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1. Dezember 2008

Herr Gott und Herr Schmidt

p(einleitung). Überzeugt davon, „dass Frauen anders über Gott reden als Männer“, suchten über vierzig Frauen aus Judentum, Christentum und Islam im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum nach Wegen, wie ihre jeweiligen Religionen von frauendiskriminierenden Anteilen befreit werden können.

Frauen können fromm und frei gleichzeitig sein – davon jedenfalls waren die zahlreichen Christinnen, Musliminnen, Jüdinnen und auch einige Konfessionslose überzeugt, die beim zweiten „Interreligiösen Frauentag“ über ihre Vorstellungen von Gott diskutierten.

Es sei ärgerlich, dass „der Hinweis auf Frauenunterdrückung häufig dazu benutzt wird, um bestimmte Religionen und Kulturen schlechtzumachen und nicht, um die Frauen in ihren eigenen Religionen zu stärken“, sagte Frauenpfarrerin Eli Wolf. Dabei seien die Probleme zumindest in den drei großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – ziemlich ähnlich.

!(rechts)2008/12/seite06_oben.jpg(Welches Bild von Gott machen wir uns? Die Referentinnen Rachel Herweg, Gonca Aydin, Gisela Matthiae und Eli Wolf – von links nach rechts – diskutierten sogar in der Pause eifrig weiter. | Foto: Antje Schrupp)!

Dass Männer meist eine beherrschende Rolle in den religiösen Institutionen spielen, obwohl Frauen im Alltag der Kirchen, Synagogen und Moscheegemeinden höchst aktiv sind, liege nicht nur an den patriarchalen Gesellschaften, in denen die Religionen einst entstanden sind, sondern auch am Gottesbild, so Wolf. Zwar beteuern Theologen aller Glaubensrichtungen eifrig, dass Gott eigentlich geschlechtsneutral sei. Aber weil man sich Neutrales so schlecht vorstellen kann, denkt man sich Gott im Zweifelsfall dann doch eher als männliches und nicht als weibliches Wesen.

Der Ursprung dazu liegt bereits in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament also, wie die Juda­ is­ tin Rachel Herweg erklärte. Da nach jüdischem Glauben der Gottesname JHWH nicht ausgesprochen werden darf, wird im Gebet die Umschreibung „adonai“ benutzt, was soviel wie „Herr“ heißt.

„Ich habe früher damit keine Probleme gehabt“, erzählte Herweg, die in einer orthodoxen Gemeinde in Deutschland aufgewachsen ist. „Erst als ich nach Israel kam und hörte, dass dort ganz normale Männer auch mit ‚adonai’ angesprochen werden, merkte ich, dass etwas falsch ist.“

Das Problem stellt sich im Christentum genauso, wo sich die Anreden „Herr Gott“ und „Herr Schmidt“ auf fatale Weise ähneln. Deshalb hätten die Übersetzerinnen der „Bibel in gerechter Sprache“ andere Umschreibungen für das Wort JHWH gesucht, wie zum Beispiel „die Lebendige“ oder „der Ewige“, erläutete Pfarrerin Gisela Matthiae.

Zumal sich die Bedeutung des Wortes „Herr“ seit biblischen Zeiten stark verändert hat: Wenn Gott in der Antike so angesprochen wurde, dann brachte das seine große Bedeutung zum Ausdruck: „Herren“ gab es damals nämlich nur wenige, und Gott so zu nennen, relativierte also die Macht der weltlichen Herrscher.

Von einer solchen sozialkritischen Bedeutung ist aber heute, wo eben jeder beliebige Mann als „Herr“ angesprochen wird, nichts mehr übrig. Eher schon müsste man Gott als „Bundeskanzlerin“ ansprechen, wollte man der ursprünglichen Bedeutung nahe kommen.

!(rechts)2008/12/seite06_unten.jpg(Lieferten einen kulturellen Beitrag zum Interreligiösen Frauentag: Die Musikerinnen vom Frauenchor „Gelincik“ einer türkischen Moschee in Bad Homburg. | Foto: Antje Schrupp)!

