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1. Mai 2008

Kirchgang oft mit Hindernissen

p(einleitung). Überall Treppen, Rampen nur am Hintereingang, versteckte Toiletten: Eine aktuelle Studie zeigt, dass in vielen Kirchengebäuden Menschen mit körperlichen Einschränkungen erhebliche Hürden überwinden müssen. Angesichts der demografischen Entwicklung wird das immer brisanter.

„Damals waren die Alten eben noch in der Minderzahl“ sagt Richard Kaufmann trocken. Der ehemalige Kirchenvorsteher und gebürtige Eschersheimer erinnert sich noch, wie die Andreaskirche in der Kirchhainer Straße Ende der 1950er Jahre gebaut wurde. „Man hat sich schon etwas gewundert, wie das geplant wurde, aber das war halt so ein architektonischer Einfall, das hat man eben hingenommen.“

!(rechts)2008/05/seite06_oben.jpg(Steile Treppen muss überwinden, wer in die Andreaskirche in Eschersheim gelangen will. Menschen, die mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs sind, müssen immer erst andere um Hilfe bitten. | Foto: Ilona Surrey)!

Tatsächlich hat die Andreaskirche offenbar ein Treppenfanatiker geplant: Es gibt praktisch keine zwei Räume, die ohne Stufen miteinander verbunden sind. Doch auch um die Barrierefreiheit vieler anderer Kirchen ist es nicht gut bestellt. Dies hat eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Ulrike Geyer ergeben, die dafür 25 Gemeinden in Frankfurt untersucht hat: „Deutlich eingeschränkt“, sei die Möglichkeit für Menschen, die körperlich nicht ganz fit sind, an vielen Veranstaltungen teilzunehmen.

Elfriede Christ zum Beispiel war ihr Leben lang in der Andreasgemeinde aktiv. Doch jetzt ist die 78-Jährige gehbehindert, und das Treppensteigen wird ihr zu strapaziös. „Außerdem hat man in meinem Alter manchmal auch ein Toilettenproblem“, erzählt die aufgeweckte Frau am Telefon. Die Toiletten sind aber auch nur über viele Treppen zu erreichen. Irgendwie muss man sich das nicht antun, findet sie.

Schon beim Bau der Andreaskirche hat sich Elfriede Christ über die Konzeption gewundert: „Da waren doch nur Felder, das hätte man ruhig großzügiger planen können.“ Ihre Mutter habe schon damals über die vielen Treppen geschimpft. „Bei Taufen mussten immer die Kinderwagen die Treppe hoch geschleppt werden.“ Als ihre Mutter später im Rollstuhl saß, konnte Elfriede Christ sie nur noch zu den Sommerfesten in die Gemeinde bringen: Zum Innenhof sind es, immerhin, nur wenige Stufen.

Ulrike Geyer ist selbst Mitglied der Andreasgemeinde und hat beobachtet, dass viele ältere Menschen Probleme haben, am Sonntagmorgen in die Kirche zu kommen. „Und das, wo das Durchschnittsalter steigt.“ Angesichts der demografischen Entwicklung sieht sie in der unzeitgemäßen Architektur ein großes Zukunftsproblem für viele Gemeinden. Denn die meisten Kirchen in Frankfurt wurden zwischen 1950 und 1975 gebaut, als man auf Barrierefreiheit noch nicht geachtet hat.

Inzwischen sei das Problem erkannt, versichert Steffen Theil, Sachgebietsleiter in der Bauabteilung des Evangelischen Regionalverbandes. Doch angesichts der Neustrukturierung des kirchlichen Gebäude­ bestandes seien kurzfristige Lösungen schwierig. Die Andreasgemeinde zum Beispiel hat schon lange für einen Aufzug gesammelt und inzwischen 60000 Euro zusammen. Dass er dennoch nicht eingebaut wird, liege an komplexeren Planungen. Da gehe es um Gesamtkonzepte, so Theil, bei denen viele Details auf vielen politischen Ebenen einkalkuliert werden müssten. Auf einen Baubeginn könne daher frühestens 2010 gehofft werden.

!(rechts)2008/05/seite06_unten.jpg(Beim Umbau der Jakobskirche in Bockenheim wurde auf Barrierefreiheit geachtet. Auch mit Rollator kommt man hier überall hin. | Foto: Ilona Surrey)!

