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1. März 2008

Kirchliche Sozialarbeit statt Revolution

p(einleitung). Steigende Armut, verwahrloste Kinder, zerfallende Familien: Dem sozialen Elend seiner Zeit wollte Johann Hinrich Wichern nicht länger zuschauen – und wurde mit seinen Erziehungsheimen zum Begründer der Diakonie. In diesem Jahr feiert die evangelische Kirche seinen 200. Geburtstag.

Es war einer jener Abende im Jahr 1832, an denen der Sonntagsschullehrer Johann Hinrich Wichern seinem Tagebuch nur bloßes Entsetzen anvertrauen konnte: „Eine Frau (39 Jahre alt), nur mit einem Kattun-Leibchen und Rock bekleidet, zum Teil noch zerlumpt, so dass das bloße Fleisch heraussah. Marie (13), Louis (23), Heinrich (8) und August (10) sowie Naucke (5). Alle ohne Wäsche, blasse Gestalten, klappernd vor Hunger und Frost…“

!(kasten)2008/03/seite05_oben.jpg(Slums mitten in Deutschland: Die Industrialisierung stürzte viele Handwerksfamilien ins Elend – hier ein Holzschnitt von 1872. Vor diesem Hintergrund entstand die moderne christliche Diakonie. | Foto: epd-Bild)!

Wichern unterrichtete damals Arbeiterkinder im Hamburger Stadtteil Sankt Georg und sah, in welchen Verhältnissen sie lebten. Not hatte der Mann, der vor zweihundert Jahren, am 8. April 1808, geboren wurde und sich zur bedeutendsten sozialpolitischen Persönlichkeit der Diakonie entwickeln sollte, aber auch schon früh am eigenen Leib erfahren. Als fünfjähriger Junge erlebte Wichern die Flucht vor den französischen Besatzern; als er 15 war, starb ganz plötzlich sein geliebter Vater. Zurück blieb eine siebenköpfige Familie ohne finanziellen Rückhalt.

Wichern musste das Gymnasium verlassen und wurde Erziehungsgehilfe an einem Internat für höhere Stände. Darüber kam er mit wohlhabenden, frommen evangelischen Kaufleuten in Kontakt, die dem talentierten jungen Mann einen Schulabschluss und das Theologiestudium ermöglichten. Aber trotz wissenschaftlicher Ausbildung wurde aus Wichern kein Theoretiker. Er brannte da­ rauf, seinen Glauben praktisch umzusetzen.

Als Lehrer in Hamburg wird sein Wunsch, eine „Rettungsanstalt für sittlich verwahrloste Kinder zu gründen“ immer stärker. Das gelingt schließlich, als der Hamburger Jurist Karl Sieveking ihm eine Bauernkate in Hamburg-Horn zur Verfügung stellt: Das „Rauhe Haus“ wird zur Heimat für viele verarmte und schwer erziehbare Kinder – es existiert heute noch und ist inzwischen eine evangelische Stiftung mit zahlreichen diakonischen Aufgaben.

Nach den pädagogischen Ideen seines Zeitgenossen Johann Heinrich Pestalozzi schafft Wichern in seinem Erziehungsheim familienähnliche Strukturen aus kleinen Gruppen mit jeweils einem „Bruder“, der später „Diakon“ genannt wird, und dessen Funktion der eines Familienvaters ähnelt. Zwang als Mittel der Erziehung lehnt Wichern ab und unterstreicht stattdessen die „freie Persönlichkeit“ des Kindes. Und er erfindet Rituale, die Halt geben sollen. Das berühmteste ist das Anzünden der Kerzen am Adventskranz. Der ist damals noch ein hölzernes Wagenrad ohne Tannengrün, dafür mit 23 Kerzen ausgestattet: 19 roten für die Werktage und 4 weißen für die Sonntage.

