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1. Mai 2009

„Voreingenommen gegen den Islam“

p(einleitung). Keine andere Großstadt in Deutschland weist eine derartige Bandbreite an Nationalitäten auf wie Frankfurt. Sind die Religionen ein Motor oder ein Hindernis der Integration?

Über ein Viertel der knapp 670?000 Einwohnerinnen und Einwohner Frankfurts besitzt einen ausländischen Pass, 40 Prozent stammen aus zugewanderten Familien, bei Kindern und Jugendlichen sind es sogar zwei Drittel. Menschen aus 175 Ländern leben in der Mainmetropole.

Die Integration so vieler unterschiedlicher Kulturen, Weltanschauungen und Traditionen ist keineswegs leicht zu bewältigen. Viele Aspekte spielen dabei eine Rolle – soziale Faktoren wie Bildung und Einkommen, kulturelle Faktoren wie Lebensstile oder Familienformen und schließlich auch religiöse Unterschiede. In einer Kooperationsveranstaltung haben verschiedene Institutionen im April eine Tagung über „Religion und Migration“ in der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg veranstaltet.

!(kasten)2009/05/seite09_oben.jpg(Muslimische Imame beim Besuch einer christlichen Kirche – auf beiden Seiten gibt es gewisse Berührungsängste mit der jeweils anderen Religion. Da hilft nur eines: Sich gegenseitig kennen lernen und miteinander reden. In Frankfurt ist der „Interreligiöse Dialog“ inzwischen recht gut vernetzt. | Foto: Rolf Oeser )!

In der öffentlichen Debatte haben sich die sehr komplexen Aspekte der Integration zunehmend auf „den Islam“ zugespitzt. Fachleute diagnostizieren eine wachsende „Islamophobie“, also Islamfeindlichkeit in Deutschland. Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 hätten sich Anfeindungen gegen Muslime „beträchtlich verschlimmert“, beklagte Nedim Makarevic vom Vorstand der albanisch-bosnischen Gemeinde in Offenbach. Um sich nicht ständig für seinen Glauben rechtfertigen zu müssen, trinkt der IT-Unternehmer bei Treffen mit Geschäftskollegen inzwischen immer alkoholfreies Bier.

Voreingenommenheit diagnos-tizierte auch Heiner Bielefeldt, der Leiter des Instituts für Menschenrechte in Berlin. Ihn befremde vor allem „die Emphase, mit der behauptet wird, Muslime könnten keinen Rechtsstaat akzeptieren“. Auf diese Weise würden ihnen „Probleme geimpft“, die die meisten gar nicht hätten. Außerdem nähre man „das Missverständnis, der säkulare Staat sei eine exklusiv westlich-christliche Errungenschaft“. Vor dreißig Jahren seien Migranten und Migrantinnen nur unter wirtschaftlichen Aspekten wahrgenommen worden. Heute würden sie pauschal mit dem Islam, wenn nicht gar mit Islamismus gleichgesetzt. Hier werde die innere Logik der westlichen Gesellschaftsordnung unterminiert, deren Ausgangspunkt die Religionsfreiheit sei, warnte der Menschenrechtsexperte.

Wael El-Gayar vom nordrhein-westfälischen Integrationsministerium berichtete von den dortigen Bemühungen, Kontakt zu islamischen Verbänden und Vereinen zu halten. „Religion ist in der Fremde oftmals eine Stütze“, so der Politologe. Sie könne bei der Integration als treibender Motor fungieren. El-Gayars Einschätzung nach ist es nicht der Glaube, der den Prozess behindert, in Deutschland heimisch zu werden, sondern dies habe soziale und wirtschaftliche Ursachen.

!(rechts)2009/05/seite09_mitte.jpg(Auf großes Interesse stieß eine Fachtagung über Religion und Migration in der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg. | Foto: Mauricio Maranhão)!

Der oft geäußerten Kritik, auf islamischer Seite fehlten geeignete Ansprechpartner für solche Kooperationen, hielt Ünal Kaymakci, stellvertretender Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH), die Hürden der Praxis entgegen. Es sei unrealistisch, zu erwarten, dass nach wenigen Jahrzehnten bereits alle im Islam vertretenen Richtungen und Nationalitäten mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. Insgesamt stellte der Rechtsanwalt einen „enormen Umbruch in den muslimischen Gemeinden“ fest. Dort sei inzwischen die zweite und dritte Generation am Zuge, die sich „als Teil der deutschen Gesellschaft versteht und aktiv daran teilhaben will“.

