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1. Juni 2008

Kirchturm oder Minarett

p(einleitung). Ob in Köln oder Frankfurt: Die Diskussion über neue Moscheen und die Höhe von Minaretten wird höchst emotional geführt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat bereits klargestellt, dass trotz Gebäudeüberschuss Kirchen nicht in Moscheen
umgewandelt werden sollen.

Dass die Sichtbarkeit von Moscheen solch hohe Wogen schlägt, scheint auf den ersten Blick erstaunlich. Zumal die rechtliche Seite eigentlich klar ist – in Deutschland ist die Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert. Außerdem sind die eigentlichen „Herrschaftssysmbole“ der Städte längst nicht mehr die Türme von Sakralbauten, ob nun Kirchturm oder Minarett, sondern vielmehr die Hochhäuser großer Banken und Unternehmen.

!(rechts)2008/06/seite04_oben.jpg(Wer kann höher? Das ist dann doch wohl die falsche Frage. In Mannheim stehen Minarett und Kirchturm jedenfalls schon lange einträchtig nebeneinander. Schöne Moscheen könnten in deutschen Großstädten vielleicht bald schon touristische Attraktionen sein. | Foto: epd-Bild / Norbert Neetz)!

Mit dem „Kampf um die Türme“ beschäftigte sich im Mai eine Podiumsdiskussion in der Lutherkirche. Gelassen sah die Kölner Sozialdezernentin Marlis Bredehorst die derzeitigen Debatten. Was die geplante Großmoschee in Köln angeht, so prognostizierte sie, dass diese, einmal gebaut, schon bald zu einer Touristenattraktion für die Stadt werde.

Häufig stecke hinter der Wut über Minarette eigentlich Angst vor dem Islam – wobei dann meist auf dessen fundamentalistische Ausprägungen verwiesen werde. Diese Angst vor einer Gefährdung freiheitlich-demokratischer Grundwerte durch konservative religiöse Gruppen müsse man ernstnehmen, so der Soziologe Bernhard Schäfers von der Universität Karlsruhe.

„Fünf Prozent Angst und 95 Prozent Ressentiments“, vermutete hingegen Hanno Loewy, der Direktor des jüdischen Museums in Hohenems, bei den Moscheegegnern. Manche Christen wollten sich einfach nicht durch Minarette „vorführen“ lassen, dass die deutsche Gesellschaft nicht mehr sehr im Christentum verwurzelt ist. Diese „Identitätskrise des Christentums“, so Loewy, bereite den Boden für Rassismus und Rechtsradikalismus. Diese angespannte Stimmung ist wohl auch ein Hauptgrund, warum eine Umwidmung von Kirchen – von denen es nicht nur in Frankfurt mehr gibt, als gebraucht werden – zu islamischen Gotteshäusern sowohl von Seiten der Kirchen als auch der Moscheegemeinden derzeit abgelehnt werden. Auch wenn es aus theologischer Sicht unbedenklich wäre, ist es im gegenwärtigen Klima in der Öffentlichkeit nicht vermittelbar.

Dass es keineswegs darum gehe, Christen ihre Heimat streitig zu machen, betonte Ünal Kaymakci, der Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen. Seine Generation, die zweite Einwanderergeneration, sei in Deutschland geboren und wolle sich hier deshalb auch eine Heimat schaffen.

„Wer sich zuhause fühlt, taucht nicht in einer Parallelgesellschaft unter“, sagte Kaymakci. Es gebe aber auch eine „Bringschuld“ auf Seiten der Muslime, den Islam transparenter und offener zu machen – weshalb an der geplanten Moschee der Fatimagemeinde in Frankfurt-Hausen ein offenes Bistro vorgesehen sei.

Langfristig kommt wohl alles darauf an, wie sich der Islam in Deutschland weiter entwickelt, und wie dialogfähig die Beteiligten bleiben. Muslime nicht in Hinterhofmoscheen zu verbannen, sondern sie – als Zeichen gelebter Religionsfreiheit – beim Bau von schönen und offenen Moscheen zu unterstützen, ist dabei sicher der richtige Weg.

p(autor). Stephanie von Selchow

h3. Abschied vom „christlichen Abendland“

Statt vom „christlichen Abendland“ sollte künftig treffender vom „abrahamitischen Europa“ gesprochen werden, meint Jürgen Miksch, der Vorsitzende des Interkulturellen Rates in Deutschland.