!(rechts)2008/03/seite05_unten.jpg(Johann Hinrich Wichern weckte mit einer mitreißenden Rede beim Kirchentag in Wittenberg 1848 das Bewusstsein in der evangelischen Kirche, dass Sozialarbeit zu ihren ureigenen Aufgaben gehört. | Foto: epd-Bild)!

Das „Rauhe Haus“ arbeitet erfolgreich, doch angesichts der steigenden Massenarmut im Zuge der Industrialisierung scheint Wichern seine Erziehungsarbeit bald wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Dabei ist er ein entschiedener Gegner von politischenVeränderungsbestrebungen – Ideen wie Demokratie oder gar Kommunismus hält er für gefährlich, weil sie in seinen Augen Moral und Glauben zerstören. Wichern will stattdessen die Entchristlichung der Gesellschaft aufhalten, er fordert Mitleid und Barmherzigkeit.

Mit diesen Gedanken fährt er 1848 zum ersten Kirchentag nach Wittenberg, wo der Zusammenschluss der evangelischen Landeskirchen zu einem deutschen Kirchenbund beraten wird. Aus dem Stegreif hält Wichern eine 75-minütige Rede, die später als programmatisch für die moderne Diakonie gelten wird. Die revolutionären Unruhen der Arbeiterbewegung vor Augen fordert er die Kirche auf, Sozialarbeit endlich als ihre ureigene Aufgabe anzuerkennen: „Die rettende Liebe muss das große Werkzeug werden.“

Diese Rede ist der Auftakt zur Gründung eines deutschlandweiten „Centralausschusses“ für Diakonie. Seither – und bis heute – arbeiten viele diakonische Einrichtungen der evangelischen Kirche auf der Grundlage dieser Wurzeln. Wichern stirbt am 7. April 1881 in seiner Heimatstadt Hamburg.

p(autor). Stephanie von Selchow

h2. Für’s Helfen begeistern

p(einleitung). Auch für die moderne Diakonie ist die Beschäftigung mit Wicherns Ideen noch immer lohnend. Fragen an den Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt, Pfarrer Michael Frase.

Welche Vorstellungen Wicherns prägen die Diakonie bis heute?

bq. Wichern, das ist gelebte Nächstenliebe aus dem Zeugnis Jesu heraus, konkretes soziales Handeln, das auf die Probleme der jeweiligen Zeit eine Antwort findet. Während alte Menschen zur Zeit Wicherns meist noch in ihren Familien geborgen waren, stellt das immer mehr eine Herausforderung für die Diakonie dar. Deshalb engagieren wir uns heute verstärkt in Projekten für ältere Menschen.

War es nicht aus heutiger Sicht falsch, dass er politische Lösungen der Armutsfrage ablehnte?

bq. Er hat wohl nicht richtig durchschaut, dass die Armutskrisen und gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts ein strukturelles Problem waren, das handfeste wirtschaftliche und soziale Gründe hatte. Er war allerdings auch kein Politiker, sondern ein Erneuerer aus dem Glauben heraus, der in den vorgegebenen Strukturen sozial handelte. Faszinierend ist doch, welche Breite an Aktivitäten sein Impuls auslöste. Angeregt durch sein Vorbild gründeten sich überall Vereine, die sich um sozial Schwache kümmerten. Er hat es geschafft, Menschen in allen Schichten – vom Adel bis zum Kleinbürgertum – für soziales Handeln zu begeistern.

Warum lohnt es, sich mit Wichern zu beschäftigen?

bq. Weil man von ihm lernen kann, wie soziales Handeln heute erfolgreich gelebt werden kann. Die Beschäftigung mit Wichern motiviert, neue Wege diakonischen Handelns einzuschlagen. So planen wir zur Zeit etwas ganz Neues: eine Wohngemeinschaft für ältere Männer, die mit dem Alleinsein nicht zurecht kommen – so etwas hätte Wichern sicher gefallen.

p(autor). Interview: Stephanie von Selchow

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. März 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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