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Von – 1. September 2008

Paulus war kein Strahlemann

Eigentlich war es eine gute Idee von Papst Benedikt, ein Paulus-Jahr auszurufen: Es kann nicht schaden, auf diesen urchristlichen Missionar und scharfen Denker zu hören, der die ältesten neutestamentlichen Schriften verfasste.

Anfangs stand Paulus allerdings auf der anderen Seite: Er war gelehrter Jude griechischer Sprache in Kleinasien und bekämpfte die jungen Christengemeinden als Sektierer. Doch dann geschah ein Perspektivwechsel: Paulus wurde Christ. Zwar trug er seine Erleuchtung nie vor sich her wie die Evangelikalen heute, aber von da an war er für rund dreißig Jahre ein Agent für das Christentum. Paulus verhalf der jungen Religion zum Sprung in die nichtjüdische Welt, wo sie ganz erstaunlichen Anklang fand.

Der neue Glaube hatte erst wenige Wahrheiten. Er suchte nach Worten, um sich auf dem Markt zu behaupten, und Göttliches vermischte sich mit Menschlichem. Paulus wurde Spiritus Rector, lenkender Geist des aufstrebenden Christentums, indem er die jungen Gemeinden einerseits für ihre gu­ ten Anfänge lobte und andererseits aufkommende Fehlentwicklungen kritisierte. Er tat das durch persönliche Präsenz wie durch Briefe – ein Weltreisender, der eine Fülle theologischer Argumente verarbeitete, in Bahnen lenkte und dabei ein Werk hinterließ, das in seiner gedanklichen Tiefe und Dichte seinesgleichen sucht.

Der Papst mag sein Amt mit einem ähnlichen Selbstverständnis begreifen, und wie Paulus ist auch er stets auf die Einheit der Christenheit bedacht. Nur Auftritte wie ein Superstar hatte Paulus nicht. Er erarbeitete seinen Reise-Unterhalt als Zeltmacher, und seine Predigten waren, vorsichtig gesagt, nicht generell mitreißend. Einige Male landete er im Gefängnis, war vom Aussehen her absolut kein Mannsbild, wie es die Griechen liebten, und litt vermutlich an Epilepsie – kein überzeugender missionarischer Strahlemann also, sondern ein angefochtener Christ, der sich seiner Überzeugungskraft nicht rühmen konnte.

Nicht nur darin war er eher „evangelisch”. Martin Luther hatte durch ihn seine reformatorische Erkenntnis: Der Mensch kann sich mit aller Anstrengung nicht vor Gott qualifizieren, aber Gott kommt dem Sünder und der Sünderin entgegen und baut ihnen eine Brücke zu sich. Das Paulus-Jahr wäre damit ein wunderbarer Anlass, neu über die Ökumene ins Gespräch zu kommen – aber das findet der Papst wohl keine gute Idee.

 

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2008 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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