammen mit einer Kollegin ein- bis zweimal im Monat 24 Stunden Rufbereitschaft hat, verständigt kurz ihre heutige Partnerin: Sie wird den Fall übernehmen, einen von fünf bis sechs im Jahr.

!(rechts)2008/02/seite02_oben.jpg(Foto: Rolf Oeser)!

Seit zweieinhalb Jahren ist Brütting eine von 35 ehrenamtlichen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern, die zur Stelle sind, wenn plötzlich jemand stirbt, auch bei Selbstmord und plötzlichem Kindstod, oder wenn die Polizei eine Todesnachricht überbringt. Die meisten von ihnen sind Pfarrerinnen oder Pfarrer, aber nicht alle: Sabine Brütting zum Beispiel ist von Beruf Gestalttherapeutin. Ihre Stimme ist warm und weich, auch in extremen Stress-Situationen strahlt sie Ruhe und Wärme aus, vermittelt Sicherheit.

Wenn sie zum Einsatzort kommt, liegt der Tote meist noch im Raum, nicht selten mit einem Beatmungsschlauch im Mund. Die Seelsorgerin trifft dann auf Menschen, die starr vor Schock sind, vom Weinen geschüttelt werden oder hektisch handeln. Viele stellen die Sinnfrage: „Warum musste das jetzt passieren? Warum mir?“ Andere fühlen sich schuldig: „Hätte ich früher einen Arzt rufen müssen? Warum habe ich nicht gemerkt, dass es meinem Mann so schlecht ging?“

„Die entsetzliche Situation kann ich nicht ändern“, sagt Sabine Brütting, „aber ich kann da sein, sie zusammen mit den Angehörigen aushalten. Und ich kann zuhören.“ Ihr Glaube hilft ihr dabei mindestens ebenso wie die Schulung in Gesprächsführung mit Traumatisierten, die sie bekommen hat, bevor sie das Ehrenamt übernahm. „Es gibt nicht auf alles sofort eine Antwort. Aber man kann das Schwere in eine andere Hand abgeben, ich auch.“

Die Notfallseelsorgerin bringt Ordnung in äußeres und inneres Chaos. Ist der Tote noch im Haus, deckt sie den Körper zu, zündet eine mitgebrachte Kerze an, spricht, wenn gewünscht, einen Segen. Und sie bittet den Bestatter, der vielleicht schon anwesend ist, noch etwas zu warten. Notfalls kann sie sehr bestimmt auftreten: „Etwas Zeit für einen würdigen Abschied muss sein. Viele Menschen sind heute nicht mehr sehr kirchlich, aber wenn sie plötzlich mit dem Tod konfrontiert werden, sind sie sehr dankbar für ein kleines Ritual.“ Später fragt sie, wer informiert werden muss und welche Angehörigen oder Freunde sofort kommen können, versucht aber auch herauszufinden, was dem Betroffenen aus sich heraus Kraft gibt. Sie geht möglichst erst, wenn jemand anders kommt.

Wieder zuhause, schreibt sie das Einsatzprotokoll, manchmal telefoniert sie mit ihrer Kollegin oder dem Leiter der Notfallseelsorge, Pfarrer Dieter Roos. „Nach einem Einsatz sofort ins Bett zu gehen, ist jedenfalls unmöglich. Meistens hilft es, etwas ganz Normales zu tun, um wieder im Alltag anzukommen: Kochen, spazieren gehen, Freunde treffen.“

Die gebürtige Königsteinerin engagiert sich seit zehn Jahren ehrenamtlich in der Kirche. „Als Therapeutin stelle ich ja immer meine Rechnungen – klar, ich muss ja davon leben – aber im Ehrenamt frage ich eben nicht, was ich dafür bekomme. Ich versuche einfach, für andere da zu sein und lebe so meinen Glauben. Das fühlt sich so sehr stimmig an.“

p(autor). Stephanie von Selchow

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Februar 2008 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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