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1. September 2009

Viel mehr als Heimatgefühl

p(einleitung). Brauchen wir Kirchenglocken? Die Frage stellt sich immer wieder, wenn Kirchtürme aus den Fünfzigerjahren marode werden und zwischen teurer Sanierung und Abriss zu entscheiden ist.

Auch wenn eine junge Gemeinde wie die am Riedberg ein Kirchengebäude plant und ein Glockenträger die ohnehin hohen Investitionskosten weiter steigert, wird über die Bedeutung des Läutens diskutiert. Die Hoffnungsgemeinde will sogar ihr neues Gemeindehaus am Westhafen mit einer Glocke ausstatten, um sich nach ihrem Wegzug aus dem Gutleutviertel ihre Heimatgefühle zu bewahren.

!(rechts)2009/09/seite04_oben.jpg(Meist sind sie in Kirchtürmen versteckt, manchmal läuten sie aber auch im Freien – wie die Glocke der Glaubenskirche in Fechenheim. | Foto: Rolf Oeser)!

Kaum wegzudenken ist zweifellos das Frankfurter Stadtgeläut, allerdings ist umgekehrt manchem Zeitgenossen das Läuten am Sonntagmorgen eine Quelle von Ärgernis, weil es als ruhestörend empfunden wird. Bei der Diskussion um die Aufgabe oder Anschaffung von Kirchenglocken steht die vertraute Tradition der kühlen Ökonomie entgegen und oft auch der Funktion. Denn während die Glocken eines oberhessischen Dorfes ohne Mühe auch auf den Feldern der Gemarkung zu hören sind und insofern eine wichtige Signalwirkung haben, erreichen die Frankfurter Geläute nicht unbedingt alle Gemeindeglieder. Die Gemeinde Cantate Domino zum Beispiel hat das gleich beim Kirchbau berücksichtigt und nur eine freistehende Glockenwand errichtet, aber keinen Glockenturm; auf die Glocken selbst mochte auch sie freilich nicht verzichten.

Glocken wurden schon in vorchristlicher Zeit kultisch verwendet, etwa als Mittel der Geisterabwehr und als akustisches Erweckungsmittel in Mysterienkulten. Im frühen Christentum waren Glocken daher als heidnische Kultusinstrumente verpönt. Ihre Rehabilitation erfuhren sie mit der Übersetzung des hebräischen Alten Testaments ins Lateinische. Dort ist von Schellen die Rede, was mit dem Wort „Klingeln“ wiedergegeben wurden. Seither wurde die Glocke als akustisches Signal zum Herbeirufen der Gläubigen genutzt, aber erst im 6. Jahrhundert wurde es allgemeine Auffassung, dass die Glocke ein Symbol der Verkündigung sei.

In der evangelischen Kirche liegt heute der liturgische Sinn der Glocke darin, Gottes Ehre zu verkünden, die Gemeinde zu Gottesdienst und Gebet zu rufen und letztlich die Königsherrschaft Jesu Christi in dieser Welt zu verkünden. Insofern ist sie eine Zeitansage im doppelten Sinn: Sie markiert den Beginn des Gottesdienstes, und sie zeigt an, dass heilsgeschichtlich die Zeit der Gnade angebrochen ist.

Der Verzicht auf Kirchtürme und aufs Läuten kommt somit nicht nur einem Rückzug der Kirche aus der öffentlichen Wahrnehmung gleich, er kann auch so verstanden werden, dass sich die Kirchen auf ihre Innerlichkeit zurückziehen oder gar der Kraft und dem Anspruch des Evangeliums selbst nicht mehr trauen. Kirchengeläute geben dem Anliegen der christlichen Gemeinde in aller Regel eine schöne und markante Stimme, auch wenn sie längst nicht jeder hört.

Und wem die Glocken schlicht zu laut sind, der sollte wissen, dass sich die Kirchen hierzulande bei der Lautstärke an das Bundesimmissionsschutzgesetz halten müssen – damit es auch wirklich beim Wohlklang bleibt.

p(autor). Wilfried Steller

h2. Brauchen wir heute noch Kirchenglocken?

h3. Heinz Höflich (69), Rentner

!(rechts)2009/09/seite04_unten1.jpg!

In meiner Kindheit haben die Kirchen den Alltag begleitet und zum Teil auch strukturiert. Zum Beispiel läuteten die Glocken nicht nur zum Gottesdienst und zu jeder Beerdigung, sondern auch bei Gefahr oder bei Einbruch der Dunkelheit. Alle Kinder wussten dann: Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Heute gibt es das nicht mehr. Jeder hat eine Uhr, weiß, wann Gottesdienst ist und so weiter. Wenn aber keine Glocken mehr läuten würden, wäre wieder ein Stück Tradition, etwas Vertrautes verschwunden. Und ich mag das „Ländliche“ am Glockenläuten der Kirchen, das Beschaulich-Romantische, das gemessen am täglichen Lärm von Autos, Baustellen und Flugzeugen sehr angenehm ist. Als musikinteressierter Mensch genieße ich auch so etwas wie das Große Stadtgeläut in Frankfurt. Da bleibe ich stehen, um es mir bis zum Ende anzuhören.

h3. Sandra Hoffmann (37), Kommunikationswirtin

!(rechts)2009/09/seite04_unten3.jpg!

Brauchen sicher nicht. Schließlich müssen die Leute ja heute nicht mehr vom Feld gerufen werden. Mich stört das Glockenläuten aber auch nicht. Zum einen wohne ich weit genug von der nächsten Kirche weg, und zum anderen gehört dieses Geräusch für mich einfach dazu. Zum Beispiel ist das Glockenläuten etwas, das für mich den Sonntag unterscheidet und kennzeichnet. Wenn dann erst die einen und dann die anderen den Gottesdienst ein- und ausläuten, dann verbindet mich das Glockenspiel irgendwie mit der Kirchengemeinde, auch wenn ich selbst selten zum Gottesdienst gehe. Und: Kirche, Gemeindeleben, Gottesdienst – vieles davon ist doch sowieso schon für immer mehr Menschen gar nicht mehr so präsent in ihrem Leben und auch im Stadtteil nicht so sichtbar. Da ist es doch schön, dass man die Kirche wenigstens ab und zu mal hört.

h3. Gerhard Frölich (51), Radiosprecher

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Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten, aber Kirchenglocken sind mir von Kindesbeinen an vertraut und ich möchte sie ebenso wenig missen wie ein Moslem den Muezzin. Das gehört einfach dazu. Ich bin in einer kleinen Gemeinde auf dem Land mit einer katholischen und einer evangelischen Kirche in Hörweite aufgewachsen. Die beiden Kirchenglocken waren harmonisch aufeinander abgestimmt, und da ich eine musikalische Erziehung genossen habe, habe ich das als wohltuend empfunden. Das war und ist ganz vertraut, ein Stück Heimat. Für den Bauer auf dem Feld waren die Glocken ja früher sogar die Uhr: Da gab es die Mittags- und die Feierabendglocke, die Glocken läuteten bei Hochzeit und Tod. Eine schöne Tradition. Jetzt lebe ich in Frankfurt und möchte keinesfalls auf das Stadtgeläut verzichten: Das ist ein richtiger Höhepunkt im Jahr.

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. September 2009 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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