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1. Oktober 2008

Fähigkeiten wieder entdecken

p(einleitung). Das Diakonische Werk für Frankfurt will sich in Zukunft gezielter für Langzeitarbeitslose engagieren. Dazu wurde ein eigener Arbeitsbereich gegründet, zu dem die Organisation von Arbeitsgelegenheiten nach Hartz IV (so genannte „1-Euro-Jobs“) sowie zwei Einrichtungen gehören, die schon seit vielen Jahren Job- und Qualifizierungsmöglichkeiten bieten. Fragen an Joachim Otto, der das neue Aufgabengebiet leitet.

Herr Otto, warum engagiert sich das Diakonische Werk jetzt noch mehr in der Betreuung von arbeitslosen Menschen?

bq. Seit Ende der neunziger Jahre stellen wir eine erhöhte Arbeitslosigkeit fest. Das hat sich zwar in den letzten zwei Jahren wieder etwas abgemildert, aber nicht für Menschen mit geringen Qualifikationen. Diese haben kaum Chancen, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. Die Kirche muss auf diese Bedingungen reagieren. Erwerbsarbeit ist einfach der Faktor, über den wir uns organisieren. Deshalb ist es für die Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, eine so deprimierende Situation. Wir möchten ihnen da wenigstens in einem Teilbereich Perspektiven vermitteln und vielleicht auch ein Stück Hoffnung geben.

!(rechts)2008/10/seite06_oben.jpg(Joachim Otto will beim Diakonischen Werk mehr „Arbeitsgelegenheiten“ einrichten. Der 59 Jahre alte Sozialarbeiter ist seit 1979 beim Evangelischen Regionalverband beschäftigt. Zuletzt leitete er die Evangelische Suchtkrankenberatung. | Foto: Rolf Oeser)!

Dabei kooperieren Sie eng mit dem Staat, der ja über die Jobcenter diese Vermittlungstätigkeit der Kirche finanziert. Wie funktioniert die Aufgabenteilung?

bq. Vom Rhein-Main-Jobcenter werden uns Menschen vermittelt, die bereits länger arbeitslos sind und als erwerbsfähig gelten. Wir versuchen sie dann in kirchlichen Einrichtungen unterzubringen, wo sie dem Personal assistierend zur Seite stehen. Alle diese Menschen haben ja irgendwo durch ihre Leistungen, die sie im sozialen Leben erbracht haben, an der Gestaltung unserer Gesellschaft mitgewirkt. Wenn dann eine Firma ihre Arbeitsplätze auslagert oder vielleicht in Konkurs geht, oder wenn Menschen einfach ein Alter erreicht haben, in dem sie auf dem neuen, dynamischen Arbeitsmarkt schwer zu vermitteln sind, kann der Staat sie nicht einfach ins Abseits driften lassen. Wir versuchen also, im Rahmen der Hartz-IV-Gesetze aus unseren Möglichkeiten heraus geeignete Hilfen zu entwickeln.

Aber nur 15 Prozent finden anschließend wieder einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt.

bq. Wenn man eine normale Kosten-Nutzen-Rechnung anlegt, sind 15 Prozent eigentlich nicht viel, das stimmt. Wenn man aber mit diesen Menschen konkret arbeitet, dann stellt sich das ein biß­ chen anders dar. Viele Menschen schöpfen durch diese Arbeitsgelegenheiten Mut, sie gewöhnen sich wieder an eine gewisse Struktur in ihrem Leben, zum Beispiel früh aufzustehen und sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sie unterhalten Kontakte zu ihren neuen Kollegen und Kolleginnen, setzen sich mit uns auseinander oder mit der Leitung der Einrichtungen, in denen sie eingesetzt sind. Und mitunter entdecken sie an sich auch Fähigkeiten, die sie gar nicht mehr gekannt haben.

Aber sicherlich sind doch nicht alle Menschen glücklich, zu solchen Arbeitsstunden verpflichtet zu werden?

bq. Es ist natürlich die ganze Bandbreite vorhanden. Man darf ja nicht vergessen, dass gerade diese Gruppe von Menschen oft auch unter massiven Problemen anderer Art leidet. Manche haben zum Beispiel hohe Schulden, sie haben ein Suchtproblem oder Schwierigkeiten, überhaupt Beziehungen einzugehen. Diese Probleme sind nicht unbedingt die Ursache für ihre Arbeitslosigkeit, es kann auch andersherum sein, dass die Arbeitslosigkeit erst der Auslöser für diese Probleme war. In solchen Fällen merken wir mitunter schon eine starke Abwehrhaltung.

