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1. Oktober 2009

Die „Religionifizierung“ des Alltags

p(einleitung). Wenn es für „Gottes Willen“ keinen Interpretationsspielraum mehr gibt, ist das religiöser Fundamentalismus. Als christliche Bewegung entstand er vor hundert Jahren in den USA.

Sie kommen modern und locker daher. „Es sieht eher aus, als würde Thomas Gottschalk predigen“, sagt Lutz Lemhöfer, Weltanschauungsbeauftragter des Katholischen Bistums Limburg. Dieses Kompliment macht Lemhöfer christlichen Gemeinden, die er dem Bereich des Fundamentalismus zuordnet. In Frankfurt sind hier die Ichthys-Gemeinde in Nied und das Christliche Zentrum im Riederwald zu nennen. Von Fundamentalismus spricht Lemhöfer, wenn die Verkündigung sich als direkt biblisch versteht und keinen Interpretationsspielraum lässt. Bibelwort und unmittelbare Eingebungen bestimmen dabei nicht nur das Glaubensleben, sondern den ganzen Alltag.

!(rechts)2009/10/seite03_oben.jpg(Die fundamentalistische Organisation „Christus für alle Nationen“ hat ihren Sitz in Frankfurt-Seckbach. Von hier aus steuert sie riesige Missionsveranstaltungen in Afrika. | Foto: Ilona Surrey)!

Lemhöfer spricht von einer „Religionifizierung des Alltags“. Während in den großen Kirchen Raum für unterschiedliche Auslegungen der Botschaft sei, werde in solchen Gruppen jede Alltagserfahrung unmittelbar religiös gedeutet: Ob ein Bewerbungsgespräch erfolgreich ist oder nicht, entscheidet nicht die Qualifikation oder der Gesprächsverlauf, sondern es hängt allein davon ab, ob es Gottes Wille ist, dass die Bewerberin die Stelle bekommen soll.

Der Begriff Fundamentalismus ist abgeleitet von einer gleichnamigen Zeitschriftenreihe: Zwischen 1910 und 1915 wurde in den USA mit kräftiger Unterstützung kalifornischer Ölmillionäre eine theologisch konservative Schriftenreihe herausgegeben und kostenlos an nichtkatholische Pastoren, Evangelisten, Missionare und Theologen verteilt. Ihr Titel lautete: „The Fundamentals“ – die Fundamente. Kritisch wandte sie sich gegen die historisch-kritische Erforschung der Bibel, aber auch gegen das moderne Weltbild der Natur- und Sozialwissenschaften, nicht zuletzt gegen die Evolutionstheorie von Darwin.

Neben dem wörtlichen Bibelverständnis (Wortfundamentalismus) gewinnt auch die unbedingt gültige Autorität persönlicher Erfahrungen und Offenbarungen, die dem Heiligen Geist zugeschrieben werden, an Bedeutung (Geistfundamentalismus). Der Gemeindeleiter, durch den Gott seinen Willen verkündet, gilt als höchste Autorität.

Von besonderer Bedeutung sind Heilungsdienste. Dies reicht vom „Befreiungsdienst“, bei dem angeblich okkulte Mächte den Körper verlassen, bis hin zu Spontanheilungen, bei denen selbst verkürzte Beine wieder wachsen sollen. An erster Stelle ist hier Reinhard Bonnke und seine Organisation „Christus für alle Nationen“ zu nennen, die ihre Zentrale in Frankfurt hat: Von Seckbach aus werden Großevangelisationen vor allem in Afrika gesteuert. Bis zu einer Million Menschen sollen an diesen Massenspektakeln teilnehmen. Bonnke wörtlich: „Tumore weicht in Jesu Namen! Alle Infektionen, Neurosen, ich breche die Kette aller Depressionen, in Jesu Namen! Die Freude am Herrn wird deine Stärke sein und deine Medizin sein.“ Neben den zweifelhaften Wunderheilungen wird Bonnke vorgeworfen, dass er Vorurteile zwischen Muslimen und Christen schürt.

Seit einigen Jahren hat die so genannte Healing-Rooms-Bewegung auch in Deutschland vermehrt Zuspruch gefunden, auch im Rhein-Main-Gebiet. Ähnlich wie in einer Arztpraxis kommen Ratsuchende dorthin, jedoch in der Hoffnung, durch Gebete geheilt zu werden. Gesundheit gilt als ein „Recht“ der Kreatur, und Krankheit wird in die Nähe einer Strafe für sündiges Verhalten gerückt.

p(autor). Kurt Helmuth Eimuth

h3. Unaufgeregter Einblick in die Fundi-Szene

Weitgehend unbemerkt ist eine Form des Christentums auf dem Vormarsch, das mit Begriffen wie „evangelikal“ und „fundamentalistisch“ schnell in eine Schublade gesteckt wird. Nicht nur wegen der wachsenden Zahl solcher Gruppen, man schätzt 700?000 Mitglieder in Deutschland, lohnt der Blick auf Inhalt und Ausrichtung.

Oda Lambrecht und Christian Baars werfen in ihrem Buch „Mission Gottesreich“ einen differenzierten Blick auf die Szene. Anhand der Themen Sexualität und Wissenschaftsverständnis, Schulpflicht, Missionsbefehl und der Stellung zu Israel zeigen sie Grundpfeiler eines christlichen Fundamentalismus auf, vor dem man erschrickt. In einem eigenen Kapitel geht es um Kinder, die in solchen Gruppen aufwachsen. Sie leben in einer ständigen inneren Zerrissenheit, da sie quasi in einer Parallelwelt erzogen werden. Kultur, Mode, Kino oder Tanz der „normalen“ Welt bleiben ihnen verschlossen. Dadurch würden die Kinder zu „sozialen Märtyrern“ erzogen.

