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1. Mai 2009

Spiritualität nicht auf Rezept

p(einleitung). Immer wieder ist in Studien zu lesen, dass religiöse Menschen gesünder seien und besser mit Krankheiten fertig werden. Kein Wunder also, dass „Spiritualität“ zunehmend in den Katalog der Gesundheitsindustrie aufgenommen wird. Das Problem ist bloß: Sie lässt sich nicht verordnen.

!(rechts)2009/05/seite07_rechts.jpg(Elisabeth Knecht ist Pfarrerin an der Uniklinik. | Foto: Ilona Surrey)!

Die Frage nach dem Zusammenhang von religiösem Glauben und Gesundheit beschäftigt heute auch die Wissenschaft. Es gehört inzwischen zum Allgemeinwissen, dass ein kranker Mensch mehr braucht als nur eine gute medizinische Behandlung. Aber noch etwas anderes ist zum Allgemeingut geworden, nämlich die Überzeugung, dass Gesundheit das höchste Gut ist und jeder etwas dafür tun kann: Wir sollen uns gesund ernähren, uns ausreichend bewegen, fit halten, die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit finden, Stress vermeiden. Und wenn nun auch Spiritualität und Glaube etwas zur Gesundheit beitragen können – dann müssen wir uns darum eben auch noch kümmern. Dann haben kranke Menschen nicht nur ein Recht auf medizinische Behandlung, pflegerische und psychosoziale Betreuung, sondern auch auf spirituelle Begleitung.

Gesundheit und Krankheit – das ist heute ein Feld, in dem es um viel Geld geht, um Macht und Einfluss und ganz handfeste Interessen. In einem neuen Gesetz, wonach Kliniken von den Krankenkassen Geld für die palliative Versorgung von schwerstkranken und sterbenden Patienten und Patientinnen bekommen, ist die spirituelle Begleitung ausdrücklich mit genannt. In Frankfurt hat zum Beispiel das Bethanienkrankenhaus aus eigenen Mitteln eine Pfarrstelle eingerichtet, andere Häuser ziehen nach.

!(kasten)2009/05/seite07_unten.jpg(Ein seelsorgerliches Gespräch am Krankenbett kann Raum schaffen für Spiritualität und das Wirken Gottes und dabei helfen, die Situation zu bewältigen. Verordnen und kalkulieren lässt sich das aber nicht. | Foto: epd-Bild / Werner Krüper)!

In dieser Entwicklung liegt eine große Chance. Kranke und sterbende Menschen werden mit all ihren Bedürfnissen ernst genommen: nicht nur mit dem nach individueller Pflege, nach Schmerzfreiheit und menschlicher Zuwendung, sondern nun eben auch mit ihren Fragen nach dem Warum, nach dem Sinn in allem, mit ihrer Suche nach einem letzten Halt und dem Wunsch nach Gebet und Ritual. Wenn dafür gesorgt ist, dass genügend Seelsorger und Seelsorgerinnen bereit stehen, ist für die Betreuung von Kranken und Sterbenden viel erreicht worden.

Aber Spiritualität und die Offenheit für Glaubens- und Sinnfragen kann nicht verordnet werden wie ein Medikament oder eine Therapie. Was sich in der seelsorglich-spirituellen Begleitung ereignet, das ist und bleibt etwas Unverfügbares. Wenn der kranke oder der sterbende Mensch darin Trost findet, wenn er durch die Religion Kraft zum Gesundwerden oder zum Ertragen der Krankheit findet, so ist das ein Geschenk. Es ist nicht „machbar“.

„Gehen Sie doch mal zu Herrn L. und trösten Sie ihn ein wenig!“ – mit einem solchen Auftrag werde ich als Krankenhaus-Seelsorgerin manchmal zu einem Patienten geschickt. Und tatsächlich erlebe ich es, dass Kranke sich nach einem Gespräch getröstet fühlen. Doch nicht, weil ich selbst so gut trösten könnte, sondern weil sich durch mein Dasein, durch mein Zuhören oder mein Schweigen, ein Raum eröffnet, in dem wir gemeinsam nach Trost suchen und ihn manchmal auch finden. Seelsorge kann eine Atmosphäre schaffen, die dem Spirituellen, dem Wirken Gottes, den guten Mächten, Raum gibt.

In dem derzeit neu erwachenden Interesse an Spiritualität und spiritueller Begleitung im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit liegt daher zugleich eine Chance und eine Gefahr. Die Gefahr besteht dort, wo Spiritualität als Mittel zum Zweck angesehen wird, wo sie als Instrument der Krankheitsbewältigung dienen soll, in Studien auf ihre Wirksamkeit geprüft und wie ein Medikament verordnet wird.

Christliche Spiritualität zeigt aber gerade dort ihre heilende und befreiende Wirkung, wo dies nicht erwartet und herbeigezwungen wird. Sie heilt nicht nur, sondern sie kann Menschen auch die Kraft geben, das Leben mit einer Krankheit zu bestehen. Sie ist Kraft zum Leben und Kraft zum Sterben.

p(autor). Elisabeth Knecht

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Mai 2009 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Lizzy schrieb am 17. Juni 2009

    Hallo EvangelischesFrankfurt.de!

    Bezieht sich auf den Artikel „Spiritualität nicht auf Rezept“:

    Mir, krank, wird ja gerne vorgeworfen, ich solle „nur mal anständig glauben“, dann klappe das auch mit dem Gesundwerden. Also gelte ich dann für zu doof zum Gesunden und obendrein für zu doof zum Glauben – dann habe ich lieber gar keine Spiritualität also so eine fiese Nummer.
    Man sollte den Artikel erweitern und klarstellen, daß es darum nicht geht.

    Man sollte den lieben WissenschaftlerInnen nahelegen, Ursache und Wirkung bei Glaube und Genesung schlüssig zu hinterfragen. Glaubt einer, weil er schnell gesundet? Das könnte ich auch! Gesundet einer, weil er glaubt? Das ist die Populärmeinung ohne triftige Beweise.
    Hier könnte man den Artikel ebenfalls erweitern.

    Viele Grüße von Lizzy

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