Gleichwohl ist die Frage berechtigt: Warum soll der Staat Menschen zur Arbeit zwingen, wenn sich zeigt, dass die Chancen, dadurch wieder einen Job zu finden, so schlecht sind?

bq. Natürlich, es gibt auch Leute, die sagen: Warum soll ich das denn machen, ich hab mein Leben lang gearbeitet, jetzt war ich ein Jahr arbeitslos und komme gleich in Hartz IV, das ist sowieso schon ungerecht. Ein Jahr ist ja eine relativ kurze Zeitspanne. Da kann ich auch die Wut und den Groll verstehen. Trotzdem gibt es aber nun mal dieses System, und ich denke, dann sollte man auch versuchen, das Beste daraus zu machen. Viele sehen im Übrigen nach einer ersten unsicheren Phase durchaus die Chancen. Sie haben wieder etwas zu tun, kommen raus, können ihren Freunden auch mal etwas erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen allein zu Hause und bekommen einen Anruf von einer Freundin, die noch arbeitet. Was erzählen Sie der? Wenn jemand hier im Kindergarten mithilft oder im Pflegeheim, dann kann er Storys erzählen.

Worauf kommt es bei dieser Arbeit vor allem an?

bq. Das Wichtigste ist, dass man den Betreffenden Respekt entgegenbringt und ihnen zunächst einmal etwas zutraut. Wir versuchen herauszufinden, welche Fähigkeiten sie haben, welche Arbeit in Frage kommt. Gerade im Bereich der Pflege kann es durchaus berufliche Perspektiven geben, da bieten wir auch Qualifizierung. Das ist ja angesichts der demografischen Entwicklung ein Arbeitsfeld mit Zukunft.

Aber dabei stellt sich dann auch das Problem der Verdrängung von regulären Arbeitsplätzen. Lässt sich das denn überhaupt sauber trennen?

bq. Das ist alles durchaus zweischneidig. Aber wir achten sehr darauf, dass keine bestehenden Arbeitsplätze gefährdet werden. Auch unsere Mitarbeitervertretung ist dabei immer mit im Boot. Man kann jetzt darüber lamentieren, wie schlecht die Welt ist, oder man kann sagen: Wir als Kirche bieten uns im gegebenen Rahmen als Vermittler an, weil wir ein großes Know-How im Umgang mit Menschen in Notlagen haben. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn neugegründete Organisationen das übernehmen, die die Leute einfach irgendwohin vermitteln. Wir haben ausgebildete Sozialarbeiter, die die Problemlagen von langzeitarbeitslosen Menschen kennen, die auch wissen, wie das ist, wenn jemand lange isoliert war.

Dennoch wird sich die Krise der Erwerbsarbeit mit diesen Maßnahmen nicht beheben lassen.

bq. Der Arbeitsmarkt wird in Zukunft immer mehr auf hohe Qualifikationen setzen. Da muss man sich natürlich fragen, was mit denen passiert, die dabei nicht mithalten können. Da sind auch neue Ideen gefragt. Denn die Langzeitarbeitslosigkeit wird sich in den nächsten zwanzig Jahren nicht gravierend verändern.

p(autor). Interview: Antje Schrupp

h3. Daten und Fakten zu 1-Euro-Jobs

Zu einer Arbeit im Sinn der Hartz-IV-Gesetze sind Menschen verpflichtet, die länger als ein Jahr arbeitslos, aber erwerbsfähig sind und Arbeitslosengeld II beziehen. Sie müssen bis zu 25 Wochenstunden ableisten und bekommen dafür in Frankfurt 1,50 Euro pro Stunde. Das Diakonische Werk für Frankfurt ist eine von fünf Vermittlungsstellen und bietet derzeit rund 200 „Arbeitsgelegenheiten“ an, es sollen aber noch mehr werden.

Allein im ökumenischen Familienmarkt in Bornheim, einem Second-Hand-Kaufhaus für Bedürftige, sind 60 Personen beschäftigt, vier weitere machen hier eine Einzelhandels-Ausbildung. 25 Personen arbeiten in einer Schreinerwerkstatt in Griesheim, auch hier sind einige in Ausbildung. Von den Übrigen arbeiten die meisten (40 Prozent) in Assistenzjobs in Alten- oder Plegeheimen, ein Viertel bietet Serviceleistungen für ältere Menschen an. 15 Prozent übernehmen leichte Bürotätigkeiten, 11 Prozent helfen bei handwerklichen Arbeiten oder der Pflege von Grünanlagen, 8 Prozent sind in Kindertagesstätten oder der kirchlichen Jugendarbeit eingesetzt.

Mehrheitlich handelt es sich um ältere Arbeitslose – zwei Drittel sind über 45 Jahre, die meisten sogar über 55 Jahre alt. Nur ein knappes Zehntel ist jünger als 35. Im Jahr 2007 haben nur 12 Personen ihre Maßnahme vorzeitig beendet – allerdings wird bei einem Abbruch auch das Arbeitslosengeld um 30 Prozent gekürzt. Gering ist auch die Quote derer, die danach wieder einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt finden: Sie liegt bei 15 Prozent. Längstens zwölf Monate kann man einen „1-Euro-Job“ machen, bei den über 58-Jährigen läuft bald die Möglichkeit aus, die Maßnahme auf drei Jahre zu verlängern.

p(autor). Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Oktober 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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