Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke

E-Mail

E-Mail

Über jeden neuen Beitrag informieren wir Sie mit einer Nachricht per Mail.

Aktuell

1. Juni 2008

Meister Eckhart war hier Prior

p(einleitung). Früher hieß sie Dominikanerkirche. Auf alten Stichen steht „Zun Predigern“, weil die Dominikaner ein Predigerorden waren. Seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ist es die (evangelische) Heiliggeistkirche. In diesem Jahr wird die Kirche des Dominikanerklosters 750 Jahre alt.

Wann die Heiliggeistkirche am Börneplatz tatsächlich eingeweiht wurde, weiß man nicht mehr. Aber verlässliche Zeugen datieren ihre Vollendung auf das Jahr 1258. Also darf in diesem Jahr das Jubiläum gefeiert und des schon vorher fertig gestellten Klosters gedacht werden, auch von der evangelischen Kirche, auch wenn die Gebäude achthundert Jahre katholisch und nur fünfzig Jahre evangelisch waren.

!(kasten)2008/06/seite06_oben.jpg(Die Heiliggeistkirche am Börneplatz zwischen Dom und Skyline: Mit ihren 750 Jahren ist die Kirche des Dominikaner­klosters eine der ältesten Kirchen in Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser)!

Manch Merk-Würdiges verbindet sich mit dieser Geschichte. Der Finanzierung des Kirchenbaus dienten auch Ablässe, das heißt, gegen eine Spende für den Kirchbau konnte man seiner Sünden ledig werden. Dreihundert Jahre später war dann der Ablass ein Anlass für die Reformation. Aber schon beim Bau der Dominikanerkirche hegten die Leute schließlich Zweifel, ob die vielen Ablässe überhaupt wirksam seien.

Die frühe Bedeutung der Kirche wird daran deutlich, dass 1292, 1308 und wahrscheinlich auch 1346 die deutschen Könige in der Johanniskapelle der Dominikanerkirche gewählt wurden. Dabei war es dann üblich, dass der neugewählte König auf den Altar gesetzt und ihm gehuldigt wurde.

Unter den Prioren des Frankfurter Dominikanerklosters war im Jahr 1322 auch ein gewisser Eckhart von Hochheim, der als „Meister Eckhart“ bekannt wurde, einer der großen christlichen Mystiker. Er vertrat eine Frömmigkeitsform, die Gottnähe und Gotteserkenntnis auf dem Wege des Meditierens und nicht durch gelehrtes Denken oder die Vermittlung der Institution Kirche und ihrer Heiligen sucht. Wundert es, dass Rom dagegen bis heute angeht? Eckhart wurde ein lebensgefährliches Untersuchungsverfahren angehängt, dessen Ende er wegen seines Todes nicht mehr erlebte.

!(rechts)2008/06/seite06_mitte.jpg(Lag früher unmittelbar an der Stadtmauer: Die höhere Dominikanerkirche auf einem alten Stich.)!

Bei der Einführung der Reformation in Frankfurt spielte das Kloster eine Nebenrolle. Nicht dass die Dominikaner, die vom Papst auch gegen die Protestanten eingesetzt wurden, sich besonders hervorgetan hätten. Aber nachdem es seit 1522 verschiedentlich reformatorische Predigten gegeben hatte, trafen sich im Frühjahr 1524 auf dem Peterskirchhof Frankfurter, die dem Rat Beschwerden vortrugen und reformatorisches Gedankengut verbreiteten. Ein Teil von ihnen zog dann in das Dominikanerkloster zu einem Saufgelage – ein Zeichen dafür, wie stark sich die Beschwerden auch gegen die Kirche richteten.

Kloster und Kirche überstanden die Reformation und blieben in den Händen des Ordens. Die Kirche zeichnete sich durch die bedeutende künstlerische Ausstattung aus. 14 Altäre standen darin, und bekannte Maler wie Albrecht Dürer und Hans Holbein, Mathias Grünewald und Hans Baldung Grien waren vertreten. Aber die Frankfurter Dominikaner waren auch wissenschaftlich erfolgreich tätig und besaßen eine hervorragende Bibliothek.

Wegen fehlenden Nachwuchses wandelte der Mainzer Erzbischof im Jahr 1789 den Frankfurter Konvent in eine Gemeinschaft von „Weltgeistlichen“ um. Ein guter Teil der Schätze der Kirche und des Klosters wurde verkauft und in alle Winde verstreut. Im Jahr 1803 wurde das Kloster im Zusammenhang mit der Auflösung des alten Deutschen Reiches säkularisiert und fiel an die Stadt Frankfurt. Auch die bis dahin noch verbliebenen Schätze fanden nun neue Eigentümer.

!(rechts)2008/06/seite06_unten.jpg(Nur die Mauern des Chorraums blieben nach den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg stehen.)!

Fortan dienten Kirche und Kloster verschiedenen Zwecken: als Schule und Kaserne, als Stadthalle und Turnhalle oder schlicht als Warenlager. Nach 1933 wurden Kunstgüter jüdischer Bürger, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden waren, in der Kirche gelagert. Im Krieg wurde dann alles durch Bomben zerstört. Dass der Komplex nach dem Wiederaufbau der evangelischen Kirche überlassen wurde, hatte eine besondere Bewandtnis. Im Jahre 1830 hatte sich die Freie Stadt Frankfurt gegenüber der lutherischen Gemeinde verpflichtet, ihr die vor der Reformation katholischen, dann in ihr Eigentum übergegangenen und evangelisch genutzten Kirchen zum immerwährenden Gebrauch zu überlassen und baulich zu unterhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Stadt jedoch eine dieser Kirchen, die Paulskirche, als repräsentativen Versammlungsort nutzen. Die Weißfrauenkirche wiederrum sollte wegen des Baus des Straßenzuges Berliner Straße/Weißfrauenstraße nicht wieder aufgebaut werden. Daher tauschten Stadt und Kirche die Rechte und Pflichten an Pauls- und Weißfrauenkirche gegen die Rechte und Pflichten an Dominikanerkloster und Dominikanerkirche. So kam die evangelische Kirche zu diesem Gebäudekomplex. Sie nutzt ihn heute als Sitz des Evangelischen Regionalverbandes und in Zusammenhang mit dem benachbarten Philip-Jakob-Spener-Haus als überregionale Tagungs- und Veranstaltungsstätte.

p(autor). Jürgen Telschow

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Juni 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

Artikel teilen: E-Mail Facebook Twitter Google+

Meistgelesene Artikel

Kommentar schreiben

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, Kommentare werden vor der Veröffentlichung freigeschaltet.