Überhaupt ist die Vermännlichung Gottes im Christentum stärker gewesen als im Judentum oder im Islam. Denn in Jesus Christus ist Gott nicht nur Mensch, sondern eben tatsächlich auch ein Mann geworden – was die katholische Kirche bis heute als Argument dafür anführt, Frauen vom Priesteramt auszuschließen. „Gott ist aber Fleisch geworden, sie hat sich in-karniert, nicht in-maskulisiert“, setzte Gisela Matthiae dagegen. Dazu kommt, dass Jesus von Gott häufig als „Vater“ gesprochen hat, was im Judentum lediglich eine von vielen Umschreibungen Gottes ist, im Christentum dann aber die dominierende wurde.

Diese christliche Vorstellung eines männlichen Vatergottes sei auch vom Islam übernommen worden, berichtete die türkischstämmige islamische Theologin Gonca Aydin. „Bei uns wird Gott oft als Allah-Baba angeredet“, also Gott-Vater, „aber das ist falsch“, betonte sie. Im Koran sei davon die Rede, dass Gott 99 Namen habe, aber das am häufigsten verwendete Attribut sei das des Erbarmens und der Barmherzigkeit. „Der arabische Wortstamm von Erbarmen ist aber derselbe wie der von Gebärmutter“, erläuterte Aydin.

Das Bild von Gott als einer Gebärenden, die sich wie eine Mutter um ihre Geschöpfe sorgt und sie beschützt, ist nicht nur im Koran, sondern auch in der Bibel zu finden. „Aber im Koran steht sogar ausdrücklich, dass dieses Attribut andere Eigenschaften Gottes wie Zorn oder Gerechtigkeit, die wir eher als männlich sehen könnten, umfasst“, betonte Aydin.

Ist Gott also am Ende gar kein Mann, sondern eine Frau? Natürlich nicht, da waren sich die Frauen aller Religionen an diesem Tag einig. Aber das sei auch gar nicht nötig, betonte Rachel Herweg. Schließlich wandele sich doch inzwischen auch das Männerbild, zum Beispiel gebe es immer mehr fürsorgende Väter. „Man kann sich also durchaus Gott als eine Mütterliche und Fürsorgliche denken, und das ist gar nicht nur weiblich, es kann genauso gut männlich sein.“

p(autor). Antje Schrupp

h3. Mose, Jesus und Mohammed – alles Helden?

Es ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Daniel Kempin vom egalitären Minjan der Jüdischen Gemeinde Frankfurt auch Sänger und Gitarrist ist, dass er Herbert Grönemeyers Lied zitierte: „Männer sind so verletzlich. Männer nehmen in den Arm / Männer geben Geborgenheit / Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit / Männer sind so verletzlich / Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.“ In der Evangelischen Stadtakademie ging es nämlich ums Thema „Mose, Jesus und Mohammed – eine Männerwirtschaft?“

„Da werden Ambivalenzen deutlich“, so Daniel Kempin, der auf die Frage von Moderatorin Ulrike Holler, was ihn als Kind in seinem Gottesbild geprägt habe, antwortete: „Mose wurde durch die filmische Darstellung stark heroisiert, war aber von seinem Charakter her eher schwächlich.”

Der Vertreter der katholischen Erwachsenenbildung, Hans Prömper wurde indes religionsästhetisch anders sozialisiert: „Jesus war für mich der gute Sohn, groß, stark und allmächtig. Im Dunkeln fürchtete ich mich mitunter sogar.“

Ob die großen Religionsstifter tatsächlich eine „Männerwirtschaft“ darstellen, konnten die Teilnehmer des gut besuchten Abends insgesamt weder bestätigen noch dementieren. Zu viele Aspekte religionsgeschichtlicher und sozio-kultureller Art wurden beleuchtet, um hier eine klare Position he­ rauszustellen.

Abdulqadir Schabel, 1979 zum Islam konvertiert und heute Referent für Islamfragen, gab folgendes Statement ab: „Mohammed hat mich weniger in bildlicher Weise angesprochen als von seinem Charakter her.“ Im Laufe der engagiert geführten Diskussion warf Schabel die Frage auf, warum ein Mann, speziell ein Religionsgründer, immer als Held dargestellt werden müsse. Damit spielte er auf die Ausführungen seiner Kollegen an, die die Rolle von religiösen Figuren in kriegerischen Auseinandersetzungen herausgestellt hatten.

p(autor). Joachim Schreiner

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Dezember 2008 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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