Ein unaufgeregtes und auch durch seine Quellenvielfalt überzeugendes Buch, das sich dem christlichen Fundamentalismus weniger theologisch als phänomenologisch nähert.

p(autor). Kurt-Helmuth Eimuth

p(hinweis). Oda Lambrecht, Christian Baars: Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland, 245 Seiten, Ch. Links-Verlag 2009, 16,90 Euro. Evangelisches Frankfurt verlost fünf Exemplare, bitte E-Mail, Postkarte oder Fax schicken.

p(hinweis). *Nachtrag:* Das Buch „Mission Gottesreich“ gewannen Birgit Koller, Olaf Lewerenz, Hartmut Menhorn, Anke Rapsch und Margit Scherf.

h2. „Mit dem Heiligen Geist abfüllen“

Piercing, Tatoos und Punkfrisuren sollen abschrecken, ebenso wie der befremdliche Jugendjargon. Und doch sehen sie sich als fromme Christen: „Hört auf, euch mit Alk breit zu hauen. Damit macht ihr nur euer Leben kaputt. Lasst euch lieber mit dem Heiligen Geist abfüllen.“ Die „Jesus Freaks“ wurden 1991 in Hamburg gegründet und haben heute Anhängerinnen und Anhänger in ganz Europa. In Deutschland schätzt man ihre Schar auf 2000, auch im Rhein-Main Gebiet sind sie aktiv.

!(kasten)2009/10/seite03_unten.jpg(Filmgespräch im Theater Willy Praml: Pfarrerin Ulrike Trautwein, Moderatorin Antje Schrupp, Jugendkulturkirchen-Pfarrer Rasmus Bertram und die Regisseurin Anne Pütz diskutierten über den Film „Jesus Freaks“ – von links nach rechts. | Foto: Rolf Oeser)!

Das Theater Willy Praml zeigte den 84-minütigen Dokumentarfilm „Jesus Freaks“. Die Berliner Filmemacherin Anne Pütz hat dafür zwei Jahre lang drei Frauen, die der frommen Bewegung angehören, begleitet. Sie sind alle Mitte zwanzig und ringen mit den Versuchungen des Fleisches: Alkohol und Sex. Bei einer löst diese Widersprüchlichkeit Angstanfälle mit Herzrasen und Selbstmordphantasien aus. Alle drei brauchen einen festen Halt, ein Korsett zur Lebensbewältigung.

„Ich wollte in diese Seelen hineingucken“, erläuterte Pütz im Filmnachgespräch. Pfarrerin Ulrike Trautwein konstatierte, das sei wohl gelungen. Aber viele Lebensäußerungen seien paradox. Dem konnte die Autorin nur zustimmen. Viele Jesus Freaks seien in einem Moment Feuer und Flamme für eine Sache und im anderen Moment nicht mehr dabei. Sie führten auch jede Alltagsentscheidung auf Gott zurück. So kaufe man einen teuren Pullover, weil „Gott diesen gesegnet habe“.

Für Ulrike Trautwein zeigte der Film eindrücklich drei Frauen, die Halt suchen. „Ich habe die Sehnsucht gespürt, aber auch die Selbstsuggestion“. Pfarrer Rasmus Bertram von der Jugendkulturkiche Sankt Peter sagte, viele Jugendliche hätten „Sehnsucht nach Ordnung und klaren Verhältnissen.“

Besonders Menschen, die Verletzungen erfahren haben, finden eine Zeit lang Halt in solchen Extremgruppen. Sie tauschen auch manchmal die Ideologie – so wie Mireille im Film, die Satanistin war, bevor sie zu den Jesus Freaks kam – und wenden sich später wieder anderen Gruppen zu. Möglicherweise gelingt auch irgendwann ein bürgerliches Leben. Die Beobachtung und die Analyse dieser biographischen Brüche wäre interessant gewesen. Doch davon erzählt der Film trotz seiner Länge wenig.

p(autor). Kurt-Helmuth Eimuth

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. Oktober 2009 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Herbert Fischer schrieb am 16. Oktober 2009

    100 Jahre christlicher Fundamentalismus !?!
    Ich bin erstaunt zu lesen, dass sich Christen erst sein 100 jahren auf ein festes Fundament berufen sollen.
    Was sagen Sie dann dazu, dass Martin Luther in Worms schon sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“? Auch er hatte ein klares Fundament für das er bereit war zu sterben und mit dem er die damaligen religiösen Führer herausforderte. Sein Ziel, dass die Bibel jedem Menschen zugänglich wird, hat zur Gründung der evangelischen Kirche geführt und sollte damit auch Ihr Fundament sein.

    Herbert Fischer

  • Sebastian Wiedemann schrieb am 23. November 2009

    Auf welchen Fundament wollen sie denn stehen?

    Für mich ist es absolut notwendig mein Leben auf ein festes Fundament zu stellen, dem ich vertrauen kann. Zudem bin ich 24h Christ und nicht nur dann, wann es mir passt. Dazu gehört unweigerlich vor allem mein Alltag.
    Die Wahrheit ist, dass: „welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ (Rö8,14)

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