Bei einer Veranstaltung Ende Mai in Frankfurt forderte Miksch, in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass verschiedenen religiöse Traditionen aus Christentum, Judentum und Islam Europa geprägt haben. Dies könne einer „interreligiösen Eiszeit“ entgegenwirken, die sich seiner Ansicht nach derzeit in Deutschland andeute.

p(autor). epd / Antje Schrupp

h2. Dürfen Kirchen zu Moscheen werden?

h3. Andreas Porzig (52), Eisenbahningenieur

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Kirchen, die der christlichen Gemeinde gedient haben, sind für diesen Zweck besonders geweiht worden. Es sind Gebäude, in denen christliche Gottesdienste, Taufen und Konfirmationen stattgefunden haben. Deshalb verbietet es sich, sie für islamische Riten oder andere Zwecke zu nutzen. Unsere Kirchen sind Stein gewordene Verkörperungen unseres Glaubens. Die Architektur, die künstlerische Ausgestaltung, lässt sich nicht einfach in eine andere Religion übersetzen. Wenn man einen solchen Ort für eine Moschee nutzen will, muss man die Kirche abreißen und eine Moschee neu bauen. Doch man muss auch den kulturellen Hintergrund eines christlich geprägten Landes sehen. Das Christentum ist hier mit seinen Wertorientierungen tief verwurzelt. Da kann man die Gebäude, die das symbolisieren, nicht einfach weggeben und beliebig für andere Zwecke nutzen.

h3. Christiane Boek (48), Lehrerin

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Leicht ketzerische Gegenfrage: Durften die ersten christlichen Kirchen auf Relikten von anderen Heiligtümern entstehen, wie es ja oft geschehen ist? Grundsätzlich finde ich, dass es kein Problem ist, eine Kirche zu einer Moschee umzuwidmen. Man muss aber genau hinschauen: Wo steht diese Kirche? Welche Menschen leben mit ihr? Ist sie ein lebendiges Zentrum des Glaubens oder eine Randerscheinung? Auf jeden Fall müsste eine Art „Aussegnung“ stattfinden, so dass die Christen, denen diese Kirche etwas bedeutet hat, sich angemessen von ihr verabschieden können. Das ist auch deshalb sehr wichtig, damit sie der neuen Moschee und den Muslimen, die sie besuchen, nicht feindlich gegenüberstehen. Und die neu entstandene Moschee muss natürlich auch wieder „eingesegnet“ werden. Wenn man also mit Augenmaß daran geht, finde ich es völlig in Ordnung.

h3. Myriam Tall (22), Studentin

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Es gibt einen Mangel an Kultstätten für die muslimische Gemeinschaft. Ihr eine Kirche einfach nur zu übertragen, würde aber Misstrauen auf beiden Seiten wecken. Ein Kirchenbau ist mit einem bestimmten Erbe und der Entstehungsgeschichte der Stadt verbunden. Darüber hinaus werden Kirchen oft von Friedhöfen umgeben, die Erinnerungen an die Vorfahren wach halten. Seitens der muslimischen Gemeinschaft kann es schwierig erscheinen, diesen „zweitklassigen“ Platz anzunehmen und kein selbstgebautes Gebäude zu haben. Dafür ist aber der Aufwand bei einer Umwidmung wesentlich geringer als bei einem Neubau. In einer Optik der Toleranz bietet die Benutzung einer Kultstätte für eine andere Gemeinschaft ein symbolisches Bild von Annäherung, ohne in eine Problematik des Triumphes des einen Glaubens über einen anderen zu geraten.

