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Von – 1. Juni 2008

Sonne der Gerechtigkeit

Für Gerechtigkeit sind alle. Doch konkret verstehen sie darunter meist ganz Verschiedenes. Steuern senken oder anheben? Kopfpauschale oder Bürgerversicherung? Was ist gerecht und was ungerecht? In der Bibel wird Gerechtigkeit nicht mit Waage und Schwert, sondern mit der Sonne verglichen.

Einer meiner Lieblingsverse aus der Bibel zum Thema Gerechtigkeit lautet: „Euch aber, die ihr meinen Namen achtet, geht die Sonne der Gerechtigkeit auf, ihre Flügel bringen Heilung.“ (Maleachi 3, 20). Auf der Straße befragt, würden wohl wenige Menschen die Begriffe „Sonne“ und „Gerechtigkeit“ miteinander in Verbindung bringen. Bei Gerechtigkeit denken viele eher an Justitia, deren Statue mit Waage und Schwert in der Hand vor vielen Rathäusern steht, und die das Recht darstellt, so wie es idealerweise sein soll: Alle Menschen werden unabhängig von ihrer Person gleich angesehen. Viele stellen sich auch Gottes Gerechtigkeit so ähnlich vor: Alle Menschen werden auf eine Waage gelegt und gewogen, und dann wird es ihnen so ergehen, wie es ihren Taten entspricht: Gutes wird belohnt und Schlechtes bestraft.

Gerechtigkeit im biblischen Sinne ist aber nicht mit Recht gleichzusetzen. Sie ist weder eine Tugend, noch eine abstrakte Norm, und sie ist auch nicht mit Gleichheitsforderungen vor einem Gericht verbunden. Nach biblischem Verständnis ist Gerechtigkeit vielmehr ein Begriff, der die Art und Weise einer Beziehung beschreibt. Sie kann konkret erfahren werden und hängt zusammen mit Freiheit und Befreiung, Frieden, Erbarmen und heilendem Zusammenleben. Gerecht handeln bedeutet, anderen Menschen und sich selbst gerecht zu werden.

Anders als die Justitia, die neutral und objektiv Tatsachen feststellt und vergilt, ist die „Sonne der Gerechtigkeit“ aktiv und greift in die Geschehnisse der Welt ein: Sie macht gerecht, rettet und heilt. So wie die Sonne Pflanzen wachsen lässt, ermöglicht Gottes schöpferische Gerechtigkeit das Leben. Sie ist die leidenschaftliche Beteiligung und Zuwendung Gottes zu den Menschen, zur Welt, ja zum ganzen Kosmos. In der Bibel wird das so ausgedrückt: Immer dann, wenn Menschen aus Bedrückung und Not gerettet werden, „ereignet“ sich Gottes Gerechtigkeit. Sie bringt etwas in Ordnung, stellt etwas richtig, das in Unordnung geraten und falsch war. Gottes Gerechtigkeit ist also etwas ganz Irdisches: Sie sorgt dafür, dass alle Anteil an einem guten Leben in Würde und Lebensfreude bekommen.

Noch gibt es viel Unrecht und Leid in der Welt. Aber die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit spornt uns Menschen an, etwas dagegen zu unternehmen. Gottes Gerechtigkeit wirkt sich aus auf unser Zusammenleben. Wenn derzeit in den Medien und der öffentlichen Debatte darüber gestritten wird, was gerecht oder ungerecht ist, dann hat das oft etwas Düster-Drückendes. So als sei Gerechtigkeit eine große und schwierige Forderung, die praktisch unerfüllbar ist. Ein schönes Ideal, das aber für uns Menschen ohnehin viel zu groß ausfällt.

Das biblische Bild von der Gerechtigkeit als wärmende und nährende Sonne hingegen will zeigen, dass Gerechtigkeit schön, verlockend und anziehend ist. Andere biblische Metaphern beschreiben sie als Regen, der aus Wolken regnet, oder als Mantel, in den man sich hüllt. An dieser Sonne der Gerechtigkeit können wir uns wärmen und uns auch von ihr anlocken lassen. Sie ermutigt und hilft uns, ethisch zu handeln. Menschen können sich von der biblischen Gerechtigkeit inspirieren lassen. Sie engagieren sich dann mit Humor und Wärme, manchmal empört, häufig gelassen und immer beharrlich, damit hier auf Erden die Gerechtigkeit Gottes wirken kann. Dafür, dass alle Menschen ein Leben in Fülle leben können. Sie tun dies nicht aus Angst vor einem möglichen Gericht und auch nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern ihr Leben, ihr Lachen, ihre Aufmerksamkeit für Unrecht und ihre Suche nach dem, was Gerechtigkeit fördert, sind wie ein Spiegel, der die Strahlen der Gerechtigkeit Gottes reflektiert und aufscheinen lässt in unserem Leben.

 

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juni 2008 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Pfarrerin Eli Wolf leitet das Evangelische Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt.

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