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Von – 1. September 2008

„Lilith“ hilft Frauen aus der Krise

Im „Zentrum für Frauen“ am Zoo bündelt das Diakonische Werk der evangelischen Kirche in Frankfurt soziale Hilfen für Frauen in Lebenskrisen.

Karin Kühn koordiniert die verschiedenen Hilfsangebote der evangelischen Kirche für Frauen am Alfred-Brehm-Platz. Foto: Ilona Surrey

„Das ist ja unmöglich“ entfährt es Karin Kühn. Die Leiterin des „Zentrums für Frauen“ ärgert sich über einige hässliche Striche, die die frisch gestrichenen Wände im Hausflur verunzieren. Allerdings muss man ganz genau hinsehen: Wer immer dieses Graffiti gemalt hat, griff nicht zu Filzer oder Spraydose, sondern zum Bleistift.

Vielleicht eine typische Haltung für Frauen, die in das Zentrum am Alfred-Brehm-Platz kommen: Sie haben soziale Probleme, Schwierigkeiten, in der Gesellschaft zurechtzukommen und würden auch gerne protestieren. Aber nur leise. Nicht so, dass es wirklich auffällt. Denn letzten Endes, so glauben viele Frauen, sind sie doch selbst an ihrer Misere schuld.

Julia Siebert zum Beispiel sagt, es sei ihr eigener Fehler gewesen, als sie vor zwei Jahren plötzlich auf der Straße stand. Eigentlich heißt sie anders, sie will nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. „Aber ich hätte schon immer gerne Julia geheißen.“ Vieles von dem, was sie sich gewünscht hat, konnte die heute 49-Jährige in ihrem Leben nicht verwirklichen. Als junge Frau erkrankte sie an einer Psychose und muss seither Medikamente nehmen. Zwar schloss sie eine Banklehre ab, aber das selbstständige Leben fiel ihr schwer. Als dann ihre Eltern starben, geriet sie in eine Krise „Ich war irgendwie bockig“, geht sie mit sich ins Gericht, „ich habe meine Medikamente nicht mehr genommen und die Miete nicht bezahlt.“

Bis sie dann auf der Straße stand. Dass sie ein Zimmer in „Lilith“ bekam, dem Wohnprojekt im Zentrum für Frauen, sei ein Glück gewesen. Fünf Monate lebte sie hier, bewältigte zusammen mit einer Sozialarbeiterin ihre „Bockigkeits“-Phase, fand eine neue Wohnung und lebt seither in Bornheim. „Seit zwei Jahren bin ich stabil, das ist doch klasse“, freut sie sich.

Herausgeputzt: Von außen und von innen wurde das Zentrum für Frauen in den vergangenen Monaten renoviert. Foto: Ilona Surrey

„Wir sind ein hochschwelliges Angebot“, erläutert Karin Kühn das Konzept des Hauses. „Die Frauen, die hierher kommen, müssen aktiv auf eine Verbesserung ihrer Situation hinarbeiten wollen. Wer einfach nur wohnungslos ist und eine Unterkunft sucht, ist hier falsch.“ Vier Wohngruppen von jeweils sieben Frauen gibt es, jede hat ein kleines Zimmer mit Schrank, Waschbecken und Bett, dazu gibt es pro Gruppe eine geräumige Wohnküche mit Fernseher. Alles ist ganz neu eingerichtet, denn der Gebäudekomplex wurde in den vergangenen Monaten komplett renoviert.

„Die Frauen, die nach der ersten Probephase bleiben, sind im Schnitt ein bis eineinhalb Jahre hier“, berichtet Kühn. Ein Teil geht zurück zur Familie oder zum Ehepartner, andere finden einen Therapieplatz oder sind fit genug für eine eigene Wohnung. Aber auch dann können sie weiter an den Zoo kommen. An vier Nachmittagen die Woche ist das Café im Tagestreff „17 Ost“ geöffnet. Julia Siebert ist dann regelmäßig dabei: „Wer wie die meisten der Frauen so wenig Geld hat, kann ja normalerweise nicht mal eben in ein Café gehen.“ Sie selbst kommt aber auch zum Wäschewaschen her – in ihrer kleinen neuen Wohnung gibt es keine Waschmaschine. Oder zu den verschiedenen Kursen und Vorträgen, die im Zentrum stattfinden.