h3. Hartmut Mörchen (63), Unternemensberater

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Die Umwandlung einer Kirche in ein Gotteshaus einer anderen Religionsgemeinschaft wäre ein Glücksfall. Die Kirche hat die Aufgabe, ihr Geld bestmöglich zu verwalten. Die Bewirtschaftung überzähliger Immobilien gehört nicht dazu. Daher sollte man solche Immobilien bestmöglich unter Wahrung ethischer Grundsätze verkaufen. Dabei sollte die Religionsgemeinschaft zum Zuge kommen, die den höchsten Preis bezahlt. Auf die Inhalte der Verkündigung kommt es nicht an – hätte die Kirche selbst eine attraktive Verkündigung angeboten, wäre es ja nicht zum Leerstand gekommen. Auch gegen die Umwandlung in ein Straßenbahndepot, eine Turnhalle, ein Parkhaus ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings sollte der Verkauf dem Ansehen der Kirche nicht schaden. Die Umwandlung in eine Waffenfabrik zum Beispiel wäre schädlich.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Juni 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Stefan Rose schrieb am 16. Juni 2008

    Wenn man an Istanbul denkt, denkt man an die Hagia Sophia, ein imposanter Sakralbau, eine der bekanntesten Moscheen weltweit. Doch was die meisten hierbei vergessen: Erbaut wurde sie unter Kaiser Justinian, einem christlichen Kaiser, als Kirche. Erst unter der Türkischen Herrschaft wurde sie zu einer Moschee umgebaut. Und ist ganz gleich ob Kirchturm oder Minarett nach wie vor eine imposante Erscheinung und mittlerweile eine touristische Attraktion. Niemand stört sich dabei an der Frage, was sie einmal war, was sie ist oder was sie sein kann. Da stellt sich doch die Frage, ob es nicht langsam auch in Deutschland an der Zeit ist, dass nach dem Judentum auch der Islam in der Innenstadt angekommen ist und er nun dort, auf gleicher Höhe mit Kirche und Synagoge, auch seinen Platz zugesprochen bekommen sollte.

  • Wolf-Dieter Greiner schrieb am 23. Juni 2008

    Ich habe aus beruflichen Gründen lange in moslemischen Ländern leben müssen. Dort durfte ich erfahren, wie religiöse Toleranz in ihrer negativen Auswirkung praktiziert wurde. Nun tun sich in Europa immer mehr „Gutmenschen“ hervor, die das religiöse Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen, das multikulturelle Gehabe als Gewinn unserer Zeit hervor zu heben. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Irgendwann müssen auch die „Gutmenschen“ und auch die christlichen Kirchen erkennen, dass Europa immer mehr islamisiert wird. Wer heute nicht erkennen will, dass wir durch den Islam so langsam aber sicher kolonisiert werden, der verschließt sich eindeutig der Wirklichkeit. Wir haben keine Angst vor der Religion des Islam, wir fürchten einfach die immer mehr fortschreitende Islamisierung unserer Heimat. Ich persönlich möchte nicht, dass meine Urenkel eines Tages zu Allah beten müssen. Ihr Beitrag „Kirchturm oder Minarette“ ist ein typisches Beispiel unserer angepassten Denkweise. Es wird höchste Zeit, dass auch die christlichen Kirchen sich vom jetzigen Kuschelkurs gegenüber dem Islam in Europa abwenden.

  • Daniel Oehler schrieb am 9. Juli 2008

    Wo bleibt die Rücksichtnahme auf christliche Migranten?
    In Frankfurt gibt es viele Duzend christliche Gemeinden von Migranten, die sich den Bau eines Gotteshauses kaum oder gar nicht leisten können.
    Warum werden nicht zuerst diese gefragt?
    Mir scheint das bei der EKHN die Nähe zum Islam mit einer ökumeneschädlichen Ignoranz gegenüber anderen Konfessionen einhergeht.
    Beispiele:
    Die zum Abriss freigegebene Matthäuskirche wird von gleich mehreren Gemeinden benutzt. Für verstreute Migranten-Gemeinden wäre eine Kirche in Bahnhofsnähe ideal.
    Im Frankfurter Moscheestreit haben es die Pfarrer/Pfarrerinnen der EKHN nicht für nötig befunden, die christlichen Nachbarn des Baugeländes anzusprechen, sondern sich für den Moschebau gegenüber einer orthodoxen Kirche ausgesprochen, was in islamischen Ländern wie Ägypten allerorten als eine Machtdemonstration gegenüber den Christen üblich ist.

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