Das wäre dann auch höchste Zeit, meint Richard Kaufmann. Bislang lässt sich der 84-Jährige von den „fürchterlichen Treppen“, wie er sagt, noch nicht vom Gottesdienstbesuch abhalten. Er kenne sogar eine Frau, die den Aufstieg mit 89 Jahren noch schafft. „Ich kenne aber auch viele, die wegbleiben.“

Wie es anders gehen kann, sieht man in der Jakobskirche in Bockenheim. Seit ihrem Umbau im Jahr 2005 ist sie geradezu vorbildlich: Kirche und Gemeinderäume sind ebenerdig zugänglich, große Türen öffnen sich auch für Rollstühle und Kinderwägen, die wenigen Stufen auf dem Hof sind auf breiten Rampen umfahrbar. Überall gibt es Geländer, die verschiedenen Stockwerke sind mit einem prominent platzierten Aufzug erreichbar, es gibt Induktionsschleifen für Menschen mit Hörgeräten und geräumige Toiletten.

Anna Mählich freut sich, dass ihr die Teilnahme am Gemeindeleben auch mit Rollator keine Schwierigkeiten bereitet und sie nicht ständig um Hilfe bitten muss. Seit zwanzig Jahren wohnt die 87-Jährige in Bockenheim. Auf dem Weg zur Kirche kann sie zwischen einer kurzen, etwas steileren und einer langen, flachen Rampe wählen. „Ich gehe lieber den weiteren Weg, der andere ist mir zu anstrengend“, entscheidet sie.

Kein Wunder, dass sie in der Jakobsgemeinde viele andere aktive Menschen ihres Alters findet, überwiegend Frauen. Jeden Mittwoch treffen sie sich zu Kaffee und Kuchen, und dabei werden auch Ideen gesponnen. So war es ein ausdrücklicher Wunsch der Älteren, dass beim Umbau im Innenhof Bänke aufgestellt werden. Auf diese Weise ergibt eines das andere: Je besser das Haus auf die Wünsche älterer Menschen eingestellt ist, desto mehr von ihnen kommen, mischen sich ein, machen Verbesserungsvorschläge. Wobei sich in Bockenheim zeigt, dass das Engagement der Alten keineswegs die Jungen verschreckt, im Gegenteil. Auch jüngere Leute genießen nämlich den Komfort und die Offenheit einer barrierefreien Architektur, auch wenn sie nicht im gleichen Maße darauf angewiesen sind.

Allerdings konnte die gute Ausstattung der Jakobskirche nur mit Hilfe von außen realisiert werden: Teile der barrierefreien Infrastruktur wurden mit Geldern der Wilhelmine Tausend Stiftung finanziert. Die 1993 verstorbene Witwe eines Industriellen stiftete ihr Vermögen, um die Lebensqualität älterer Menschen in Bockenheim zu verbessern.

Andernorts müssen problematische Kompromisse gemacht werden, wie bei der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg. Das großzügige Konzept, das ursprünglich geplant war, erwies sich als zu teuer. Die „kleine“ Lösung jedoch sah den Aufzug erst in einem zweiten Bauabschnitt vor, doch wann der realisiert wird, ist noch völlig offen. Drei hohe Stockwerke muss nun überwinden, wer hier eine Veranstaltung besuchen will.

Ulrike Geyer hält das Thema Barrierefreiheit allerdings nicht nur für eine Frage des Geldes. „Es geht darum, ob man die Problematik im Bewusstsein hat“, ist sie überzeugt. Denn die ganz krassen Fälle sind eigentlich die Ausnahme. „Viele Gemeinden haben schon einiges getan, machen das aber nach außen nicht deutlich. Sie haben zum Beispiel einen Aufzug oder eine Rampe am Hintereingang, aber das ist für Ortsunkundige nicht erkennbar“, hat Geyer beobachtet.

Oder es gibt zwar Induktionsschleifen für Hörbehinderte, aber keine Hinweise darauf, wo man sich dafür am besten hinsetzen soll. Viel wäre also schon mit deutlich lesbaren Hinweisschildern gewonnen. „Das würde signalisieren, dass die Gemeinde die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ernst nimmt.“ Andernorts könnten geringfügige Veränderungen wie die Anbringung eines Geländers die Situation deutlich verbessern.

Und wenn gar nichts hilft, sei es immer noch besser, das Problem offen zu kommunizieren. Zum Beispiel könnte auf Veranstaltungsflyern, in der Gemeindezeitung oder im Internet ein Hinweis gegeben werden, ob die Räume barrierefrei zugänglich sind oder nicht. „Dann können sich die Betroffenen darauf einstellen“, sagt Geyer. „Meistens finden sich zwar hilfsbereite Menschen, die auch einen Rollstuhl die Treppen hoch tragen. Aber nicht jeder mag es, wenn die eigene Mobilitätseinschränkung so exponiert wird. Es ist wichtig, eine selbstständige Nutzung trotz Handicap zu ermöglichen.“

p(autor). Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Mai 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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