Das neueste Projekt, das die Mitarbeiterinnen des Zentrums in Angriff genommen haben, ist eine „Mode-Kreativ-Werkstatt“ zusammen mit zwei Frankfurter Bankhäusern. „Goldmann Sachs“ und „Citi“ haben unter ihren Angestellten eine Kleiderammlung veranstaltet. „Es ist wichtig, wenn Frauen eine Arbeit suchen, dass sie beim Vorstellungsgespräch gut angezogen sind“, so Kühn. Eine kleine Kleiderkammer gab es zwar schon immer, aber viele der Stücke, die hier in den Regalen liegen, erinnern mit grellen Farben und Schulterpolstern doch arg an vergangene Modeepochen.

Monika Ovono Mbala kümmert sich um die Kleiderkammer. Besonders die Spenden aus Sammlungen Frankfurter Bankhäuser helfen Frauen auf Arbeitssuche, angemessen gekleidet aufzutreten. Foto: Ilona Surrey

Monika Ovono Mbala, die die gespendete Kleidung betreut und an interessierte Frauen ausgibt, freut sich, dass sie jetzt auch Anzüge und schicke Blusen anbieten kann. Seit einem Jahr wohnt sie in „Lilith“, nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hat und dadurch wohnungslos geworden war. Die 54-Jährige hat 32 Jahre lang als Krankenpflegehelferin gearbeitet, davon 12 Jahre in der Psychiatrie. Das schafft sie jetzt nicht mehr. Sie hofft nun auf einen 400-Euro-Job und eine eigene Wohnung. „Damit ich endlich wieder meine eigenen Möbel um mich habe.“

In der Kleiderkammer kann sie sich ein bisschen dazu verdienen. Sie bekommt 1,50 Euro die Stunde, denselben Satz wie bei Arbeitsgelegenheiten nach den Hartz-IV-Gesetzen. Karin Kühn will die „Modewerkstatt“ in dieser Richtung weiter ausbauen und demnächst eine Schneiderin einstellen, die Frauen beibringt, gespendete Kleidung umzunähen und passend zu machen. Die Bankhäuser haben schon signalisiert, dass sie das Projekt auch in Zukunft unterstützen wollen.

Und noch etwas anderes muss Karin Kühn in den nächsten Monaten tun: recherchieren, wie genau das damals war, als eine gewisse Bertha Thomas im Jahr 1909 die Liegenschaft am Alfred-Brehm-Platz kaufte. Thomas bot damals so genannten „gefallenen Mädchen“ eine Anlaufstelle – so nannte man früher junge Frauen, die vom Land in die Stadt kamen, um hier als Dienstmädchen oder in Fabriken zu arbeiten, und dann „auf die schiefe Bahn“ gerieten.

Seither hat sich das Selbstverständnis von Sozialarbeit natürlich sehr gewandelt. Das 100-jährige Jubiläum im kommenden Jahr ist daher ein guter Anlass, um noch einmal genauer nach den Anfängen zu forschen.

Mehr als Wohnen

Neben dem Wohnprojekt „Lilith“ und dem Tagestreff „17 Ost“ beherbergt das Zentrum für Frauen am Alfred-Brehm-Platz 17 auch noch zwei Beratungsstellen: Eine wendet sich an Frauen in schwierigen Lebenssituationen – unter anderem wird hier Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung angeboten. Die andere heißt „Tamara“ und unterstützt Prostituierte, die neue Perspektiven entwickeln wollen. Außerdem können Räume von Selbsthilfegruppen und Initiativen gemietet werden. Der Tagestreff ist dienstags bis freitags von 13 bis 17 Uhr geöffnet, Männer haben hier keinen Zutritt.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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