Auch Ilona Klemens, Frankfurter Pfarrerin für interreligiösen Dialog, glaubt, dass in den letzten Jahren viel in Bewegung gekommen ist. In Frankfurt unterhielten christliche, jüdische, muslimische und städtische Stellen ein „gutes Netzwerk“ und verfolgten gemeinsame Projekte. Defizite sieht Klemens noch auf struktureller Ebene: Während seitens der christlichen Kirchen überwiegend kirchlicher Angestellte für die interreligiöse Dialogarbeit zur Verfügung stehen, liege auf muslimischer Seite bislang alles in ehrenamtlicher Hand.

p(autor). Doris Stickler

h2. Ob Pfarrerin oder Imam – Probleme sind gleich

Andere Religion, gleiche Probleme: Dieses Fazit lässt sich aus einem Treffen zwischen Frankfurter christlichen Theologinnen und Theologen und muslimischen Imamen und Moscheevorständen ziehen. Schon zum dritten Mal trafen sie sich zum gegenseitigen Austausch. Dieses Mal lag der Fokus auf der alltäglichen Praxis des Gemeindelebens.

Nach einer Führung durch die Alte Nikolaikirche am Römerberg tauschten sich die rund sechzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Anforderungen ihres Berufs aus. Wie sich zeigte, sind hier die Unterschiede marginal. So war die evangelische Pröpstin Gabriele Scherle „verblüfft, wie ähnlich Alltag und Sorgen sind“. In beiden Religionen ist der Berufsalltag vom Pendeln zwischen liturgischer Pflicht, Kasualien, Seelsorgegesprächen, Religionsunterricht, Dienstbesprechungen und Verwaltungsangelegenheiten bestimmt.

!(rechts)2009/05/seite09_unten.jpg(Pfarrer Jeffrey Myers – rechts – führte Frankfurter Imame auf die Galerie der Alten Nikolaikirche. | Foto: Doris Stickler)!

Gehadert wird vor allem mit der Zeit. Wie Sheik Sabahattin Türkyilmaz von der Hazrat Fatima Zehra Moscheegemeinde verriet, komme nicht selten seine eigene Familie zu kurz. Doch was soll er machen? Neben all den anderen Aufgaben habe ein Imam täglich fünf Gebete zu leiten. Im Sommer, wenn die Sonne erst spät untergeht, komme er erst gegen 23 Uhr nach Hause.

Der Griesheimer Pfarrer Rolf Glaser lebt als Katholik zwar zölibatär und hat deshalb weder Frau noch Kinder, die er vernachlässigen könnte. Doch bei 6000 Gemeindemitgliedern kümmert auch ein Single-Privatleben vor sich hin. Dabei habe er es noch vergleichsweise gut. Wegen des Priestermangels in der katholischen Kirche gebe es Kollegen, die gleich für neun Gemeinden zuständig seien.

Freie Tage kennt auch Sheik Ahmed Kajosevic von der bosnisch-albanischen Gemeinde nur selten. Wegen der vielen traumatisierten Kriegsopfer sei er häufig zu Seelsorgegesprächen oder Krankenhausbesuchen unterwegs. „Wenn ich dann mal in der Moschee fehle, wird gemeckert.“ Seinen Trost bezieht Sheik Ahmed aus der „Gewissheit, dass wenigsten Gott sieht, was ich alles mache“.

Die evangelische Krankenhausseelsorgerin Elisabeth Knecht erhält immerhin schon mal im Diesseits Dank. Vor kurzem erst sei sie von der Mutter eines schwer kranken Kindes mit einem Blumenstrauß und einer Umarmung überrascht worden. Ansonsten hetzt auch sie wie die anderen von Termin zu Termin: Vom Krankenbett zur Besprechung im psychosozialen Dienst und anschließend zu einer Taufe.

p(autor). Doris Stickler

h3. Vernetzung von Musliminnen

Sowohl von ihren männlichen Glaubensbrüdern als auch von der deutsch-christlichen Mehrheitsgesellschaft werden muslimische Frauen häufig mit Klischees versehen, kritisierte die Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller im April bei einer Tagung des Deutschen Islamforums in Frankfurt. Sie forderte Musliminnen auf, sich untereinander zu vernetzen und selbstbewusst ihre Ansichten zu vertreten, um der Bevormundung von beiden Seiten etwas entgegen zu setzen.

h3. Muslimische Seelsorge

Bald soll es eine muslimische Seelsorgeausbildung geben, die sich an den Standards der klinischen Seelsorge, wie sie etwa die christlichen Kirchen betreiben, orientiert. Anbieten will dies der Frankfurter Verein „Grüner Halbmond – islamische soziale Dienste“. Bislang sei das Konzept einer organisierten Seelsorge als religiöse Praxis im Islam unbekannt, so dessen Vorsitzender Moustafa Shahin.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Mai 2009 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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